4

Überflüssige Wertungsdiskussionen

Geschrieben von Sven

Boah! Wie mir diese lächerlichen Wertungsdebatten auf den Keks gehen. Spieler wünschen sich Prozentpunkte! Nach wie vor! Nein, das ist nicht veraltet, überflüssig, sinnlos! Und es gibt schon Gründe, wieso „Gothic 4“ oder „Crysis 2“ in den Staaten schlechter abschnitten als hierzulande. Das letzte Blabla in dieser Richtung fasste 4Players in einem Artikel von der Entwicklerkonferenz Quo Vadis 2011 zusammen. Dort laberten Michael Graf vom IDG-Verlag (Gamestar), André Peschke von Krawall, Heiko Gogolin von der Gee, Jochen Hamma von Fantastic Realms und Ingo Horn von Travian Games über das Thema Spielekritiken und ihre zwingend dazugehörigen Pünktchen, Prozentchen, Bienchen, wasweißich.

Quo Vadis: Eigentlich eine Entwicklerkonferenz. Aber man kann ja auch über Wertungen diskutieren..
Quo Vadis: Eigentlich eine Entwicklerkonferenz. Aber man kann ja auch über Wertungen diskutieren..

In dem Resümee von 4Players drehen sich die Diskussionspartner mal wieder im Kreis, und das vermutlich schon seit Jahren. Objektivität hier, Zahlenergebnisse als Basis für den Vergleich mit anderen Produkten dort und Wertungsinflation sowieso. Immer der gleiche Mumpitz, der in regelmäßigen Abständen neu aufkeimt. Interessiert mich der Nonsens als Spieler? Vielleicht? Mancher einer vermutet, das Ende der Gee als regelmäßige Printzeitschrift könnte am grundsätzlichen Verzicht auf Wertungen gelegen haben. Heiko Gogolin sagte dazu nichts während dieser Gesprächsrunde…

Bevor ich vom Thema abkomme: Klar schaue ich hin und wieder auf Zahlenkolonnen, am liebsten in Form von Critiy.de oder Gamerankings.com. Schnell eine Übersicht verschaffen, das schadet nie. Meist aber nutze ich solch praktischen Dienste, wenn meine Kaufentscheidung längst gefestigt ist. Sozusagen als Bestätigung. Und der Wunsch, etwas erwerben zu wollen, ist längst nicht mehr abhängig von einer einzelnen Rezension, die ich irgendwo lese. Mensch, wir leben im 21. Jahrhundert! Wenn mir Twitter-Bekanntschaften von einem Spiel vorschwärmen, beeinflusst mich das! Genauso auch kleine Beiträge oder „Gefällt mir“-Erwähnungen bei Facebook, Ansichten von Freunden oder mein allgemeines Wissen über Spiele. Kenne und mag ich ältere Titel eines Entwicklerstudios und interessiert mich das Thema des neuen Projektes, dann kann dies durchaus zu einem (Spontan-)Kauf führen. Als notorischer Skeptiker lese ich hier und da freilich Tests, aber: Will ich stundenlang auf Punkte, Statistiken, Balken und Spielspaßkurven starren? Soll eine Zahl zwischen 1 und 100 (oder 1-10 usw.) wiedergeben, wie mir das Stück Software gefällt? Woher weiß das der Autor? In meiner Spielehistorie finden sich genügend Beispiele, bei denen die meisten Kritiker, Tester, Redakteure schlicht falsch lagen. „Saboteur“ beispielsweise. Ich mochte das Widerstandskampf-Actionspiel sehr und posaunte das häufiger über die sozialen Netzwerke in die Welt. Konkret weiß ich von einer Person, die sich aufgrund meiner subjektiven, persönlichen und spieletestfreien Meinung für den Kauf entschied. Und ich nannte ihm keine Zahl.

Die Wertung auf Gamestar.de zu einem Test ist so umfangreich, dass man weit nach unten scrollen muss, um alles zu sehen.
Die Wertung auf Gamestar.de zu einem Test ist so umfangreich, dass man weit nach unten scrollen muss, um alles zu sehen.

Zurück zur Wertungsdebatte auf der Quo Vadis 2011. Es ist schon lustig, wie mancher „Spielejournalist“ beispielsweise 100-Prozent-Systeme verteidigt. Und Wertungen gäbe es ja auch im Filmsektor. Laut 4Players-Zusammenfassung gehe ich davon aus, dass sich die Beteiligten (außer vielleicht der Herr von der Gee?) der Diskussionsrunde im Grunde einig darüber sind, dass Zahlenresultate nötig, wichtig, praktisch sind. Nur haben sich die Printler und die Onliner nicht selbst eine Abhängigkeit geschaffen? Vor Jahrzehnten waren Wertungen eine coole Sache, um schnell auf die Qualität eines Spiels hinzuweisen. Die Leser fanden das nett und gewöhnten sich daran. Heute erwarten sie diese. Eine Abkehr ist für viele undenkbar. Skurril, dass einige der Verteidiger auch die Erfinder einer fixen Idee waren, die sich etablieren konnte. Nur sind dann die Verlage und zuständigen Redakteure auch daran schuld, dass die Spieler vorrangig auf die Endnoten schauen und nicht mehr die dazugehörigen, langen, liebevoll ausgearbeiteten, großartigen Texte lesen möchten? Zahl – und wenn die Zeit es zulässt – Fazit müssen genügen. Kurzum: Die Befürworter der Wertungssysteme können nicht mehr von diesen lassen, weil sie ihre Leser auf diese konditioniert haben. Kein Wunder, dass sich Critify und Co. steigender Beliebtheit erfreuen und die Printler über sinkende Verkaufszahlen ihrer Zeitschriften jammern? Teufelskreis, hm?

Und dazu kommt noch ein Punkt, welchen ich schon andeutete und der von Heiko Gogolin ausgesprochen wird. 4Players dazu: „Gogolin wirft ein, dass Bewertungen von Magazinen heute weniger relevant seien als früher, da die Empfehlung durch Freunde und Bekannte dank der guten Vernetzung heutzutage eine immer größere Rolle spiele.“ Dem kann ich nur zustimmen, denn ich mache es ja nicht anders. Zufälligerweise kommen Studien wie die von CityGrid Media zu ähnlichen Resultaten: Positive Beurteilungen werden zum Großteil über Mundpropaganda weiter gereicht (75 Prozent), genauso nehmen Empfehlungen über Facebook und andere soziale Netzwerke zu. Und seien wir ehrlich: Ist euch die Meinung eines Freundes, der diese bei Twitter oder Facebook postet, nicht wichtiger als die eines x-beliebigen und schnell ersetzbaren Redakteurs?

Ich schreibe schon wieder so viel, dabei wollte ich nur eines sagen: Diskussionen über Sinn und Unsinn von Wertungen sind in der Form Quatsch. Wozu diese Wichtigtuerei – und dann noch auf der Quo Vadis? Ist das eine Kindergartenveranstaltung? Wieso wird nicht über alternative Lösungen gesprochen, nach den Ursachen für die Notwendigkeit, Wertungen behalten zu müssen? Sollte es nicht auch das Ziel der Magazine sein, Leser zum … tja… Lesen zu animieren? Eher hab ich das Gefühl, als würden besonders hohe oder niedrige Wertungen fast dazu dienen, für Aufmerksamkeit zu sorgen – sowohl im eigenen Interesse als auch in dem der (Werbe-)Kunden. Den ursprünglichen Sinn verfehlt? Und jetzt werden sie missbraucht?

Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Ich halte Rezensionen und eine ausführliche Berichterstattung über mein liebstes Hobby für sehr wichtig, ich will mich auch informieren und unterhaltsame Artikel lesen. Und es gibt nichts Schöneres, als das Wecken von Vorfreude auf ein zukünftiges Spiel, oder? Ich kann allerdings sehr gut ohne Wertungen leben, weil ich sie nicht benötige, um mir eine Meinung zu bilden!

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Magst du ihn teilen?
Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Share on LinkedIn

Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 5. Mai 2011

4 Kommentare zu “Überflüssige Wertungsdiskussionen

  1. Da muss ich generell zustimmen. Vielleicht ist aber die Frage nach Wertungen oder nicht-Wertungen die falsche. Wie du richtig schreibst, ist die Empfehlung aus dem eigenen Freundes/Bekannten-Kreis mehr wert als eine 10/10 der EDGE, ein GEE Liebt Mich Herz oder die 92,764% der Computer Bild Spiele.

    Die Aufgabe eines Kritikers ist, glaube ich, nicht ganz Freund zu sein für den Konsumenten, aber einen Anhaltspunkt zu geben, eine Meinung, mit der man nicht unbedingt konform gehen muss, aber die man nachvollziehen kann. Meinetwegen sich dran reiben (wenn das so dein Ding ist, hö hö hö…sorry).

    Mit anderen Worten: Ich will Kritiker, und sei es Gamestar Rezensenten oder GEE-Silberfedern, verstehen als Personen, die ein Spiel gespielt und erlebt haben und darüber berichten, anstatt als Rezensentenroboter, die Spiel um Spiel durch eine Reihe „objektiver“ Kriterien jagen, um dann eine Wertung an die Metacritic-Maschine zu geben.

    Wenn ich durch den Text (oder sagen wir: durch eine Reihe von Texten) eine Bindung aufbauen kann zum Kritiker, dann nehme ich auch die Kritik ernst. Dann kann es mir egal sein, ob da am Ende eine Zahl steht. Soll sie doch, wenn es jemanden glücklich macht. Ich will nur wissen, ob dieses Ding, das besprochen wird, meine Zeit wert ist (genauso wie bei Büchern, Filmen, Serien etc. etc.)

    Wo es gut funktioniert ist zB Rock, Paper, Shotgun, mehrere Autoren mit eigenen, durchaus unterschiedlichen Meinungen, die ich verstehe, sie aber nicht teilen muss. Wo es nicht funktioniert im Gegensatz sind deutsche Test-Magazine, die versuchen den Kritiker als Person in den Hintergrund zu stellen.

  2. Vor wenigen Wochen habe ich irgendwo schonmal meinen Senf zu Wertungen in ein Kommentarfeld gehackt, wenn ich nur noch wüsste, wo.

    Das Alter, du verstehst.

    Okay, here we go again. Prozentwertungen sind Bullshit und suggerieren Objektivität, besonders wenn es eigentlich nur megageil (90%+), gut (80%+), meh (60%+) und der letzte Dreck (0%+) gibt. Macht es wirklich einen Unterschied, wo das Spiel auf der Skala zwischen 0% und 60% ist? 13% heisst „nicht kaufen!“, 51% heisst „nicht kaufen!“, 37% heisst „nicht kaufen!“.

    Früher allerdings, waren die Prozente irrsinnig wichtig für die Kaufentscheidung… bzw. den Entscheidung, was ich zu Weihnachten oder Geburtstag haben will. Mental nach Prozentahlen sortieren, dann schauen, welches Genre mir passt und womit ich vielleicht noch ein bisschen soziales Ansehen aufbauen kann und ab dafür. Früher waren Videospielredakteure aber auch noch Helden.

    Ein angenehmer Nebeneffekt ist auch noch, dass ich bei einer klaren Proeznt-Kaufempfehlung jemanden habe, dem ich die Schuld in die Schuhe schieben kann, sollte das Spiel trotz hoher Wertung der letzte Dreck sein. Der Redakteur hat schließlich nicht lange rumgedruckst und gesagt „könnte dir gefallen wenn und vielleicht“, sondern nen Platinstern draufgepackt.

    Schwammigere Systeme erfordern höhere Medienkompetenz – die Fähigkeit herausfiltern wer mir was wie wann und warum sagt. Ein Genre, dass ich hasse, packe ich auch bei 99% nicht an. Außer ich lese einen Artikel von jemanden, der mit dem Genre auch nie warmgeworden ist und trotzdem in Jubelschreie ausbricht.

  3. Das mit den Bewertungen ist ein Kreuz. Ich schreibe ja seit letztem Jahr selbst Spieletests für GamezGeneration.de. Und es ist oftmals nicht einfach, die in Worten gefasste „Wertung“ auch in Zahlen auszudrücken.

    Da steht man dann auch vor einer Zwickmühle: Wenn ich dem Spiel jetzt weniger als 7,5 gebe, schaut’s sich keiner an, obwohl es ja doch einige Stärken hat.

    Darüber hinaus sind Rezensionen immer subjektiv. Ob’s um Bücher, Musik, Filme oder Videospiele gibt. Gerade bei Filmen hab ich schon oft genug erlebt, dass mir gerade die gefielen, die von vielen Kritikern niedergemacht wurden. Und wenn ich eine Review zu einem Spiel schreibe, schaue ich mir vorher auch gerne mal an, was andere schreiben und bin dann schon manchmal erstaunt, wenn andere Tester zu komplett anderen Ergebnissen kommen als ich und genau solche Dinge kritisieren, die ich besonders gut fand.

    Wie schon geschrieben, fällt es aber auch schwer, sich von den Wertungen zu lösen, weil die Leser einfach so darauf konditioniert sind. Ich persönlich könnte gut auf die Wertungen verzichten, weiß aber nicht, ob das letztendlich alle Leser könnten.

Kommentar schreiben