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Zombies einmal anders: Interview mit Dr. Marcus Stiglegger

Geschrieben von Andreas
Zombies einmal anders: Interview mit Dr. Marcus Stiglegger

Nie waren Zombies so populär wie heute. Aber nimmt man sie auch ernst oder sind sie für uns Konsumenten nur Lachnummern sowie dankbare Bösewichte? Wir sprachen mit dem Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger über dieses Medienphänomen. Er ist Dozent an mehreren Hochschulen und der Herausgeber des Kulturmagazins „Ikonen: Zeitschrift für Kunst, Kultur und Lebensart„. Zuletzt erschien von ihm „Nazi-Chic und Nazi-Trash“

Wie es dieser Titel schon andeutet, beschäftigt sich Stiglegger in seinen Studien oft mit den  Grenzbereichen der filmischen Wahrnehmung. Das mag ein Grund dafür sein, warum er ein gern gesehener Gesprächspartner zum Thema „Zombies“ wurde, wie beispielsweise im BR 2 oder im Gespräch mit der deutsche Horrorikone Jörg Buttgereit.

„The Walking Dead“: Die Verfilmung der Graphic-Novel ist momentan ein großer Serienhit im US-Fernsehen. (Quelle: WVG)

Polygamia: Zum Anfang mal was Persönliches: Was fasziniert dich so an Zombies? Du hast ja mittlerweile den Ruf eines Zombie-Experten. Das kann doch nicht nur an deiner Dozententätigkeit liegen?

Marcus: Als Filmwissenschaftler interessiere ich mich u.a. für die intensiven und drastischen Grenzbereiche des Kinos, also auch für das Horrorgenre, über das ich in den letzten 15 Jahren immer wieder geschrieben habe. Ich bin allerdings weder ein Fan von Zombiefilmen noch von Horrorfilmen im Allgemeinen. Es ist allerdings auffällig, wie viele großartige Filme u.a. in diesem Genre entstanden sind, von Jacques Tourneurs „Cat People“ bis hin zu aktuellen Werken wie etwa „Martyrs“.

Polygamia: Gab’s da mal ein Schlüsselerlebnis?

Dr. Marcus Stiglegger, 41. (Quelle: Stiglegger)

Marcus: Ich entstamme der VHS-Generation der 1980er Jahre, und natürlich gab es diesen Mythos um die indizierten und beschlagnahmten Filme. Wenn man einen solchen Film in die Finger bekam, war das ein großes Ereignis. Und so erinnere ich mich vor allem daran, wie ich zum ersten Mal „Dawn of the Dead“ von George A. Romero sah. Was ich heute als Konsumsatire wahrnehme, war damals purer Terror, spannend, neu, schockierend – ein tolles Erlebnis, wenn man in der Pubertät ist. Filme dieser Qualität kann man in jedem Lebensabschnitt neu entdecken, aber in der Pubertät sind sie besonders wichtig.

Polygamia: Nie waren Zombies so populär wie heute. Woran liegt das? Wieso faszinieren sie so sehr die Menschen?

Marcus: Die aktuelle Popularität dieser Filme liegt zweifellos an dem Umstand, dass die Wiederkehr der Untoten eine großartige Metapher für den Zustand unserer westlichen Gesellschaft ist. Man hat das Gefühl, die Hölle des Gleichen zu durchleben und als Letzter seiner Art ums Überleben zu kämpfen. Man hat die Wahl, sich mit den apathischen Massen zu identifizieren oder zum Individuum der Revolte zu werden. Allerdings gibt es inzwischen auch völlig andere Ansätze, die ich weniger teile: Etwa in den zunehmend charakterisierten Untoten ein utopisches Potential zu erkennen. Ich ziehe den Impuls der Individual-Revolte der konsensuellen Gleichschaltung vor.

Polygamia: Das klingt kompliziert. Kannst du das mal an einem Beispiel erläutern?

Marcus: In der TV- Serie „The Walking Dead“ gibt es immer wieder Momente, in denen die Zombies deutlich menschliche Eigenschaften aufweisen und so betrachtet werden. Das gilt auch für Romeros „Survival of the Dead“ oder gar „Land of the Dead“, wo ein proletarischer Zombie  – der Tankwart – seine Artgenossen gegen das korrupte Regime der Menschen führt – das ist eine revolutionäre Utopie.

Polygamia: Merkwürdig ist die Faszination für Zombies schon, denn Menschen hatten früher große Angst vor Wiederkehrern bzw. auch Angst, lebendig begraben zu werden. Woher stammt diese Angst, sie kann ja nicht auf dem christlichen Glauben beruhen, oder?

Marcus: Die Angst, lebendig begraben zu werden, gehört vermutlich zu den menschlichen Urängsten und ist daher unabhängig von religiöser Prägung. Allerdings ist die spezifische Angst vor dem lebend Beerdigt-werden vermutlich vor allem in jenen Kultur präsent, in denen die Beisetzung im Sarg üblich ist. Selten wurde so viel über den tatsächlichen Zeitpunkt des Todes diskutiert wie gegenwärtig. Das trifft also eine aktuelle Sensibilität.

„I walked with a Zombie“ (USA 1943): Der Film von Jacques Tourneur zeigte noch einen ganz anderen Zombie als heute.

Polygamia: Wie hat sich das Bild des Zombies über die Jahrhunderte entwickelt? Gibt es da „Entwicklungsstufen“?

Marcus: Untote kommen in den Mythen nahezu aller dokumentierten Kulturen vor. Der Begriff Zombie jedoch bezieht sich auf den afrikanischen Voodoo-Kult, der durch den Menschenhandel des 18. Jahrhunderts auch auf den amerikanischen Kontinent kam und sich dort – speziell auf Haiti – verbreitete. Die geschah in Form eines Synkretismus‘, also in der Verschmelzung afrikanischer und christlicher Elemente. Im Voodoo ist ein Zombie eine verfluchte Person, die stirbt und nach ihrer Wiedererweckung als willenloser Sklave für einen Voodoozauberer (Anm.: „Bokor“) arbeiten muss. In Haiti sind Fälle von geistig verwirrten Personen dokumentiert, die als Zombies interpretiert wurden. Der Ethnobotaniker Wade Davis hat in seinem Buch „Schlange und Regenbogen“ versucht, das Zombie-Gift zu analysieren, das den Scheintod und die anschließende Apathie bewirkt. In den frühen Zombiefilmen spielen diese Voodoo-Zombies die wesentliche Rolle

Polygamia: Dieses klassische Bild des Zombies ist aber heute nahezu vergessen…

Marcus: Genau. Erst George A. Romeros Film „Night of the Living Dead“ unternahm eine Entkoppelung des Zombiemotivs von den Voodoo-Wurzeln, bewahrte aber den afrikanischen Bezug im Protagonisten. Das gilt auch für die Fortsetzung „Dawn of the Dead“, wo der Hauptdarsteller Ken Foree von den Voodoo-Geschichten seines Großvaters erzählt. Streng genommen ist die moderne Bedeutung von Zombie als halb verwestem Untotem erst seit diesem Film relevant und entwickelte sich in den italienschen B-Movies der späten 1970er Jahre fort. Aber streng genommen handelt es sich ab da nur noch um lebende Tote, nicht um Zombies im ursprünglichen Sinne, selbst wenn gerade Romero die Metapher einer Rache der Unterdrückten, Versklavten, wie etwa in „Land of the Dead“ gerne beibehält.

Anmerkung: Näheres dazu gibt es hier: Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist…

„28 Days later“ (UK 2002): Der Zombie von heute ist meist „nur“ krank (Quelle: 20th Century Fox)

Polygamia: Mal nebenbei gefragt: Warum besitzen Zombies in der Regel keine Intelligenz? Hat das beabsichtigte Gründe?

Marcus: Die Idee ist ja, dass die wiederkehrenden Untoten reine Triebwesen sind. Zudem muss man davon ausgehen, dass der beginnende Verwesungsprozess ihr Gehirn nachhaltig geschädigt hat. Da ist es nicht mehr weit her mit dem reflektierten Denken…

Polygamia: Wenn ich mir den Zombie in Romeros „Dawn of the Dead“ anschaue und mit heute vergleiche, fällt mir auf, dass sie viel von ihrer Bedrohung verloren haben. Früher kamen sie „weil in der Hölle kein Platz mehr ist“ und heute liegt es an irgendeiner Krankheit. Warum versuchen wir heute eine wissenschaftliche Erklärung für ein an sich übernatürliches Phänomen zu finden?

Marcus: Man darf nicht vergessen, dass auch in „Night of the Living Dead“ bereits Hinweise auf eine Erklärung der Wiederkehr der Toten gestreut werden, und in „Dawn of the Dead“ wird in den TV-Sendungen auch darüber diskutiert. Das Bedürfnis einer rational fassbaren Erklärung des Unheimlichen, um dieses begreifbar zu machen, ist offenbar seit der Aufklärung zu einer Basis geworden. Der aufgeklärte Mensch fühlt sich dem Rätselhaften ausgeliefert und möchte es um jeden Preis verwissenschaftlichen. Das erklärt auch, warum es gegenwärtig wieder so viele unheimliche Filme über christliche Religion gibt wie beispielsweise „The Rite“. Denn die Restbestände des Unerklärlichen verunsichern zutiefst. Zombifikation als eine Virusinfektion zu begreifen, ist daher auf befremdliche Weise beruhigend.

Polygamia: Allerdings sind Zombies für die meisten Spieler oder Filmzuschauer heute doch nur Lachnummern. Warum haben sie ihre Bedrohung verloren?

Marcus: Das kommt auf die Inszenierung an, denn auch aktuellere Filme wie „Dawn of the Dead“ von Zack Snyder oder der französische „Mutants“ haben beängstigende Momente. Allerdings ist das Auftreten der Untoten in den audiovisuellen Medien inzwischen inflationär geworden, was die Ironisierung nahelegt.

„Shaun of the Dead“ (UK 2004): Die tödliche Bedrohung als witzige Parodie (Quelle: Universal Pictures)

Polygamia: Heißt das jetzt: Zombies sind so furchterregend, dass man darüber nur noch lachen kann?

Marcus: Nicht unbedingt, sondern in ihrem gehäuften Vorkommen in Filmen, TV-Serien und Computerspielen sind sie bereits zum Klischee geronnen, was eine Parodie geradezu provoziert. Es kommt jedoch wie stets auf Kontext und Inszenierung an, ob die Untoten beängstigen oder belustigen.

Polygamia: Zu den Ausnahmen zählen Max Brooks fiktives Geschichtsbuch „World War Z“ oder natürlich „Walking Dead“ in der Graphic Novel und im TV. Sie sind düster, gesellschaftskritisch und erfolgreich. Woran liegt der Erfolg? Was machen sie besser als die anderen?

Marcus: Der Schlüssel liegt in der Ironisierungstendenz des Mainstreams, denn diese entwertet die betroffenen Motive nachhaltig. Da offenbar die metaphorische Qualität der Zombies noch immer wirksam ist, kommt gerade den ernsthaften Inszenierungen und Bearbeitungen neue Aufmerksamkeit zu. Das kann man als wiederkehrende Wellen verstehen. Wer hätte gedacht, dass man noch einmal ernsthaft römischen Gladiatorenkämpfen zusehen würde – von „Gladiator“ bis „Rom“ oder „Spartakus: Blood and Sand“.

Polygamia: Was schätzt du, wie sich das Thema Zombies in Zukunft entwickeln wird? Also endet der “Trend” oder gibt es eine Art Evolution der Zombies?

Marcus: Die Entwicklung ging ja bereits bei Romero in Richtung einer Individualisierung der Untoten, siehe den Zombie-Jungen in „Day of the Dead“. Gerade „Survival of the Dead“ vom selben Regisseur zeigte die Möglichkeit, dass auch Untote nicht mehr kannibalisch leben müssen, denn hier ernähren sie sich von einem Pferdekadaver. Mit dieser Evolution des Zombies ist also eine einfacher strukturierte Gegengesellschaft im Anmarsch, deren metaphorisches Potential noch nicht erschöpft scheint. Andererseits ist mit dem großen Erfolg von Zombieparodien wie „Shaun of the Dead“ und „Zombieland“ auch die ironische Überwindung dieses Horror-Subgenres zu vermuten. Ob es beim Erfolg des „The Walking Dead“-Konzept nicht tatsächlich um ein apokalyptisches Weltbild und die Idee einer Neukonstitution einer bedrohten Menschheit geht, sei dahingestellt.

„Dead Island“: Brachial-Action statt Tiefsinn. (Quelle: Deep Silver)

Polygamia: Kennst du dich eigentlich mit Spielen aus? Wir beurteilst du Zombies im Videospiel?

Marcus: Im Computerspiel kommt den Untoten in allen möglichen Varianten die dankbare Funktion eines verlässlich üblen Gegners zu, der sich ohne schlechtes Gewissen vernichten lässt, denn untot ist streng genommen bereits tot. Das inflationäre ‚Töten‘ vor allem im Egoshooter honoriert diese Eindeutigkeit der Zombies.

Polygamia: Zombies als Kanonenfutter. Wenn man die historische und filmische Bedeutung betrachtet, ist das doch ein Armutszeugnis für Videospiele, oder? Taugt dieses Medium nicht zu einer anspruchsvollen Reflektion?

Marcus: Interaktive Medien bringen ja grundsätzlich andere Spezifika mit sich als Filme oder TV-Serien. Natürlich kann man in einem Film relative leicht elementare Aussagen unterbringen, da das Publikum ja grundsätzlich das selbe Endprodukt zu sehen bekommt. Bei einem interaktiven Medium wie dem Computerspiel ist das insofern anders, da der User ja einen nachhaltigen Einfluss auf die Abfolge des Geschehens nehmen kann. Spiele sind daher weniger ‚autoritär‘ als Filme. Andererseits ist der Spieler stets aufs Neue zu einer pragmatischen oder auch ethischen Entscheidung herausgefordert – hier liegt die Qualität des Spiels: Was ich tue, hat Konsequenzen, im Guten wie im Schlechten. Es kommt also auf das Konzept des Spiels an, ob ich die Möglichkeit habe, die Untoten nur zu massakrieren oder deren Verhalten zu studieren und zu verstehen. Da liegt noch eine Menge ungenutztes Potential…

Polygamia:  Na, da bin ich mal gespannt, wie es weitergeht. Vielen Dank für das Interview!

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 17. Februar 2012

3 Kommentare zu “Zombies einmal anders: Interview mit Dr. Marcus Stiglegger

  1. Für mich als Nicht-Zombiefan hat der Herr Stiglegger doch mal einige wirklich interessante Ausführungen zum Besten zu geben. Vielleicht sollte ich mir doch noch ein paar Zombiefilme – vor allem aus der letzten Zeit – anschauen…

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