Als demokratischer Rechtsstaat gilt in Deutschland das Prinzip, dass alle einen fairen Prozess bekommen sollen. Was aber, wenn die Staatsanwaltschat selbst angegriffen wird? Wenn Mitarbeiter der Behörde zum Beispiel von Rechtsextremen angegriffen werden? Dazu in der Behörde selbst Rassismus verbreitet ist und Mitarbeiter der Polizei Kontakte zu den Rechten pflegen? Das ist die Ausgangslage des Films Staatsschutz von Faraz Shariat (Futur Drei, Zeit Verbrechen). Ein ambitioniertes Projekt mit reichlich Sprengkraft und gesellschaftlicher Tragweite.
Lara und Andreas haben den auf der Berlinale ausgezeichneten Film gesehen und schauen im Podcast auf die Schwächen und Stärken von Staatsschutz.
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Sehr interessante Episode. Ich will ein paar Dinge ergänzen (Achtung: Spoiler!):
1. Der Film spielt in Brandenburg. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, woran ich das gesehen habe, an einer Zeitung oder einem Ortsschild, aber es war recht eindeutig.
2. Andreas sagt, dass Menschen mit Migrationsgeschichte, wenn Polizei und Justiz so wären, wie hier geschildert, ja kein Vertrauen mehr in die Strafverfolgungsbehörden haben dürfen. Genau so ist es ja aber leider zum Teil. Denkt an die Angehörigen der NSU-Opfer, die sich noch gefallen lassen mussten, dass sie selbst verdächtigt und verhört wurden, bevor endlich irgendwann in die Richtung Rechtsterrorismus ermittelt wurde. Keine:r von ihnen wird den deutschen Strafverfolgungsbehörden mehr hundertprozentig vertrauen. Übrigens sagt der Film nicht, dass ALLE in Justiz und Polizei rechtsextrem sind. Journalist Ronen Steinke beschrieb es bei der Panel-Diskussion nach der Berlin-Premiere von STAATSSCHUTZ so: Der Film sei eine Verdichtung, ein Destillat all der Dinge, die im Zusammenhang mit dem NSU und anderen Fällen zutage getreten sind.
3. Warum gewinnt die Hauptfigur ihren Fall vor Gericht? Die Aussage ist, dass das deutsche Justizsystem schon gut ist und funktionieren KANN. Dass man ihm aber leider viel zu oft einen gehörigen Schubs geben muss. Wie es Seda Basay-Yildiz (Nebenkläger-Anwältin im NSU-Prozess) bei ebenjenem Panel formuliert hat: Mann könne vor Gericht schon etwas erreichen, man brauche aber dafür Verbündete. Verbündete aus der Zivilgesellschaft, NGOs, Presse, die entsprechenden gesellschaftlichen Druck aufbauen. Sonst verläuft alles leider allzu oft im Sande. Ich glaube, genau das will der Film aussagen. Dass dabei nicht jede Beweiskette genau dargelegt wurde, ist aus meiner Sicht eine zulässige Auslassung, um den Film straff zu halten.
4. Warum verhält sich die Hauptfigur Seyo Kim so egoistisch, zwingt eine Zeugin zur Aussage, nutzt ihre Bekannte in der Behörde aus? Das ist, würde ich sagen, nur zum Teil Egoismus. Sie sieht das große ganze und opfert ihren Anstand dem großen Anliegen, dem Kampf gegen Rechtsterrorismus und gegen die Nachlässigkeit der Strafverfolgungsbehörden. Mit allen nötigen Mitteln – innerhalb bestimmter Grenzen.
5.) Warum das Ende? Seyo Kim macht sich zwischendurch in der finalen Montage in ihrem Auto Notizen. Sie sammelt Informationen über den rechten Sumpf, die sie dann bei ordentlichen Prozessen verwenden kann. Also keine Selbstjustiz, sondern wieder das Kämpfen innerhalb des Systems. Das System soll dahin geführt werden, wo es eigentlich von vornherein sein sollte. Das geht nur mit persönlichem Engagement. Sie zeigt durch das Aufheulen des Motors den Nazis aber auch, dass sie sich ihrer Sache nicht mehr sicher sein können. Sie werden beobachtet. Jemand hat sie auf dem Kieker. Es geht ihnen an den Kragen. Ich fand diesen kleinen Grindhouse-Anklang sehr gelungen und befreiend. Was mich zu meiner letzten Ergänzung führt:
6. Warum überhaupt ein Happy End? Das erinnerte mich an eine Aussage von Jordan Peele, als er zum Ende seines Films GET OUT befragt wurde. Er hatte erst ein deprimierendes – aber realistischeres – Ende gedreht. Dann gewann Donald Trump das erste Mal die Präsidentenwahl. Und Peele dachte sich: So kann ich unsere Leute nicht aus dem Film entlassen. Wir brauchen jetzt Hoffnung. Wir müssen uns unterhaken. Und genau so ist es hier auch. STAATSSCHUTZ will uns bei aller Kritik und Bitterkeit nicht komplett deprimiert und zerstört zurücklassen. Er will uns auch Mut und Zuversicht geben. Weil unsere Zeiten so sind, wie sie sind, und wir nicht verzagen dürfen.
Der Film ist eben nicht nur Film, das natürlich auch, aber er ist auch Agitation.
“Das ist nicht der Ort für linke Parolen!”
“Frau Kim zitiert das Grundgesetz.”
Viele Grüße! Bela.