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Klassiker mit Potential: Halo – The Master Chief Collection

Geschrieben von Dominik

Ganz ehrlich? Meine Begeisterung für die „Halo“-Serie hält sich in Grenzen. Trotzdem ist „Halo: The Master Chief Collection“ für mich ein Pflichttitel für jeden Videospielsammler! Gerade in der Jahreszeit, in der sich „Call of Duty“ wieder zurückmeldet, wird deutlich, was „Halo“ noch zum Shooter-Genre beizutragen hat. „The Master Chief Collection“ vereint „Halo 1-4“ (ohne “ODST” und “Reach”) in einem beeindruckenden Gesamtpaket und macht Hoffnung, dass mit „Halo 5“ nächstes Jahr eine echte Alternative für Freunde des kompetitiven Multiplayers in die Läden kommt.

Zu viel Hype um „Halo“?

An die Ankündigung des ersten „Halo“ kann ich mich noch gut erinnern. 1999 – irgendwann zwischen Sonnenfinsternis, Panikmache vorm Milleniumbug und „Star Wars Episode I“. „Halo“ war eines dieser Spiele, die PC Games und Gamestar auf mehreren Seiten Screenshot für Screenshot sezierte: Volumetrisches Mündungsfeuer! Einzelradaufhängung! Herumfliegende Patronenhülsen! Polygonzahl der Bäume und Büsche! Ein ausgeklügeltes Ranking-System für Onlinespieler! Und: eine offene Spielwelt, in der Spieler die Ziele der Kampagne in beliebiger Reihenfolge angehen dürfen. Kurz: „Halo“ sollte der 3D-Shooter werden, an dem sich in Zukunft alle anderen Genrekollegen messen lassen müssen.

Dann kam es natürlich anders. Microsoft kaufte mal eben den Entwickler Bungie, um „Halo“ als Systemseller für die neue Xbox zu sichern. Damit hatte man als gehypter PC-Spieler schon mal einen Sündenbock für das, was 2001 schließlich auf der Xbox zu spielen war. Offene Spielwelt? Naja, noch in Ansätzen zu erkennen. Dynamische Kampagne? Gestrichen. Der ganze technische Schnick-Schnack? Nicht so geil, wie man es auf dem PC hinbekommen hätte. Online-Ranking? Online fehlt komplett. „Halo: Combat Evolved“ war ganz nett, aber nicht so gut, wie es hätte sein können. Und erst recht nicht so toll, wie erwartet.

Dazu gesellt sich ein in meinen Augen eines der beknacktesten Charakter-Designs der Videospielgeschichte: Grüner Space Marine mit Motorradhelm. Und dann heißt er auch noch „Master Chief“, was zwar ein militärischer Rang sein mag, aber von Kollegen wie Daniel auch gerne als „Meisterkoch“ übersetzt wird. Kein Wunder, dass man den „Spartaner“ erst nach und nach in mehreren Büchern und Comics mit ein bisschen Persönlichkeit ausstatten konnte. Was sich gut trifft, denn die Geschichte der Serie rafft ihr eigentlich auch nur, wenn ihr bereit seid, euch über die Spiele hinaus zu informieren.

Der Master Chief - oder wie ich ihn liebevoll nenne: der Space-Mofa-Gang-Leader (Foto: 343 Industries)
Der Master Chief – oder wie ich ihn liebevoll nenne: der Space-Mofa-Gang-Leader (Foto: 343 Industries)

Aber offensichtlich stehe ich mit dieser eingeschränkten Begeisterung relativ einsam da: „Halo: Combat Evolved“ ging über sechs Millionen Mal über die Ladentheke. Eine Größenordnung, die auf der Playstation 2 nur etablierte Spieleserien wie „Grand Theft Auto“, „Gran Turismo“ oder „Final Fantasy“ übertreffen konnten. Und mit jedem weiteren „Halo“ wurden es mehr, bis von „Halo 3“ auf der Xbox 360 fast 12 Millionen Einheiten verkauft wurden. Kurz: Wenn ihr Anfang 20 seid, stehen die Chancen gut, dass „Halo“ euer Einstieg in die Welt der Ego-Shooter gewesen ist.

Die Messlatte für Neuauflagen

Die „Master Chief Collection“ gefällt mir vielleicht deswegen so gut, weil „Halo“ heute mit Werten der alten Schule punkten kann, die die Platzhirsche „Call of Duty“ und „Battlefield“ zugunsten von Unlockables im Mehrspielermodus und eher oberflächlichen Effektfeuerwerken in den Einzelspielermissionen aufgegeben haben.

Fangen wir mit den Kampagnen für Solo-Spieler an: Ja, im Bereich Level-Design schwächeln die „Halo“ Spiele ab und an. Bestes Beispiel aus „Halo“: Der Abschnitt „The Library“ gehört für viele nicht nur zu den Tiefpunkten der Serie, sondern auch zu den schlimmsten Levels der Shooter-Geschichte. Toll an der „Master Chief Collection“ ist, dass ihr von Anfang an alle Missionen der vier Spiele einzeln auswählen dürft. Ihr könnt also „The Library“ überspringen oder noch besser: ihr wählt eure persönlichen Highlights direkt an. Das ist ein Feature, das ich mir ab sofort von jeder HD-Neuauflage wünsche! Ein Service, der die Sammlung auch für Leute attraktiv macht, die bereits jedes „Halo“ im Regal stehen haben.

Für die Überarbeitung der Cutscenes in "Halo 2" sind die Blur Studios verantwortlich, denen Spielentwickler gerne die Videointros zu ihren Spielen übertragen. (Foto: 343 Industries)
Für die Überarbeitung der Cutscenes in “Halo 2” sind die Blur Studios verantwortlich, denen Spielentwickler gerne die Videointros zu ihren Spielen übertragen. (Foto: 343 Industries)

Ansonsten wird das Übliche geboten: Bessere Grafik und besserer Sound. Dazu die Möglichkeit, jederzeit zwischen Original und Remake umzuschalten, um vergleichen zu können. Klar, das ging schon bei der Anniversary Edition von “Halo” auf der Xbox 360. Dennoch: Schon alleine dieses Feature ist beeindruckend. Besonders krass ist der Unterschied in den Cutscenes von “Halo 2”. Davon abgesehen bekommt ihr auch in der deutschen Version endlich englische Sprachausgabe. Vergesst die peinliche deutsche Synchro. Wer sich noch erinnert: In „Halo 3“ hatten wir sogar das Vergnügen, Showpraktikanten Elton zu lauschen.

Die Missionen aller vier Spiele kann man einzeln anwählen oder neu arrangiert in sogenannten Playlists spielen, die thematisch zusammengestellt wurden. (Foto: 343 Industries)
Die Missionen aller vier Spiele kann man einzeln anwählen oder neu arrangiert in sogenannten Playlists spielen, die thematisch zusammengestellt wurden. (Foto: 343 Industries)

Zu den Werten der alten Schule: die künstliche Intelligenz. In meinen Augen ist die „Halo“-Serie Anwärter auf die Krone der besten KI in Videospielen. Da wären die computergesteuerten Mitstreiter: Sie sind eine echte Hilfe und erfüllen einige der Schauplätze mit Leben, wenn Marines und Covennant in den offenen Arealen Schlachten austragen. Die Kontrahenten verfügen über ein glaubhaftes Verhalten, das Persönlichkeit demonstriert und für denkwürdige Feuergefechte sorgt. Feige kleine Grunts, die Reißaus nehmen, wenn die flinken, hinterhältigen und brutalen Elites neben ihnen erledigt werden. Schwache Jackals, die sich mit Energieschilden schützen, auf Distanz bleiben und aus der Ferne angreifen.

Die „Halo“-Serie spielt dort ihre Stärken aus, wo sich aus der Kombination dieser unterschiedlichen Gegner mit einem offenen Level-Design packende Schlachten entwickeln, in denen ihr – je nach der aktuell zur Verfügung stehenden Bewaffnung – mit unterschiedlichen Strategien vorgehen müsst. Hier gibt’s intensive Feuergefechte, mit denen die endlosen Gegnerwellen aus austauschbarem Kanonenfutter in modernen Militärshootern nicht mithalten können.

Die Karten aus "Halo 2" wurden visuell überarbeitet. Im Vergleich etwa zu "Advanced Warfare" steht hier Übersicht aber klar im Vordergrund. (Foto 343 Industries)
Die Karten aus “Halo 2” wurden visuell überarbeitet. Im Vergleich etwa zu “Advanced Warfare” steht hier Übersicht aber klar im Vordergrund. (Foto 343 Industries)

Abschließend sei der Mehrspieler-Modus erwähnt. Hier geht die „Master Chief Collection“ zurück zu den Wurzeln des Genres, indem sie Tugenden von Ur-Vätern wie „Quake“ und „Unreal Tournament“ aufrecht erhält: Während ihr in den meisten modernen Shootern wie „Battlefield“ und „Call of Duty“ nach und nach Waffen sowie Ausrüstungsteile freischaltet, die ihr zwischen den Runden auswählt, fangt ihr in einem Klassiker wie „Halo 2“ immer mit der gleichen Grundausstattung an und sollt andere Waffen im Level aufsammeln. Dadurch entsteht eine eigene Dynamik, weil nicht jeder Spieler nur auf der Suche nach dem nächsten Abschuss durch die Gegend rennt, sondern die Spawnpunkte von Waffen wir dem Raketenwerfer im Auge behält. Somit fühlt sich das sehr viel taktischer an, zumal die Schusswechsel wesentlich länger dauern, als etwa in „Advanced Warfare“. Ihr rennt nicht nur durch die Gegend und erntet Kills, hier duelliert ihr euch regelrecht. Und diese Auseinandersetzungen werden nicht durch die Ausrüstung entschieden, sondern alleine durch Skill und Taktik. Und wer wissen will, wie (un-)geil „Halo“ im Multiplayer mit Loadouts ist, hat in der Sammlung ja auch das vollständige „Halo 4“.

Reif für die Zukunft

Keiner ist überraschter als ich selbst, dass mir die „Master Chief Collection“ so viel Freude bereitet hat. Wie gesagt: Das „Halo“-Universum und seine Space-Mofa-Gang könnten mir nicht gleichgültiger sein, und die Begeisterung über die Spiele bei ihrem Release hat sich bei mir ebenfalls in Grenzen gehalten. Vermutlich sagt das einiges über mich und meine Empfindlichkeit gegenüber Hypes aus. Im Vergleich zu „Battlefield“ und „Call of Duty“ ist „Halo“ aber momentan wohl eher der Underdog. Und wenn ich mir anschaue, was schon alleine diese Sammlung zu bieten hat, freue ich mich richtig auf „Halo 5“.

"Nightfall" ist eine Serie, die Hollywood-Größen wie Ridley Scott produziert wurde und die Hintergrundgeschichte von Agent Locke erzählt, die in "Halo 5" eine tragende Rolle spielen soll. (Foto: 343 Industries)
“Nightfall” ist eine Serie, die Hollywood-Größen wie Ridley Scott produziert wurde und die Hintergrundgeschichte von Agent Locke erzählt, die in “Halo 5” eine tragende Rolle spielen soll. (Foto: 343 Industries)

Wer bisher einen großen Bogen um „Halo“ gemacht hat, bekommt hier so viel Spiel für’s Geld, dass es fast schon absurd ist. Zumal das Gesamtpaket besser aufbereitet ist, als die bisherigen HD-Neuauflagen anderer Spieleserien. Hattet ihr irgendwann schon mal ein Fünkchen Spaß mit nur einem Teil der „Halo“-Serie, könnte mit der „Master Chief Collection“ ein wahres Feuerwerk zünden! Wer hingegen „Halo“ noch nie zu schätzen wusste, wird vermutlich auch hier nicht überzeugt werden. Man wird sehen, ob Microsoft aus „Halo 5“ einen wettbewerbsfähigen eSport-Titel zaubern wird. Die Entschlossenheit, die Marke mit allen denkbaren Mitteln zu pushen, scheint jedenfalls vorhanden zu sein. Der Unterschied zu damals: Diesmal kann man sich von dem hypen lassen, was die Serie zu dem gemacht hat, was sie ist.

Über Dominik

Dominik Mieth ist seit Pac-Man von Videospielen fasziniert und öfter durch die Welt 1-1 von Super Mario Bros. gelaufen als zur Grundschule gegangen. Während dem Studium der Filmwissenschaft, Germanistik und Philosophie landete er u.a. bei DemoNews.de, wo er im Austausch für Rezensionsexemplare Spiele testen durfte.... [weiterlesen]

Veröffentlicht am 16. November 2014

Ein Kommentar zu “Klassiker mit Potential: Halo – The Master Chief Collection

  1. Halo, Gears of War und Forza wären für mich die einzigen Gründe eine Microsoft Konsole zu kaufen. Leider bisher für mich zu wenig, da es zu allen Serien durchaus Alternativen gibt. Davon ab mag ich Shooter auf Konsole nicht sonderlich, habe da schon meine Probleme mit 3rd Person Shootern der Marke Uncharted, eine Serie die ich liebe, aber das Ballern nervt mich auch da. In der Hinsicht bin ich einfach verwöhnter PC Spieler.
    (Und wenn das Auto-Aim zu groß ist, dann ist das eh langweilig).

    Dies gesagt, über die Master Chief Edition auf PC würde ich mich freuen. Ansonsten wird Halo wie bisher auch weiterhin an mir vorbei gehen.

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