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Breaking Bad: Wohlfühlende statt Katastrophe

Geschrieben von Dominik
Breaking Bad: Wohlfühlende statt Katastrophe

Als ich zum ersten Mal von „Breaking Bad“ hörte, war es noch die Serie. in der der Vater aus „Malcom mittendrin“ einen krebskranken High School Lehrer spielte, der versucht, mit Crack genug Geld für seine Behandlung und Familie zu verdienen. Inzwischen ist „Breaking Bad“ die Fernsehserie, die unzählige Preise abräumt und dank eines Metacritic Ratings von 99 von 100 Punkten einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde verdient hat.

Bereits zu Beginn der 5. Staffel ist klar: Walter White zieht in den Krieg. (Bild: AMC)
Bereits zu Beginn der 5. Staffel ist klar: Walter White zieht in den Krieg. (Bild: AMC)

In einer Liste der 101 am besten geschriebenen TV-Serien aller Zeiten der Writers Guild of America erreicht „Breaking Bad“ trotzdem nur den 13. Platz und muss sich damit „Seinfeld“ (Platz 2, kann man nicht wirklich vergleichen) und „Die Sopranos“ (auf Platz 1) geschlagen geben. Was „Breaking Bad“ den „Sopranos“ aber meiner Meinung nach diesen Serien voraus hat, ist die wirklich tolle letzte Folge. „Die Sopranos“ quälten mich in der ersten Hälfte der sechsten Staffel mit esoterisch angehauchtem Stillstand und spuckten mir am Ende mit einem schwarzen Bildschirm ins Gesicht. Das Ganze wirkte eher, als hätte langsam keiner mehr Lust, noch weiter zu machen (oder die Gage von James Gandolfini zu bezahlen). Nicht so „Breaking Bad“. Sie ist vielleicht die erste Fernsehserie, die über fünf Staffeln und ebensoviele Jahre unbeirrt sowie konsequent in eine Richtung marschiert ist. Es ist damit nicht nur eine Serie ohne Kompromisse, sondern auch eine ohne überflüssiges Fett und unnötiges Füllmaterial. 99,1% unverfälscht! So rein wie die Droge, die Walter White erzeugt, und in der Tat wirken dagegen die kurzen Cliffhanger-Highs der J.J.Abrams-Armada von „Lost“ bis „Fringe“ wie schlecht gestreckter Stoff. „Breaking Bad“ ist in dieser Hinsicht ein Gamechanger. Es demonstriert, dass auch Fernsehserien geschlossene, kreative Kompositionen sein können.

Vince Gilligan, der sich die Serie ausgedacht hat, wird wissen, wie man es richtig macht. Er hat mehrere Jahre an „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ geschrieben. Die Abenteuer von Mulder und Scully waren damals schon fortschrittlich und wichen um die Jahrtausendwende immerhin schon punktuell von der Masche ab. Statt dem Zuschauer jede Woche einen neuen Fall zu präsentieren, legten die Macher einen roten Faden an, der sich über alle Staffeln zog, dann aber am Ende nicht zu einem befriedigenden Ende fand. In einem Interview gab Gilligan 2011 zu Protokoll, dass sein Ansatz mit „Breaking Bad“ gewesen wäre, mit der Regel zu brechen, dass sich die Figuren in einer TV-Serie in einem selbstauferlegten Stillstand befinden müssen. Er wollte stattdessen eine Serie, die auf Veränderungen setzt. Auch wenn Serien wie „24“ in dieser Hinsicht schneller waren, würde ich Gilligan bescheinigen, dass er in diesem Bereich die bisher beste Leistung gezeigt hat.

Etwas konkreter: Ich habe schon viele Serien gesehen. Ich kann sie von ihrem Ende her in vier Kategorien teilen. Kategorie 1: „Lassen wir mal alles offen, vielleicht kommt ja doch nochmal eine Staffel oder ein Kinofilm?“ (Beispiel „Akte X“). Kategorie 2: „Hilfe, wir wollten eigentlich noch mindestens 2 Staffeln länger! Bitte gebt uns noch eine Staffel oder vielleicht einen Kinofilm!“ (Beispiel: „Firefly“ oder jüngst „Alcatraz“). Kategorie 3: „Puh, die Luft ist irgendwie raus. Wie hören wir auf?“ (Beispiel: „Monk“, mit Sicherheit irgendwann „Die Simpsons“). Und jetzt kommt „Breaking Bad“. Kategorie 4: „Das ist alles, was wir machen wollten. Es ist so, wie wir es machen wollten. Wir hoffen, ihr hattet eine genauso gute Zeit wie wir.“

Lustigerweise ist das, was das Ende von „Breaking Bad“ zu einer so runden Sache macht, im Grunde der Bruch mit einigen etablierten Grundsätzen der Serie. Zum Beispiel die Schonungslosigkeit, mit der sie ihren Figuren immer neue Grenzüberschreitungen abverlangt hat, um sie immer tiefer in den Sumpf des Verbrechens zu ziehen. Es gibt überraschende Entscheidungen, Erlebnisse und Konfrontationen, die jedoch das Leben der Figur für immer verändern. Am Schluss ist aus dem harmlosen Lehrer ein krimineller Mastermind und aus dem Kleinstadtgangster ein gebrochener Mann geworden. Das Finale dieser Reise kann nicht mehr tiefer in den Abgrund führen, als es bereits in der vorletzten Episode geschehen ist. So gesehen wird die Kehrtwende logisch, die sich in „Felina“ vollzieht. Der Titel ist nicht nur ein Anagramm von „Finale“, sondern auch eine Referenz auf den Country Song „El Paso“ von Martin Robbins. Dieser wird eingespielt, als Walt das Auto startet, das ihn aus dem Exil zu seinem persönlichen Showdown fahren wird. Im Lied geht es um einen Cowboy, der besagter Felina dermaßen verfällt, dass er zum Mörder wird.

Mit Walter Whites Alter Ego Heisenberg sollte man sich besser nicht anlegen.
Mit Walter Whites Alter Ego Heisenberg sollte man sich besser nicht anlegen.

Am Ende verabschieden wir uns von Walt, Jessie und den anderen – untermalt von Badfingers „Baby Blue“. Wer dem Songtext lauscht, der begreift, dass Walts Felina die Droge war, die er zusammen mit Jesse gekocht hat und deren Markenzeichen die blaue Farbe war. Die größte (und zugleich unwahrscheinlichste) Kehrtwende der Serie zum Schluss ist, dass der meisterhafte Lügner Walt die Wahrheit eingesteht. Man verzeiht das gerne, denn wo bei anderen Serien am Schluss ein fader Nachgeschmack, Unzufriedenheit oder gar Ärger bleibt, kann der Zuschauer hier tatsächlich loslassen. „Breaking Bad“ bietet ein versöhnliches Ende und fühlt sich damit fast schon wie klassisches Hollywood-Kino an. Jeder bekommt, was er verdient, auch der Fan –  nämlich einen befriedigenden Abschluss. Man kann nur hoffen, dass in Zukunft mehr Serien damit anfangen, ans Ende zu denken.

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Über Dominik

Dominik Mieth ist seit Pac-Man von Videospielen fasziniert und öfter durch die Welt 1-1 von Super Mario Bros. gelaufen als zur Grundschule gegangen. Während dem Studium der Filmwissenschaft, Germanistik und Philosophie landete er u.a. bei DemoNews.de, wo er im Austausch für Rezensionsexemplare Spiele testen durfte.... [weiterlesen]

Veröffentlicht am 9. Oktober 2013

7 Kommentare zu “Breaking Bad: Wohlfühlende statt Katastrophe

  1. Andy schrieb am :

    Kategorie 4 ist in der Tat selten, aber IMHO schon vorher präsent gewesen. Eine andere Serie, die sich auch in Sachen Länge einfach nur richtig anfühlte, wo kein Subplot unnötig aufgebläht wirkte und bei der das Finale als eines der besten aller Zeiten bezeichnet wird, wäre in meinen Augen „Six Feet Under“.

    Aber auch da muss ich zugeben: Es war wohl nicht alles so von Anfang an geplant, einige Charakterzüge haben sich erst im Laufe der Zeit entwickelt (was an sich auch nichts verwerfliches ist). „Breaking Bad“ hingegen packt wirklich etwas sehr seltenes: Das sich das Ende genau so anfühlt, wie man es sich am Anfang gewünscht hat und es vermutlich auch genau so geplant war.

  2. Eine meiner Lieblingsserien (Breaking Bad habe ich ehrlich gesagt noch nie geschaut, mal sehen, ob ich das irgendwann nachhole) ist auch eine Runde Sache, was wirklich selten ist. Allerdings ist es oft nicht die Schuld der Serienmacher, dass eine Serie irgendwann lange vor ihrem Ende eingestellt wird.

    Was ich sagen wollte, Alias, vom inzwischen viel geschmähten J.J. Abrams ist eine dieser vollständigen Serien mit abgeschlossener und wirklich runder Handlung, eine meine All-Time-Favorites. Wer die nicht kennt: Unbedingt schauen!

  3. Dominik schrieb am :

    „Alias“ hab ich schon länger geplant! Leider hab ich damals nur vereinzelt Folgen im Fernsehen gesehen, aber sobald die komplette Serie in einer Box zu haben ist, werde ich zugreifen! Bin wirklich gespannt und habe bisher auch nur gutes gehört und gelesen!

    „Six Feed Under“ fand ich auch klasse. Allerdings gehörte die letzte Staffel für mich klar in die Kategorie 3. Mag aber persönliches Empfinden sein. Das Ende war zwar rund, aber ließ mich nicht mit dem Gefühl zurück, dass es von Anfang an so geplant war.

  4. Xanija schrieb am :

    Wäre schön gewesen, wenn für Leute, die die Serie noch nicht zu Ende geschaut haben, die Überschrift weniger nach Spoiler riechen würde :(

  5. Dominik schrieb am :

    Ich hab bzgl. Spoiler eigentlich einen Teasertext geschrieben. Der wurde auf der Startseite aber leider nicht angezeigt. Dass es ein rundes (Wohlfühl-)Ende ist, das Fans der Serie rundum zufrieden stellen dürfte und keine Katastrophe, über die man sich aufregen muss, empfinde ich nicht als Spoiler. Abgesehen davon ist der Text – meiner Meinung nach – spoilerfrei.

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