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(Afraid of the) Dark: Schleichende Vampir-Langweile

Geschrieben von Sven
(Afraid of the) Dark: Schleichende Vampir-Langweile

Jedes Studio braucht mal einen fetten Flop. Überlebt es diesen, kann es nur besser werden. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass die Verantwortlichen bei Kalypso nach „Dark“ nicht auf die Idee kommen, das Team von den Realmforge Studios in die Arbeitslosigkeit zu schicken. Es genügt, wenn die Programmierer und Designer zur Strafe für ihr Werk einfach die 100 schlechtesten Vampirfilme der Welt gucken müssen. Finde ich.

Eric ist soooo cool. Nicht. (Foto: Kalypso Media)
Eric ist soooo cool. Nicht. (Foto: Kalypso Media)

Mit Sicherheit ist „Dark“ das größte Projekt des erst 2009 gegründeten Studios. Nach „Ceville“, „MUD T.V.“ und „Dungeons“ durfte die in München ansässige Entwicklerbude erstmals ein sicherlich größeres Action-Adventure für PC und Xbox 360 realisieren. Nur mal ehrlich: Wieso eigentlich? Den Aufwand hätten sich die Macher sparen können. Ich sehe weit und breit nichts, was ich als besonders gut bezeichnen würde. Das fängt schon bei der Geschichte an. Irgendein Unsympath namens Eric Bane wacht in einem Nachtclub auf und erfährt, dass er plötzlich Vampir mit tollen Fähigkeiten ist. Wieso, weshalb, warum? Das sollt ihr am besten selbst herausfinden. Bezeichnet wird das lahme, klischeebeladene und  irgendwie total altmodische Geblubber als „spannend“ – ist es aber nicht. Vielmehr erinnert mich die Blutsauger-Geschichte an allerlei Mistfilme der letzten Jahre, irgendwie zum Beispiel an „Wir sind die Nacht“. Dazu gibt’s noch eine Portion „Blade“ und willkürlich rausgepickete Elemente weiterer Genrevertreter der 1990er Jahre. Wäre die Story wenigstens interessant – aber in diesem Fall ist echt gar nichts dabei, was mich anspricht. Der Protagonist? Der ist so furchtbar cool, den lasse ich gerne einfach so ein paar Mal sterben. Weil ICH es kann. Haha.

Das Spielkonzept ist in der Theorie gar nicht mal verkehrt. Setzt Bruchstücke eurer Erinnerungen zusammen, indem ihr allerlei Missionen erledigt und den Hintergründen näher kommt. Nutzt Vampir-Eigenschaften, saugt Gegner aus, schleicht euch unauffällig an bewaffnete Feinde heran oder ermordet sie heimtückisch. Verbessert Rollenspiel-typisch eure Talente und lernt nach und nach neue dazu. Würde all das fein funktionieren  und miteinander harmonieren, ich hätte gar kein Problem mit der ausgelutschten Vampir-Thematik und dem für meinen Geschmack abstoßenden Eric (deutete ich das schon einmal an?). Nur riecht die Umsetzung an jeder Ecke verdächtig nach einem „unfertig“. Beispiele gefällig? Gern: Tötet ihr Kontrahenten unauffällig, klappt das solide. Wehe aber,  ihr werdet zufällig entdeckt. Dann strömen die Gegner wie „Pac-Man“-Geister auf euch zu, ihr könnt kaum ordentlich flüchten  – nicht einmal vernünftig mit dem ach wie tollen Teleporter oder wie die Entwickler das genannt haben. Solltet ihr das doch irgendwie hinbekommen, frustriert euch garantiert die schwammige, unpräzise Steuerung, das Hängenbleiben an Ecken oder die sporadischen Grafikfehler. Damit könnt ihr leben? Echt jetzt? Auch mit den ewig langen Ladezeiten und den mies verteilten Rücksetzpunkten?

Okay, ich hatte es schon nach einer Stunde verstanden: „Dark“ will ein Stealth-Abenteuer sein, bei dem ihr unauffällig vorgeht. Haltet ihr euch konsequent daran, wird es flotter langweilig, als ihr einen Menschen aussaugen könntet (schätze ich!): Trotz wechselnde Schauplätze und manch willkürlich eingeworfener Puzzles sowie öder Unterhaltungen mit NPCs erledigt ihr immer den gleichen Mist, Höhepunkte gibt’s quasi nicht. Und sobald ihr mal selbst aus der Deckung heraus loslegen wollt, reibt euch „Dark“ die technischen Unzulänglichkeiten unter die Nase. Das ist doch einfach nur frustrierend. Dazu passen die zwei höheren der drei Schwierigkeitsgrade.

Ein paar Vampirtussis sind auch dabei. Eine kann sogar hackken. Boah, ganz toll. (Foto: Kalypso Media)
Ein paar Vampirtussis sind auch dabei. Eine kann sogar hackken. Boah, ganz toll. (Foto: Kalypso Media)

Kann ich überhaupt ein positives Wort über „Dark“ verlieren? Betrachte ich generell die KI und die Akustik samt der Sprachausgabe – nein! Immerhin ist die Optik ein kleiner, winziger Lichtblick. Eine mangelnde Grafikpracht kaschieren die Designer mit einem ansehnlichen Cel-Shading-Look, der in der Tat einen dezenten Graphic Novel-Charme versprüht.  Ihr könnt es euch sicher denken – das macht das Spiel auch nicht besser!

Als ich das Spielen von „Dark“ entnervt aufgab, hinterließ diese Zeitverschwendung nur eine Frage: Was sollte das überhaupt? Mieses Spiel hin oder her – für ein relativ kleines Unternehmen wie Kalypso dürfte der Titel ein teures Projekt gewesen sein. Und trotzdem ließen die Produzenten den Realforge Studios genügend Raum, ihren Quatsch ohne besondere Ideen oder Alleinstellungsmerkmale umzusetzen? Das ist ja sicher nett und mutig von der Chefetage, aber eine unnötige Geldverbrennung. In dieser Form will niemand „Dark“ spielen, geschweige denn kaufen. Wenn ihr interaktiven Vampirtrash haben wollt, wartet bis spätestens zum Weihnachtsausverkauf (bei Steam oder so). Dann wird euch der Murks gewiss für ein paar Cent hinterher geworfen. Eines kann ich „Dark“ immerhin zugutehalten: Das Trinken einer Blutkonserve erzeugt mehr Würgereiz. Habe ich gehört….

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 29. Juli 2013

3 Kommentare zu “(Afraid of the) Dark: Schleichende Vampir-Langweile

  1. Mcfly schrieb am :

    Ich frage mich auch was das soll, solch einen schnarchigen Murks rauszubringen. Wer es noch nicht kennt:
    Spielt lieber das 9 Jahre alte „Vampire: The Masquerade – Bloodlines“. War damals eine echte Frechheit es so fehlerhaft zu veröffentlichen, die reinste Bughölle. Durch Fanpatches wurde es im Laufe der Jahre immer besser und wird auch weiterhin gepatched. bit.ly/17Ivuyl

    • Ja, „Bloodlines“ ist wirklich – in gesund-gepatchter Form – ein Paradebeispiel fuer einen gelungenen Mix aus Action-Adventure und Rollenspiel, mit einer Entscheidungsfreiheit a la „Mass Effect“, einer tollen Handlung und einer ueberzeugenden Atmosphaere. Schade, dass Troika damals das Ding so ueberhastet veroeffentlichen musste, da ihnen finanziell das Wasser bis zum Halse stand – und schade, dass das alles dann schlussendlich zum Ende von Troika gefuehrt hat. Aber immerhin lebt „Bloodlines“ durch die Fans weiter – als grandioses Vermaechtnis an einen aussergewoehnlichen Entwickler und als Paradebeispiel fuer eine Vampir-Versoftung!

      Wer braucht da noch „Dark“?

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