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Blutdürstig: Es muss nicht immer Twilight sein

Geschrieben von Andreas
Blutdürstig: Es muss nicht immer Twilight sein

Bald kommt „Twilight – Eclipse“ in die Videotheken, aber es muss ja nicht immer Bella, Edward & Co sein. Gute Vampirfilme gibt es auch woanders.Dabei wandelt dieses Genre ständig zwischen Schund und Genialität. Seit der Stummfilmzeit wurde der Vampir in unzähligen Verfilmungen auf die Leinwand gebannt, aber selten originell. Stattdessen zeigten sie viel Blut, Sex und im schlimmsten Fall übelsten Kitsch. Aber es gibt Ausnahmen, die dem Genre neue Seite abgewinnen konnten – im All, on the road oder in einer schwedischen Plattenbau-Siedlung.

Planet der Vampire (“Terrore Nello Spazio“, I/Sp 1965, R.: Mario Bava)

Zunächst mal: Der Film ist Schund. Miese Schauspieler, schlechte Tricks und Papp-Kulisse. Trotzdem ist Mario Bavas („Die Stunde wenn Dracula kommt“, I 1960) Film ein Meilenstein in der Geschichte des Horrorfilms.

Zwei Raumschiffe fangen geheimnisvolle Funksignale von einem Planeten auf und machen sich sofort auf zu einer Erkundungsmission. Dort angekommen treffen sie auf körperlose außerirdische Wesen, die in die Köpfe der Besatzungsmitglieder eindringen und die Kontrolle über die Astronauten übernehmen. Der Grund: Ihr Planet ist am Sterben und die Geist -Vampire suchen eine neue Heimat. Am Ende kehren nur zwei Überlebende zu ihrem Raumschiff zurück.

Dieser Film ist trotz seiner offensichtlichen handwerklichen Schwächen vor allem als Ideengeber bemerkenswert. „Alien“ von Ridley Scott hat sich recht offensichtlich an dem Plot bedient und die Pointe wurde von Roman Polanski in „Tanz der Vampire“ wiederverwertet. Davon konnte Regisseur Bava natürlich nichts ahnen. Der italienische Vielfilmer gilt als Ikone des Horrorfilms und ist einer der Erfinder des Giallos – brutale, aber stilistisch ausgefeilte Thriller. „Der Planet der Vampire“ könnte man als „guilty pleasure“ bezeichnen: unterhaltsam, schräg und unfreiwillig komisch. Das ist zumindest meine Meinung, denn es gibt sogar Kritiker, die hinter der Pappkulisse ein bewusstes Stilelement sehen, um nicht von der Story abzulenken. Sicher ist, dass die Geschichte tiefgründiger ist, als in so mancher Konkurrenz der damaligen Zeit und das der einfallsreiche Mix aus Science-Fiction und Horror das heutige phantastische Kino entscheidend geprägt hat. Für Genre-Fans ist „Planet der Vampire“ Pflichtprogramm.

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Planet der Vampire: Bewegte Bilder sagen mehr als 1000 Tropfen Blut...

Near Dark (USA 1987, R.: Kathryn Bigelow)

Liebe Twilight-Hasser, das ist euer Film. Hier liebt ein Cowboy ein Vampirgirl, aber statt Kitsch geht es hier ordentlich zur Sache. Kathryn Bigelows („The Hurt Locker“, USA 2009) Genre-Mix ist einer der besten Vampirfilme aller Zeiten.

Caleb (Adrian Pasdar, „Heroes“) ist ein Cowboy, der mit Vater und Schwester allein auf einer Ranch lebt. Irgendwann läuft ihm die hübsche Mae über den Weg, er verliebt sich, aber statt einem Kuss, beißt sie ihn. Mae ist nämlich eine Vampirfrau, die mit ihrem Clan in einem Wohnmobil durch die USA tourt. Caleb verwandelt sich langsam in einen Vampir und wird von ihnen entführt. Statt Menschen zu töten, wird er aber für Clanführer Jesse (Lance Hendriksen, „Alien“) zu einem Sicherheitsrisiko. Als dieser Calebs Schwester entführen lässt, kommt es zum Showdown.

Die beiden Autoren Kathryn Bigelow und Eric Red („The Hitcher“, USA 1986) machen aus dieser Geschichte einen wilden Genre-Mix: Western, Horror, Roadmovie und Liebesgeschichte. Was aber auf dem ersten Blick ziemlich wirr erscheint, wird unter Bigelows Regie zu einem dreckigen Abgesang auf sämtliche Vampir-Mythen. Ihre Vampire tragen keine eleganten Anzüge, sondern abgewetzte Ledermäntel und statt snobistischem Elitedenken geht es für Jesse und seine Vampire nur ums Überleben. Wie blutdürstige Raubtiere irren sie durch das Land, kleben ihre Windschutzscheiben zu und suchen das nächste Opfer. Das alles lässt das etwas kitschige Ende verblassen. War das alles zuviel für den damaligen Kinogänger? Offensichtlich. Trotz souveräner Darsteller (Bill Paxton!), toller Bilder und einem grandiosen Soundtrack von Tangerine Dream wurde der Film zu einem Flop. Erst durch die Zweitverwertung im Heimkino mauserte sich der Film zu Kulthit. „Near Dark“ ist eine 80er-Jahre-Horror-Perle, die erstaunlich gut gealtert ist.

Man sollte sich mit dieser Clique lieber nicht einlassen (v. l. n. r.: Lance Hendriksen, Jenette Goldstein, Bill Paxton)

So finster die Nacht („Låt den rätte komma in“, Schweden 2008, R.: Tomas Alfredson)

Bizarr, verstörend, gut. Tomas Alfredsons Vampirfilm wurde in seinem Heimatland Schweden zu einem Überraschungshit und von der Presse überschwänglich gelobt. Ein Amerikanisches Remake von Matt Reeves („Cloverfield“, USA 2008) ist bereits abgedreht.

Stockholm 1982: Der zwölfjährige Oskar lebt mit seiner Mutter in einer Plattenbausiedlung und wird von seinen Mitschülern gehänselt. Eines Nachts trifft er die gleichaltrige Eli und verliebt sich in sie. Was Oskar nicht weiß: Eli ist eine Vampirin und ihr angeblicher Vater Hakan ist in Wirklichkeit ihr langjähriger Geliebter. Während sich Eli versteckt, sucht Hakan Blut für die Vampirin und begeht grausame Morde. Eines Tages geht etwas schief und Hakan wird verhaftet. Er opfert sich, um Eli zu schützen, doch sie steckt in Klemme und nun ist sie auf Oskars Hilfe angewiesen, der trotz der schrecklichen Wahrheit zu Eli hält.

Vieles an diesem Film ist eigenartig. Blickt man lediglich auf die Figuren und ihre Probleme ist es fast ein Kinderfilm, sieht man die Bilder wird es zu einem der düstersten Vampirfilme der letzten Jahre. Die Erzählweise ist ruhig und die Schockmomente sind rar, aber dennoch konsequent. Alfredson und sein Drehbuchautor John Ajvide Lindqvist (der auch die Romanvorlage schrieb) erzählen eine schaurig-schöne Geschichte über das Erwachsenwerden ohne in Twilight-Kitsch zu verfallen. Statt Klischees zeigen sie subtile und lebensnahe Charakterporträts (Hervorragend: Kåre Hedebrant u. Lina Leandersson als Oskar und Eli) und weigern sich, klare Lösungen anzubieten. Das Ende ist deshalb zweideutig: die Liebenden haben sich zwar gefunden und die Stolpersteine aus dem Weg geräumt, aber es bleibt die Gefahr, dass Oskar ein ähnliches Schicksal wie Hakan droht. Das ist tragisch, romantisch, aber auch ziemlich böse.

"So finster die Nacht" - Astrid Lindgren trifft Stephen King.
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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 6. Dezember 2010

6 Kommentare zu “Blutdürstig: Es muss nicht immer Twilight sein

  1. Robin schrieb am :

    Ich antworte auf dein Tweet, Andreas, mal hier in den Kommentaren.

    Let the right one in habe ich gesehen, jedoch ist aus irgendeinem Grunde der Funken zu keiner Zeit übergesprungen. Ich kann mir selbst nicht so recht erklären warum. Vielleicht etwas zu viel Melancholie? Uu sehr Charakterporträt und zu wenig Vampirfilm? Ich kann's selbst nicht so ganz sagen, aber je länger der Film ging, desto langweiliger wurde mir.

    Und das, obwohl ich mir zu jeder Zeit bewusst darüber war, wie gut der Film doch eigentlich gemacht ist. Die jungen Schauspieler sind großartig und die BIlder oft wirklich wunderschön. Aber es hat einfach nicht sollen sein.

    Ich werde mich aber au fjeden Fall auch nochmal an das Remake Let Me In wagen, dass ja laut der amerikanischen Presse wirklich überraschend gut sein soll.

    Und ich denke, dass wird dann auch fürs erste der letzte Vampirfilm sein, den ich mir anschaue. Seit ich Thirst Anfang, Mitte dieses Jahres gesehen habe hat sich mein Interesse an Vampirfilmen fast vollständig erschöpft. Ich habe für mich schlicht das Gefühl, dass dieser Film mir alles über den Mythos erzählt hat, was es zu erzählen gibt. Das ist aber natürlich eine sehr subjektive Einstellung.

  2. Zunächst: Schöne Auswahl! Gerade "So finster die Nacht" zählt zu einem meiner Lieblingsfilme. Weniger weil es ein Vampirfilm ist (mit Vampiren hab ichs nicht so, ehrlich gesagt), sondern weil mir die melancholische Stimmung und der Subtext unheimlich gut gefällt. Auf das Remake bin ich zwar weniger gespannt, aber da es vom Regisseur von Cloverfield kommt, wollte ich dem zumindest eine Chance geben ;)

    Dann: Thirst! Ok, Du hast jetzt vermutlich schon von tausend Seiten gehört, dass der Film in dieser Liste auftauchen sollte. Ich spare mir also weitere Ausführungen dazu.

    Als weitere Empfehlung finde ich noch "30 Days of Night" erwähnenswert. Ich habe mir den Film vor einiger Zeit für 3 Euro aus der Videothek als Gebrauchtfilm mitgenommen und ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass der mich vom Hocker hauen würde, aber tatsächlich hat der Film mich mit seiner kompetenten Machart und einer ziemlich gelungenen, kompromisslosen Grundstimmung überrascht. Die Kritiken zum Film waren insgesamt eher negativ und in meinem Freundeskreis gibt es auch geteilte Meinungen, aber ich denke trotzdem, dass er gut in diese Liste passt.

    Daybreakers von den Spierig Brothers fällt mir spontan auch noch ein. Wobei dies eher ein Sci-Fi-Film ist …

  3. Ich erhebe ja keinen Anspruch auf Vollständigkeit ;) Das ist eine kleine Liste von drei Filmen aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Klar, "Thirst" ging mir auch durch den Kopf ("Oldboy" ist grandios!), aber ich wollte wie bei dem SF-Film-Special nur drei Filme haben und da finde ich "So finster die Nacht" im direkten Vergleich besser als "Thirst". Mal sehen, vielleicht gibt es ja noch eine Fortsetzung von dem Artikel…

  4. Na, Andreas..das schreit wohl nach einer Fortsetzung. :)

    @Micha: Also persönlich fand ich "30 Days of Night" zwar gut, aber speziell die Story nicht gerade überwältigend. Insgesamt find ich den Streifen wirklich nicht schlecht, aber eben auch kaum erinnerungswürdig. Aber Du sagst es ja schon…die Meinungen gehen da recht weit auseinander…vermutlich auch zurecht.

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