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The Hunger Games: Düstere Aussichten

Geschrieben von Andreas
The Hunger Games: Düstere Aussichten

So ernst sind Teenie-Abenteuer nur selten. In der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Suzanne Collins kämpfen Teenager um ihr Leben – live im TV.

Ich bin eher zufällig auf die Buch-Trilogie gestoßen. Zwar hatte ich schon mitbekommen, dass „Die Tribute von Panem“, so der deutsche Titel, ein Bestseller war, aber ich hatte sie eher unter der Rubrik „Battle Royale Twilight“ abgetan. Nachdem ich die Bücher aber verschlang, wurde ich eines Besseren belehrt. Suzanne Collins skizziert eines der düstersten Teenie-Dramen der letzten Jahrzehnte und streicht Themen wie Totalitarismus, Freiheit, Krieg und natürlich Pubertät. Insbesondere im dritten Band findet sich gegen Ende eine Szene, die ich zu den schockierendsten Momenten der Teenie-Literatur zähle.

The Hunger Games: Keiner der üblichen Teenie-Blockbuster. (Bild: Studiocanal)

Nach dem Bucherfolg war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Hollywood des Stoffes annahm und mit Regisseur Gary Ross („Pleasantville“, „Sea Biscuit“) eine eher ungewöhnliche Wahl für einen solchen Blockbuster getroffen wurde. Der Cast besteht dagegen aus der zu erwartenden Wahl aus kommenden Teenieidolen und alte Haudegen. Jennifer Lawrence als Hauptfigur Katniss, Donald Sutherland als Präsident Snow und Woody Harrelson als versoffener Trainer Haymitch. Das war mir dann doch auf den ersten Blick zu viel des „Üblichen“, und nach den ersten Bildern und Trailern schien das auch in eine eher Clearasil-reine Teenie-Action-Schmonzette mit einem etwas abgestandenen Endsechziger-Look zu verkommen. Glücklicherweise ist es nicht so schlimm geworden. Zwar wurden einige Szenen entschärft, aber die düstere Stimmung der Vorlage wurde beibehalten.

Die Story: Irgendwann in einer düsteren Zukunft haben die USA aufgehört zu existieren. Stattdessen gibt es einen totalitären Staat, der sich in 12 Distrikte aufgeteilt hat. Präsident Snow (Donald Sutherland) regiert mit harter Hand vom „Capitol“ aus. Dessen dekadente Bewohner haben keine Ahnung von der Armut in den restlichen Distrikten. Mehr noch, sie lassen sich von dort mit Rohstoffen und Luxusgütern beliefern, um ein angenehmes Leben zu führen. Der Höhepunkt eines jeden Jahres sind die sogenannten „Hunger Games“, einer Live-TV-Show, in der die Tribute aus den Distrikten um ihr Leben zu kämpfen. Der perfide Hintergrund: Obwohl dem Sieger Wohlstand gewährt wird, ist das Ganze eine Machtdemonstration des Präsidenten. Ähnlich wie in „The Truman Show“ werden die Teenager in ein hermetisch abgeriegeltes Gebiet versetzt und sind den fiesen Spielchen der Macher ausgesetzt. Ein kleiner Waldbrand? Ein paar wilde Tiere, um die Spannung zu steigern? Für den Präsidenten und seine Helfer scheint alles möglich, geht es für sie doch darum zu zeigen, dass alle Bewohner ihrer Willkür ausgesetzt sind.

Dieses Jahr wird aber anders werden. In den 74sten „Hunger Games“ treten Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) und der junge Peeta (Josh Hutcherson) für Distrikt 12 an. Katniss nimmt dabei anstelle ihre Schwester Prim freiwillig an den Spielen teil. Obwohl sie am Anfang als Außenseiter gilt, entwickelt sie sich schon bald zu einem ernsthaften Favoriten für den Turniersieg – und zu einem Symbol für die Freiheit der unterdrückten Distrikte.

Katniss und Peeta. Echte Liebe oder nur Show? (Bild: Studiocanal)

Die Geschichte von Katniss Everdeen, den „Hungerspielen“ und dem brutalen Arenakämpfen ist voller gemeiner Ideen und interessanten Figuren. Regisseur Ross hat zusammen mit Collins und Billy Ray daraus einen für Blockbuster-Verhältnisse erstaunlich ruhigen Film gemacht. Ähnlich wie im Buch vergeht fast die Hälfte der Zeit mit der Schilderung der Lebensumstände und der Vorbereitungen. Dennoch fallen einige düstere Aspekte weg. So erfahren wir nicht, dass den Sklaven des Capitols die Zungen herausgeschnitten werden, die jugendlichen Helden sind nahezu perfekt geschminkt und die betont „dreckigen“ Bilder vom Anfang sind doch etwas zu schön, um wahr zu sein. Dennoch sorgen die Schauspieler für Authentizität. Jennifer Lawrences rauchige Stimme steht im starken Gegensatz zu ihrem etwas zu sauberen Look. Es ist fraglich, ob dieser Kontrast, der Katniss mehr Glaubwürdigkeit verleiht, in der deutschen Synchronfassung deutlich wird.

Durch die Konzentration auf das Vorspiel bekommt der Film in der zweiten Hälfte Probleme mit dem Tempo. Die Actionszenen in der Arena kommen fast schon stakkatohaft, und so wird die Beziehung der Figuren zueinander nur angerissen. Vor allem wird die aufkeimende Liebesbeziehung zwischen Katniss und Peeta geschildert, aber die Freundschaft zur kleinen Rue – einem der emotionalen Höhepunkte des Buchs – wird zum filmischen Schnellschuss. Das Ross das Zwischenmenschliche vernachlässigt ist insofern merkwürdig, da er die Actionszenen eher routiniert, als inspiriert verfilmt hat. Ein Waldbrand, Verfolgungsjagden, Explosionen – nichts, was die Zuschauer so vorher nicht schon oft gesehen haben. Enttäuschend ist auch das Finale in der Arena. Während Katniss und Peeta von brutalen, mutierten Raubtieren bedroht werden, erkennt sie in ihren Gesichtern die Augen ihrer inzwischen toten Konkurrenten – ein mieser kleiner Trick des „Capitols“.

"May the odds be ever in your favor". Wie wird es mit Katniss weitergehen? (Bild: Studiocanal)

Das mag alles jetzt sehr kritisch klingen, aber dennoch ist für mich „The Hunger Games“ ein sehr mutiger Teenie-Blockbuster. Natürlich stören mich die kleinen und großen Änderungen, die den Stoff etwas entschärfen. Aber dennoch: Wo zeigt denn ein Teeniedrama heutzutage eine so kritische Zukunftsvision?`Hinter dem Mantel des Coming-of-Age-Dramas verstecken sich ernsthafte, gesellschaftskritische Themen. Am Ende sollte man den Film als Kompromisslösung sehen. Auf der einen Seite die Filmbosse, die für ihre Investition einen entsprechenden finanziellen Erfolg erwarten, und auf der anderen Seite Teenager, die mal mehr sehen wollen, als Werwölfe, Vampire und Zauberlehrlinge. „The Hunger Games“ ist ein Wolf im Schafspelz, der böse zubeißen kann.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 23. März 2012

2 Kommentare zu “The Hunger Games: Düstere Aussichten

  1. Pingback: The Hunger Games: Flitzebogen und Brettspiel | GamingGadgets.de

  2. Klingt ja wirklich überraschend nett. Bisher hatte ich immer den Eindruck von ein wenig Running Man, eine Prise Battle Royale und ein Hauch Flucht ins 23. Jahrhundert, weswegen ich die Bücher, von denen ich schon vor längerem gehört hatte, links liegen gelassen habe, da mir die Story zu „geklaut“ erschien. Zumindest den Film werde ich mir dann mal geben, wenn er auf DVD erscheint. Wenn mir der gefällt, dann werde ich mir auch mal die Bücher ansehen

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