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Verblendung: Der Schnüffler und der Freak

Geschrieben von Andreas
Verblendung: Der Schnüffler und der Freak

Die Titelsequenz weckt Erwartungen, die der Film nicht erfüllen kann. Zur treibenden Musik von Trent Reznor und Atticus Ross, wälzen sich ölig-metallische Körper über die Leinwand. „Ah, Fincher endlich wieder in seinem Element!“ schießt es bei diesen Bildern unweigerlich durch den Kopf. Doch am Ende verlässt man ernüchtert das Kino.

Die Geschichte von „Verblendung“ taucht tief in die schwedische Vergangenheit ein und mixt Wirtschaftskriminalität mit Rechtsradikalismus und Ritualmorden. Der Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig), gerade verurteilt wegen Verleumdung, wird vom Großindustriellen Hendrik Vanger engagiert, um das geheimnisvolle Verschwinden seiner Nichte Harriet in den 60er Jahren aufzudecken. Mithilfe der unkonventionellen Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) kommt er schnell einem Serientäter auf die Spur, doch dadurch gerät der Journalist selbst ins Fadenkreuz des Killers.

Ein ungleiches Paar: Der Journalist und die Punkerin. (Bild: Sony Pictures)

Ui,ui, ui. Bibelverse, einsame Herrenhäuser und trübe Nebelschwaden. Wenn dann irgendwann im Film alle Verdächtigen auf einem Haufen sitzen, wartet man förmlich darauf, dass Miss Marple die Bühne betritt und den Täter entlarvt. „Verblendung“ wirkt als Roman und Film wie ein Mix aus Agatha Christie, Edgar Wallace und „Sieben“. Das muss natürlich nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, und tatsächlich bietet der Stoff genug Thrill, Blut und Perversion, um aktuellen Ansprüchen gerecht zu werden. Dennoch überrascht mich der Hype um das Ganze, denn wer in den letzten Jahren den ein oder anderen Thriller gesehen hat, wird von der Geschichte nicht sonderlich überrascht werden. Sei’s drum.

Vielleicht tue ich dem Film ja unrecht, weil ich mich zu sehr auf den Krimi konzentriert habe. Fincher scheint sich nämlich mehr für die Beziehung zwischen Mikael und Lisbeth zu interessieren, wobei sich hier die beiden Filmversionen deutlich unterscheiden. Noomi Rapace ist im Original eine ausgebuffte bisexuelle Punkerin, die in ihrer Rolle wesentlich authentischer wirkt, als Rooney Mara in der US-Version. Hier ist sie eher ein pubertierender Stalker, der den Journalisten verfolgt. Die Liebesbeziehung zwischen den beiden hat dadurch einen „Lolita“-Effekt, während sich im Original die resolute Lisbeth nimmt, was sie braucht – Sex. Finchers Bild von Lisbeth ist deutlich glatter und besonders am Ende lässt er die Masken fallen. Da verkleidet sich Lisbeth als hübsche Businessfrau. Die Schauspielerin Mara scheint sich darin wesentlich wohler zu fühlen, als in der etwas bemühten Darstellung einer bisexuellen Querulantin. Daran ändert auch die verstörende Inszenierung ihrer Vergewaltigung und der anschließenden Rache nichts.

Rooney Mara als "Lisbeth Salander": Ein braves Mädchen im Körper einer Irren. (Bild: Sony Pictures)

In meinen Augen ist „Verblendung“ Finchers schlechtester Film seit „The Game“. Wobei man bei so einem Urteil wissen sollte, dass er bei mir ziemlich hoch im Kurs steht. Ein schlechter Fincher ist deshalb immer noch besser als der ganze Rest. Nur werde ich das Gefühl nicht los, dass ein offensichtliches Traumpaar Fincher/ Larsson vor allem in den Köpfen der Produzenten und Zuschauer steckt. Auf der Leinwand werden diese Erwartungen kaum erfüllt, vor allem, wenn man etwas mehr als eine durchschnittlichen Thriller erwartet. Seit „Zodiac“ hat sich Fincher ja so etwas wie eine „visuelle Askese“ verordnet und dieses Unstatement wirkt beim Thriller „Verblendung“ unangebracht. Zwar ist jedes Bild gestochen scharf und perfekt beleuchtet, aber dennoch wirkt es wie eine Auftragsarbeit. Gerade für den virtuosen Perfektionisten Fincher ist das enttäuschend. Es ist ja nicht so, dass beim schwedischen Original von Niels Arden Oplev nicht noch Luft nach oben wäre. Visuell versprüht der Film ein gewisses IKEA-Flair, egal ob in den kargen Redaktionsräumen oder in der Folterkammer des Killers. Im Vergleich dazu lässt Fincher die Dollar-Muskeln spielen – und nur die. So entsteht ein uneinheitlicher Mix aus Thriller und Charakterstudie, der zwar unterhalten kann, aber am Ende bleibt das Gefühl: Da war mehr möglich.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 26. Januar 2012

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