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Vorsicht, Rant! Bound by Flame!

Geschrieben von Lara

Ich ärgere mich oft beim Spielen. Beispielsweise, weil ich nicht weiterkomme, ich die falsche Entscheidung getroffen oder eine Situation mehr schlecht als recht gemeistert habe. Ich ärgere mich selten über Spiele. Kein Titel ist perfekt. Bugs, Clippingfehler und komplette Abstürze sind zwar nervig, aber bringen mich nicht zum Schreien.

Ganz anders: “Bound by Flame”. Dieses Spiel ist für mich der Gipfel des Wut-Berges. Ich bin bisher bei keinem Spiel so oft so lautstark ausgerastet. Schon die Tutorial-Mission brachte eine gehörige Portion Frust mit sich. Doch da dachte ich noch, ich hätte das System eben noch nicht gelernt. Wie sehr ich mich getäuscht habe! (Spoilerwarnung!)

Schwer but Fair?

Beim Thema Schwierigkeitsgrad drängt sich sofort der Vergleich mit der “Souls”-Reihe auf. Doch während ein “Dark Souls” bei allem Anspruch eigentlich immer fair bleibt, ist “Bound by Flame” bis zum Schluss vor allem eins: Imba. Die Unausgeglichenheit (Imbalance) der Gegner unter einander und gegenüber der Spielerin was Stärke und Schwierigkeit angeht könnte nicht größer sein. Bis zum Schluss macht sich das Aufwerten des Charakters kaum bemerkbar. Skelettkrieger mit Schild halten mich minutenlang auf, egal ob ich auf Level 1, 10 oder 20 bin. Jeder verdammte Kampf wird so zur Geduldsprobe, weil ich ewig brauche, bis ich einem Feind endlich den kompletten Lebensbalken abgezogen habe. Bosse später als normale Gegner zu recyceln, hat mich schon immer genervt. Wenn dann zusätzlich noch ein Bogenschütze und ein Schwertkämpfer dazu kommen, wird’s richtig mies.

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Dieser Kampf wird ein langer sein. – Foto: Spiders/Focus Home Interactive

Den Endboss habe ich bis heute nicht geschafft. Ich dürfte jetzt etwa bei Versuch 53 liegen. Er gliedert sich in drei Phasen. Die erste ist noch recht einfach, zieht sich aber trotzdem, weil das Fenster, in dem ich Schaden zufügen kann, ohne selbst getroffen zu werden, winzig klein ist. In der zweiten Phase kann ich überhaupt keinen Schaden austeilen, denn da ruft der Endboss sein Haustier und baut einen Schutzschild um sich. Also muss ich erst das Pet verjagen. In der dritten Phase greifen mich Boss und Haustier gleichzeitig an, ihre Angriffe sind dabei schneller, als in den ersten beiden Phasen. Und das Fenster zum Austeilen noch geringer. Netterweise springt der Kampf nach kurzer Zeit wieder zurück in die zweite Phase. Zum-wahn-sinnig-werden!

Generische Geschichte und liebloses Charakterdesign

Ich verzeihe einem Spiel recht viel, wenn mich die Story packt. Tja, zum Einstieg gibt’s direkt 08/15-Fantasy-Gedöns: Böse Eismagier überrennen mit ihrer Armee Untoter die Welt und wir sind Teil der letzten Menschen, die noch Widerstand leisten. Eine Gruppe Gelehrter, die Roten Weisen, will mit einem Feuer-Magie-Ritual mächtig genug werden, um die Eroberer aufzuhalten. Wir sind Teil einer Söldnertruppe, die zum Schutz angeheuert wurde. Generischer geht’s echt nicht. Im Laufe des Spiels erfahrt ihr in Gesprächen eine detaillierte Hintergrundanalyse jedes einzelnen Eismagiers mit Vorlieben sowie Schwächen und woher dessen Macht stammt. Nach unzähligen Stunden könnt ihr endlich einen der Fieslinge stellen. Habt ihr diesen jedoch besiegt, geht es direkt zum Endboss. Wie absurd ist das denn?! Erst wird bei mir eine Erwartungshaltung geweckt, gegen sechs Oberschurken kämpfen zu müssen, und dann ist nach einem Schluss? Hatten die Entwickler keine Lust, kein Geld oder keine Zeit mehr für den Rest? Oder planen die noch fünf weitere Teile? Bloß nicht! So wirkt die Geschichte mit ihrem abrupten Ende unfertig. Und ich bin noch frustrierter als ohnehin schon.

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Wir sehen hier den Homo Heldus Genericus in freier Wildbahn – Foto: Spiders/Focus Home Interactive

Dazu passt das Charakterdesign der Hauptfigur. Hier spuckt einem die Oberflächlichkeit ins Gesicht. Die Auswahlmöglichkeiten der optischen Darstellung ist eine Farce. Das bisschen individuelle Gestaltung hätte man sich sparen können. Diese Funktion haben die Programmierer wohl reingenommen, um sagen können, dass es auch drin ist. So wie die Möglichkeit, eine Romanze zu haben. Ist drin, aber läuft so grobschlächtig ab, dass es peinlich ist. Entwicklerstudio Spiders hat sich schön einige Versatzstücke aus anderen erfolgreichen Rollenspielen zusammengesammelt. Nur leider haben sie es schlecht umgesetzt. „Gut geklaut ist besser als schlecht selbst gemacht“, heißt es ja oft. Wenn ein Studio aber nicht mal das schafft, wird’s richtig übel.

Die totale Charaktergleichschaltung

Aber noch einmal zurück zum Hauptcharakter. Dass ihr bei der Erstellung eurer Spielfigur unter anderem zwischen Mann und Frau auswählen könnt, ist schon lange Standard. Dass sich diese Wahl abseits der Optik bemerkbar macht, habe ich bis heute kaum gesehen. Ganz im Gegenteil, in “Bound by Flame” wirkt die weibliche Variante wie eine Skin-Mod. Wenn sich meine Heldin genauso steuert wie die männliche Variante, kann ich auch komplett darauf verzichten. Ich finde, im Jahr 2014 ist es nicht zu viel verlangt, dass ihr spüre, ob ich einen Mann oder eine Frau spiele. In Sachen Charakterdesign und zugehörigem Gameplay hat sich in den letzten zehn Jahren wenig getan. Es gab damals wie heute sowohl klobig-hölzerne Figuren und flüssig-geschmeidige Figuren. Aber selbst eine Blockbusterreihe wie die “Elder Scrolls” hat es in ihrem jüngsten Teil „Skyrim“ nicht geschafft, Charakterdesign und Gameplay logisch zueinander zu bringen. Wenn ich eine Frau mime, darf sich das ruhig auch so anfühlen. Ebenso bei Katzen- oder Echsenwesen. Technisch ist das doch längst möglich. Warum verweigern sich Spieledesigner dieser Entwicklung?

Am Rande der diesjährigen E3 kam das Thema „Einbindung weiblicher Charaktere“ ebenfalls auf. Ein Entwickler gab die Antwort, dass zusätzliche weibliche Charaktere einen erheblichen Mehraufwand in der Produktion und Programmierung mit sich bringen würden. Das ist gelogen. So wie es Spiders bei “Bound by Flame” gemacht hat, dauert das etwa zwei Tage. Der Aufwand der Synchronisierung ist dabei zu vernachlässigen, die hat ja nichts mit Gameplay zu tun. Es ärgert mich, dass es immer realistischere Grafik gibt, mit Welten, in denen man hunderte Kilometer weit sehen kann. Aber im charakterspezifischen Gameplay sind wir noch im Pixelzeitalter. Magier spielen sich anders als Krieger, aber Magier und Magierin sind absolut identisch? Wie viel interessanter wäre ein Spiel, gerade was den Wiederspielwert angeht, wenn sich nicht nur Klassen bemerkbar unterscheiden würden? Wenn ich einen Katzenkrieger spiele, soll es sich anders anfühlen als ein Echsenkrieger und sich nicht nur in den Startwerten bei Ausdauer und Intelligenzwerten zeigen. So bleibt das alles doch eine reine Alibi-Handlung.

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Der Endboss (die kleine Figur unten links) und sein Haustier. – Foto: Spiders/Focus Home Interactive

“Bound by Flame” macht also so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Dabei ist Spiders kein Indieentwickler mit lauter jungen, unerfahrenen Leuten. Dahinter stecken Videospielveteranen, die sich bei der Entwicklung von „Silverfall“ kennen gelernt haben. Und mit Focus Home Interactive („Trine 2“, „Divinity 2“) haben die Franzosen auch keinen kleinen Publisher gefunden. Trotzdem scheinen die vielen, vielen schlechten Design-Entscheidungen und Frustpunkte niemandem aufgefallen zu sein. Ich versteh’s nicht. Ich ärgere mich. Und weil ich mich beim Spielen nicht ständig ärgern will lege ich “Bound by Flame” ad acta. Derartige Spiele braucht kein Mensch.

Tl;dr: Schssdrcksskckmstfckhrnrschwchsr-Spiel!

Über Lara

Lara wurde in den 1980er Jahren geboren und entdeckte ihre Gaming-Leidenschaft schon früh als kleine Stöpseline. Schuld daran hat ihre Großmutter, die ihr zu Weihnachten 1991 einen GameBoy schenkte...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 22. Juni 2014

4 Kommentare zu “Vorsicht, Rant! Bound by Flame!

  1. Bei diesem ganzen Verriss muss man allerdings bedenken, dass Bound by Flame quasi ein Indie-Spiel ist und im Vergleich dann doch wieder die versammelte 15 Euro Konkurrenz in die Schranken verweist. Ähnliche Qualität im Low Budget Sektor (wohl aber erheblich besser jedoch anderes Genre) haben nur die beiden The Incredible Adventures of Van Helsing Action-RPGs.

    Dabei macht Entwickler Spiders bei Bound by Flame eigentlich nichts anders als bei Mars: War Logs, das letztlich das gleiche Spiel ist und ein Achtungserfolg wurde. Auch Faery: Legends of Avalon war damals kein schlechtes Spiel. Wirklich mies war eigentlich nur Of Orcs and Men, weil sie da das Kampfsystem voll vergeigt haben.
    Allerdings ist eben klar, es sind Low Budget Spiele, besser als der meiste Indie-Krams aber weit, weit von den Triple A RPGs entfernt.

    Ich denke, BbF ist ein Füllertitel. Wer die großen 3D RPGs durch hat und sich ohnehin schon in Bereiche wie Arcania: Gothic 4 oder Das Schwarze Auge: Demonicon vorwagt, der kann auch mit einem BbF ein paar nette Stunden haben, im Zweifel eben auf niedrigem Schwierigkeitsgrad. Bevor dann Dragon Age 3 oder Witcher 3 endlich auf dem Speiseplan stehen.

    Denn eines möchte ich bei dieser Diskussion festhalten, es mag angehen, das bald Wasteland 2 (kein RPG sondern Strategie(!)) und Titel wie Pillars of Eternity, Torment – Tides of Numenera, Divinity: Original Sin und Co erscheinen. Doch genau wie Shadowrun: Returns (auch im Kampfsystem Strategie und somit bleibt wenig RPG) sind das halt alles 2D ISO Teile im Stil der 90er, die eine völlig andere Art der Immersion bieten, nämlich eher die eines Schachspielers oder Gottes und nicht einer Person, die Mittendrin im Geschehen ist. Zwar werden diese 2D Games stark ersehnt, und sogar ich werde mir sicher den einen oder anderen anschauen, aber ich finde, man kann sie nicht vergleichen. Denn in 1st oder 3rd Person 3D RPGs kann ich völlig anders und viel, viel tiefer eintauchen.

    Bound by Flame spielt in einer anderen Liga / Kategorie als die kommenden Kickstarter-“Hits”. In seinem Bereich mag es ein eher schlechter Titel sein aber sooo wahnsinnig viele große und gute westlichen RPGs gibt es letztlich dann auch wieder nicht. Was läuft neben Risen (das ist ja auch schon nur B-Klasse) und Dragon Age / Witcher, irgendwann Mass Effect, denn sonst? Im Moment doch gar nichts. Hmm, okay, ein neues Elder Scrolls oder Fallout wären schön, die werden allerdings noch ein paar Jährchen auf sich warten lassen. Von daher sind viele RPG-Fans sicher froh, auch mal so kleine D-Produktionen in die Hände zu kriegen.

  2. Lara schrieb am :

    Hum also bei Amazon steht das Spiel bei 49€ für ps4, 35€ für pc und 40€ für ps3. Der Vergleich mit “anderen” 15€ Spielen hinkt also. Aber das ist ja nicht der Punkt.
    Indie oder nicht, es ist ja nicht das erste Spiel von Spiders. Und die selbst behaupten, das Team bestünde komplett aus Veteranen im Entwicklungsbereich. Ich hab die anderen Spiele nicht gespielt, weiß also nicht ob die besser oder schlechter waren als BbF.

    Aber ich weiß eins ganz sicher: BbF macht in keiner Sekunde Spaß. Und das liegt an Design Entscheidungen in allen Bereichen, nicht an mangelndem Budget. Dabei ist es völlig egal ob es 15 oder 45 Euro kostet. Dieses Spiel ist Murks und jeder Cent zu viel ausgegeben.

    • Wow, tatsächlich, das Teil kostet 30 Euro bei Steam. Hätte ich nicht erwartet, da es eben als Low Budget Titel gilt. Unter dem tatsächlichen Kostenpunkt, und ich finde, der ist durchaus mit entscheidend, ist harsche Kritik teilweise sicher angebracht.

      Dennoch möchte ich gerne von dir wissen, auf welchem Schwierigkeitsgrad du gespielt hast? Ich habe mehrere Tests gelesen und einige Videos gesehen und auch wenn es absolut nicht auf meinem Wunschzettel steht, fand ich deine Kritik halt ein wenig harsch. Zumeist wurden eher die immer gleichen Gegner angemerkt. Über eine zu hohe Schwierigkeit hat sich aber kaum einer beschwert.

      Spiders ist ein Hersteller von Low Budget Spielen, also das, was man als Indie bezeichnen könnte, Betonung auf könnte, denn technisch sind sie wesentlich moderner. Die Spiele zeichnen sich zumeist dadurch aus, dass sie kürzer sind und nicht so einen Feinschliff haben wie eben große Spiele.
      Besagtes Faery: Legends of Avalon wurde damals zwar von kaum einem Magazin getestet, weil es auf den ersten Blick ein Kinderspiel ist, hat aber sehr viel positive Resonanz bekommen. Und auch Mars: War Logs hat viele Fans. Sogar Of Orcs and Men sprach einige Leute ziemlich an (wird allerdings wesentlich stärker kritisiert als die anderen Titel).

  3. Lara schrieb am :

    Hab auf Schwierigkeitsgrad 2 von 4 gespielt. Also quasi auf “normal”.
    Aber es ist ja wie gesagt nicht der Schwierigkeitsgrad an sich, der mich stört. Die Kämpfe sind ja nicht schwierig, sondern langwierig, weil die Gegner viel zu overpowered sind und selbst das leveln des characters nur wenig daran ändert.

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