3

Enemy Front: Hässlicher Weltkrieg.

Geschrieben von Sven

Eigentlich weiß ich nicht, was ich sagen soll. Ich habe „Enemy Front“ durchgespielt und mich währenddessen ständig über Unzulänglichkeiten aufgeregt. Und trotzdem habe ich mich viele Stunden lang als Journalist durch Warschau, die französische Pampa oder irgendeine Anlage in Skandinavien geschlagen. Ich habe gefühlt zwei Millionen Deutsche erschossen, mich mehrfach dem Widerstand in verschiedenen Ländern angeschlossen und dafür gesorgt, dass der 2. Weltkrieg beendet wird. Glaube ich jedenfalls. Was mich nur wundert? Wieso finde offenbar nur ich den Shooter okay?

Alles Scheiße!

Ein Blick auf Amazon verrät mir: Entwickler CI Games und Spielehersteller Koch Media haben sich nicht die Mühe gemacht, mal für positive Stimmung bei den Rezensionen zu sorgen. Andere machen das doch auch. Daher dominieren die schlechten Kritiken der Käufer. Puh, was ich da so lese? Ich solle statt „Enemy Front“ besser das neue „Wolfenstein“ kaufen? Die Grafik stamme aus dem Mittelalter? Es gäbe keine Hakenkreuze, obwohl 100% Uncut auf der Packung stehe? Nur drei Spielmodi für den Multiplayer? Grafikfehler, Bugs, debile KI? Alles richtig, bis auf eines: Im Mittelalter gab es weder keine Computer, noch “Enemy Front”.

Ja, so sieht das Spiel irgendwie aus. Irgendwie aber doch nicht bzw. sehr viel schlechter. Gespielt wurde die PS3-Version. (Foto: Koch Media)
Ja, so sieht das Spiel irgendwie aus. Irgendwie aber doch nicht bzw. sehr viel schlechter. Gespielt wurde die PS3-Version. (Foto: Koch Media)

Jedenfalls kann ich den Legasthenikern und aggressiven Shopaholics bei Amazon weitgehend zustimmen. Nur wieso zum Teufel habe ich so viel Zeit mit „Enemy Front“ verbracht? Für einen Verriss hätte es genügt, den Titel maximal eine Stunde anzuzocken. Ich hätte meine Kritik so formuliert, dass ihr das nicht bemerkt. Harhar. Dummerweise gefiel mir schon die Basis: Ihr seid der amerikanische Kriegskorrespondent Robert Hawkings, der im vom Krieg geplagten Europa nach DER Story sucht. Dazu schließt er sich dem Widerstand an, um auf der guten Seite gegen die Nazis vorzugehen und darüber zu berichten. Die Handlung führt euch an verschiedene Orte, ein wenig bemerkt ihr sogar den Wandel des Charakters. Aus dem sensationsgeilen Reporter wird ein Mann, der sich für die Opfer interessiert und sich für die Menschen einsetzt.

Warum nur? Warum?

Meine Güte! Die Geschichte hätte so viel Potential für mehr Tiefgang besessen! Ein Journalist wird mit den Gräueln des 2. Weltkrieges konfrontiert und spürt am eigenen Leib die Angst sowie die Wut der Zivilisten. Er bringt den Mut zum Widerstand auf, obwohl er eigentlich gar nichts mit dem Krieg zu tun hat. In Ansätzen bilden die Entwickler die Dramatik sogar auf interessante Weise ab – zum Beispiel beim Zurückerobern eines Gebiets im besetzten Warschau oder bei dem gut inszenierten, aber abrupt endenden Finale. Im Großen und Ganzen aber wird euch hier Weichspül-Geknalle geboten, der auf keinen Fall zu brisant sein darf. Ihr sollt einen Kollegen aus einem Lager befreien, das hätte auch ein KZ sein können. Hier sind nur ein paar Leute in Holzhütten eingesperrt. Auch werden eiskalte Erschießungen und abschreckende Taten der Nazis fast ausschließlich angedeutet.

Schade. Viel zu selten gibt's starke Momente und eine Kritik am Krieg. Da wäre so viel mehr möglich gewesen. (Foto: Koch Media)
Schade. Viel zu selten gibt’s starke Momente und eine Kritik am Krieg. Da wäre so viel mehr möglich gewesen. (Foto: Koch Media)

Versteht mich nicht falsch: Mir ist schon bewusst, dass „Enemy Front“ ein Shooter sein möchte, der unterhalten will. Doch wenn ich mich in authentischen Szenarien (Arbeitslager, Warschau, V2-Fabrik) bewege und einer vermeintlich realistischen Geschichte folgen soll, wieso dann nicht auch die fiese Fratze des Krieges zeigen? Stattdessen trauen sich die Macher kaum etwas und gehen auf keinen Fall Risiken ein.Feiglinge!

Nicht die Alliierten kamen beispielsweise in Warschau zur Hilfe, um den geplanten Abriss der Stadt durch die Deutschen zu verhindern sowie die polnische Großstadt zu befreien. Es war die Rote Armee. Von den wahren Begebenheiten ist kaum etwas zu spüren, es bleibt schlicht oberflächlich und plump.

Was ist das?

Richtig krass ist es auch, was CI Games mit der CryEngine angestellt hat. Ich dachte bisher, dass die Entwicklungsumgebung von Crytek („Crysis“-Reihe) schon im Vorfeld dafür sorgt, dass Spiele eine gewisse optische Qualität besitzen. „Enemy Front“ beweist mir das Gegenteil. Eine Framerate aus der Hölle, grob aufgelöste Texturen, später Bildaufbau, antiquierte Effekte (Feuer, Explosionen) – echt übel! Dazu kommen sporadisch nicht richtig auslösende Trigger für bestimmte Ereignisse und eine fast konsequent schlechte Kollisionsabfrage. Die Mischung aus miserabler KI, ständigem Respawnen und einem Fokus auf unausgegorene Stealth-Elemente sorgt viel zu häufig für Ärger. Denn wilde Action sollt ihr nicht ständig erleben, sondern mit dem Scharfschützengewehr herbeischleichen und Gegner abknallen. Die dummen Feinde warten nur darauf, Kopfschüsse zu kassieren. Doch wehe, wenn ihr die Nazi-Meute aufgescheucht haben. Dann schießen sie alle wie wild auf euch, am besten gleichzeitig und ohne Struktur. Taktiken? Auch dank des miserablen Deckungssystems nahezu unmöglich. Ach, über die „Intelligenz“ könnte ich seitenlang meckern – alles fürn Arsch!

Dass hier die CryEngine Verwendung findet, ist schon überraschend... (Foto: Koch Media)
Dass hier die CryEngine Verwendung findet, ist schon überraschend… (Foto: Koch Media)

Noch was? Hakelige Steuerung und miese deutsche Synchronisation runden das Paket ab. Ein Spiel für die Tonne also?!

Hm…

Ja, objektiv ist „Enemy Front“ misslungen, da gibt’s keinen Zweifel. Aber irgendwie – ich weiß nicht genau wann und wo – hat mich das Spiel gefangen genommen. Ich will wissen, wie es mit Robert Hawkings weitergeht, das ständige Wiederholen blöder Missionen erzeugt in mir diesmal nur wenig Frust. Und das Leveldesign ist immerhin etwas, was nicht ganz inakzeptabel ist. Manche Momente sind sogar erstaunlich intensiv, spannend und – ja – spaßig. Womöglich sind diese Situation genau richtig verteilt: Bevor ich lieber kotzen möchte, wird mir eine Szene vorgesetzt, das meine Motivation anhebt. Also müssen die Entwickler von „Enemy Front“ irgendwas richtig gemacht haben, das mir das Gefühl gibt, nicht totalen Rotz zu zocken. Und diverse Melodien, gerade die während der Ladesequenzen, brennen sich regelrecht ins Ohr.

Vielleicht ist das auch wie bei einem Reh auf der Autobahn: Es schaut so lange in den Lichtkegel, bis es überfahren wird. In meinem Fall spiele ich, bis…tja…bis das alles vorbei ist. Nach sechs, sieben Stunden war das ernüchternde Ende gekommen. Ich habe das Spielen nicht bereut, möchte „Enemy Front“ allerdings nie wieder anrühren. Einmal ist mehr als genug.

tl;dr: Empfehlen kann ich euch das Werk nicht. Wenn ihr nach dem „Warum“ fragt, dann fangt mit dem Lesen bitte (noch einmal) von vorne an. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 4. Juli 2014

3 Kommentare zu “Enemy Front: Hässlicher Weltkrieg.

  1. Ich kenne das Spiel nicht und werde es wohl auch nicht kennen lernen, aber mich stimmt ja die offensichtliche Prämisse der Entwickler nachdenklich, den 2. Weltkrieg irgendwie “unterhaltsam” zu machen, weswegen man auf kontroversere Darstellungen verzichtet. Zumindest habe ich die Ausführungen so verstanden!

    Sorry, auf so eine Umsetzung habe ich wirklich partout gar kein Bock mehr! Entweder es geht eben von Vornherein um seichte Unterhaltung oder eben um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Dass das selbst mit dem 2. Weltkrieg geht, haben sogar die ersten “Medal of Honor”- und “Call of Duty”-Spiele bewiesen. Noch besser sieht man es bei “Company of Heroes” und beim kürzlich erschienenen “Valiant Hearts”.

    Einfach nur das Szenario “Weltkrieg” verwenden, aber eigentlich keine Ahnung zu haben, was man mit dem Setting anfangen soll, außer mal ein paar “schlimme” Szenen in der Schießbude anzudeuten, ist bedenklicher Quatsch!

    • Naja, CI Games sind immerhin Polen – und das merkt man schon bei den Szenen in Warschau. Und das ist der Punkt: Es wäre schön gewesen, hätten sie mehr daraus gemacht und einfach mal Mut bewiesen. Da hätte ich auch eher über die technischen Unzulänglichkeiten hinweggesehen….

      • Das mit den technischen Mängeln ist ja bei mir so eine Sache, denn wenn das Spiel an sich passt, wiegt die Technik bei mir nicht so schwer. Allerdings handelt es sich hier halt um einen Shooter, und dieses Genre ist nunmal das Aushängeschild für gute Technik. Und wie Du richtigerweise auch erwähnt hast, ist das lizensierte Grafikgerüst ja auch nicht von schlechten Eltern.

        Somit wäre das Spiel für einen Sonder-Award wie geschaffen: “Beste Verunstaltung der CryEngine”… :-)

Kommentar schreiben