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Replayed: SWAT 4

Geschrieben von Sven
Replayed: SWAT 4

Seit jeher dreht sich bei Actionspielen alles ums Töten, Zerstören, Vernichten. Es wäre albern, das doof zu finden, schließlich könnte ich dann gleich Job und Hobby an den Nagel hängen. Außerdem gibt es doch nichts Besseres, als in virtuellen Welten seiner destruktiven Ader freien Lauf zu lassen. Spieler besitzen vermutlich die unterschiedlichsten Motive, sich an Ballereien zu erfreuen, vorrangig geht es aber um Unterhaltung mit der gehörigen Portion Adrenalin. Das ist auch gut so.

Es war Ende 1999, als mir Sierra Entertainment eine andere Art Action vorsetzte. Denn in „SWAT 3“ ging es nicht mehr vorrangig ums stumpfe Ermorden. Vielmehr sollte das Erschießen von Terroristen und Gaunern das letzte mögliche Mittel des US-Sondereinsatzkommandos sein, um Zivilisten und sich selbst zu retten. Sicher, gewisse Ähnlichkeiten zu „Rainbow Six“ waren unübersehbar, jedoch faszinierte mich diese suggerierte Realität mit der Chance, etwas Gutes zu tun ungemein – eben Menschen vor dem Tod zu bewahren, Verbrecher festzunehmen und bedacht zu agieren. Den Höhepunkt erreichte die als Strategiespiel gestartete Serie mit „SWAT 4“, das mich im April 2005 beglückte. Damals war Entwickler Irrational Games ein unabhängiges Studio und bekannt für „System Shock 2“ oder „Tribes: Vengeance“, nun durften sie sich dem Franchise von Vivendi Games widmen. Und von einem „BioShock“ war noch gar keine Rede. Nüchtern betrachtet war und ist „SWAT 4“ eine konsequente Fortsetzung des Vorgängers, aufgewertet durch einen einfallsreicheren Mehrspieler-Modus, aufgehübscht dank der Unreal Engine 2 und optimiert an vielen Ecken und Enden – zum Beispiel wurde die Steuerung überarbeitet.

Mit SWAT 3 verwandelte Sierra die ehemalige Strategiereihe 1999 in einen 3D-Taktikshooter
Mit SWAT 3 verwandelte Sierra die ehemalige Strategiereihe 1999 in einen 3D-Taktikshooter

Emotional gesehen ist „SWAT 4“ auch nach fast sechs Jahren nach dem Release ein tolles Stück Software, der man das Alter gar nicht mal so sehr ansieht. Abgesehen von der Tatsache, dass es nicht empfehlenswert ist, den Titel in den Windows 7-Hintergrund zu schieben, bereiten weder die Installation noch das Spielen unter dem neuesten Betriebssystem von Microsoft Probleme. Auf meinem QuadCore mit AMD Radeon 5870 läuft „SWAT 4“ absolut flüssig bei maximalen Details und der höchsten Auflösung von 1680×1200 – und sieht dabei sogar richtig nett aus. Klar, mittlerweile wirken manche Animationen etwas spartanisch und die Schauplätze lassen etwas Detailfülle vermissen, aber visuell ist unverändert alles im grünen Bereich. Mich hat das sehr überrascht, denn „SWAT 4“ ist eben „steinalt“. Andere TOP-Produktionen aus der gleichen Ära sind viel schlechter gealtert.

SWAT 4 sieht auch nach fast sechs Jahren noch gut aus.
SWAT 4 sieht auch nach fast sechs Jahren noch gut aus.

Auch das eigentliche Spielkonzept hat mich aufs Neue erstaunt. Nach der langen Zeit konnte ich mich an „SWAT 4“ kaum noch erinnern, erst beim Absolvieren der ersten der 13 Missionen erinnerte ich mich an die Aufgaben und nach wie vor recht komplexen Mechaniken. Ihr seid der Führer eines SWAT-Teams, das meist aus zwei Gruppen besteht. Diese solltet ihr vorzugsweise separat voneinander kontrollieren, um eure Missionen taktisch clever auszuführen. Wie in einem Ego-Shooter steuert ihr euren Protagonisten durch die real dargestellten Orte, könnt diverse Waffen sowie Ausrüstungsgegenstände verwenden und mittels eines Menüs eure Mannschaft dazu anweisen, zum Beispiel Türen leise oder mit Sprengstoff aufzubrechen, Geiseln zu befreien, Bomben zu entschärfen und Kriminelle auszuschalten. Alternativ rennt ihr selbst vor, riskiert aber einen gefährlichen Kontakt mit den unberechenbaren Schurken, die sich bewaffnet in Nachtclubs, Gaststätten oder gar Privatwohnungen verschanzt haben. Es ist also immer sinnvoller, genau zu entscheiden, was ihr euch selbst vornehmt und was vorzugsweise die Kollegen erledigen sollten. Mit CS-Gas oder Blendgranaten schaltet ihr Gauner kurzfristig aus, sodass ihr in Windeseile die Lage klären könnt. Das Tolle an „SWAT 4“ ist aber diese Pseudo-Authentizität: Sogar Unschuldige verkennen die Lage, reagieren hysterisch und beugen sich erst dann, wenn ihr auf sie einwirkt – unter anderem mit einem Taser. Gegner flüchten, rennen gezielt oder verwirrt durch die Gegend, attackieren aggressiv den SWAT-Trupp. Ihr müsst wählen, ob das Töten wirklich sinnvoll ist, denn dafür gibt es beim Ende eines Einsatzes Punktabzüge. Besser ist es, sie zum Aufgeben zu zwingen – mit Gas und oder dem Anwenden des Imperativs: „Waffe fallen lassen“, „Gib auf“ und so weiter. Die KI ist übrigens sehr stark, agiert dynamisch und auch beim wiederholten Starten einer Mission läuft niemals alles nach einem vorgegebenen Schema ab.

Ein Krimineller kurz vor seiner Festnahme.
Ein Krimineller kurz vor seiner Festnahme.

Bei Erfolg tun die Kontrahenten genau das, was ihr von ihnen verlangt. Nach dem Anlegen von Handschlaufen informiert ihr den Einsatzleiter über die gegenwärtige Situation, ebenso weist ihr ihn darauf hin, wenn Menschen verletzt wurden oder euer SWAT-Team in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das alles im Gesamten ist auch im Jahr 2011 außerordentlich spannend, was sicher an den von den Entwicklern ausgewählten Szenarien liegt. Wenn ihr Frauen aus dem Haus eines Psychomörders und seiner Mutter befreit, dann hat das schon etwas Bedrückendes und Beängstigendes. Die Kommentare eurer Mitstreiter verstärken diese Emotionen, und sowieso beschleicht euch permanent das Gefühl, jederzeit könnte in der Nähe ein Gangster lauern, der aus seiner Angst heraus Zivilisten tötet, euch in die ewigen Jagdgründe schickt oder die Flucht ergreift. Herausragend ist ferner die deutsche Sprachausgabe mitsamt ihren Funksprüchen, Einsatzbesprechungen und den Äußerung der Gruppenmitglieder.

Mich hat es sehr erstaunt, dass „SWAT 4“ jetzt noch so viel Atmosphäre versprühen kann, als wäre die Zeit stehen geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Titel quasi konkurrenzlos ist. Nicht einmal im Ansatz erschienen in den letzten Jahren ähnliche Spiele, stattdessen gewannen Action-Shooter mit einer simplen Strategie-Komponente (Stichwort Deckungssystem) mehr und mehr an Bedeutung. Der klassische Taktikshooter wurde offenbar längst vergessen, obwohl „SWAT 4“ sogar 2011 noch deutlich zeigt, wie hervorragend ein solcher Ansatz funktionieren kann. Dass das Töten der letzte Ausweg ist und auf gewisse Weise bestraft wird, verdeutlicht den intelligenten Anspruch, den „SWAT 4“ an den Spieler stellt. Mir scheint, als sei das in der Gegenwart kaum von Bedeutung. Haben sich Actionspiele womöglich zurück entwickelt, also wenn ich Spiele wie „Armed Assault 2“ oder vielleicht „Operation Flashpoint“ außen vor lasse? Ohnehin stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, ein „SWAT 4“ mit einem Krieg-Taktikshooter zu vergleichen. Denn bei „Battlefield“ und Co. steht das Morden stets im Vordergrund.

Stimmungsvolle Schauplätze
Stimmungsvolle Schauplätze

Ich muss leider davon ausgehen, dass ein „SWAT 5“ niemals erscheinen wird. Dabei gäbe es so viel Potential für Verbesserungen. Das Benutzerinterface von Episode 4 wirkt heutzutage ziemlich sperrig und gewöhnungsbedürftig, vor allem da zu viele Tasten auf dem Keyboard belegt und nötig sind. Visuell hat sich dank DirectX10+11 natürlich einiges in den vergangenen Jahren getan, spielerisch könnte ihr mir zusätzlich frische Elemente vorstellen. Dass Zivilisten mit Handschlaufen festgenommen und Verletzte nicht abtransportiert werden, halte ich schon für unglaubwürdig. Außerdem verzichtet „SWAT 4“ auf eine zusammenhängende Geschichte, die immerhin durch das später veröffentlichte AddOn „The Stetchkov Syndicate“ wieder im Ansatz eingeführt wurde. Und gerade der Mehrspieler-Modus, den ihr mittlerweile nicht mehr so recht nutzen könnt, besitzt einige gelungene Aspekte, die man neu aufleben lassen könnte. Davon abgesehen: Ein „SWAT 4“ mit einem deutschen SEK wäre sicher aufregend. Ach, ich vergaß…deutsche Entwickler bekommen ja nicht einmal gute Shooter hin….

Alles in allem kann ich euch „SWAT 4“ auch 2011 noch bedenkenlos ans Herz legen. Das Spiel hat wirklich kein bisschen Ausstrahlungskraft verloren, sieht noch schick genug aus und ist in jeder Sekunde tiefgründiger als ein auf Hochglanz poliertes „Call of Duty“. Umso trauriger macht es mich, dass ich ein Sequel wohl so bald nicht erleben darf. Das hab ich gewiss den schwachen Ablegern „SWAT: Target Liberty“ (PSP) und „SWAT: Global Strike“ (PS2, Xbox 360) zu verdanken, die Vivendi Games (Sierra) nach Take Two’s Kauf von Irrational Games auf dem Markt schmiss. Schade um die Reihe, wirklich!

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 5. Januar 2011

16 Kommentare zu “Replayed: SWAT 4

  1. SWAT3+4 waren wirklich super und haben mir auch richtig Spaß gemacht. Da kriegt man direkt Lust die Original(!) CD nochmal aus dem angestaubten Regal zu holen :)

    Sehr schöner Artikel, "Replayed" könnt ihr gerne öfter machen :)

  2. @Peter: Genau das hatte ich getan…die CD samt AddOn aus dem Regal geholt. Und ich finde, es hat sich gelohnt..hatte jedenfalls wieder viel Spaß mit SWAT 4.

    Weitere Replayed sind schon geplant. :)

  3. Aus der Erinnerung hat mir SWAT4 nicht sooo gut gefallen wie der dritte Teil, kann an der von dir erwähnten wenig/nicht vorhandenen Story liegen.

    Auf meiner Wunschliste würden mir zu Replayed spontan Battlezone, Dungeon Keeper, X-Com 1+2, Jagged Alliance 2, Commandos und natürlich Deus Ex einfallen ;)

    Goldene Titel, die meisten davon zeitlos :)

  4. Die Story-Losigkeit wurde ja durch das AddOn behoben. Das zusammen kann man sich wirklich nach wie vor mal angucken. Aber stimmt schon…bei SWAT 3 war das schon ne feine Sache mit der zusammenhängenden Geschichte.

    Was die Replayed betrifft: Hui, gute Vorschläge. Mal schauen, was sich machen lässt. Selbst hab ich noch ein paar andere Kandidaten in der Pipeline, die ich mir schon vor Wochen rausgesucht habe. Aber es gibt halt wirklich viele "Gold"-Klassiker… :)

  5. Schade dass solche guten Retropostings so untergehen, wir alten Gamingsäcke sind wohl ziemlich alleine in der Generation Call of Duty :)

    SWAT4 hat mich AFAIR damals so gelangweilt dass ich das Addon weggelassen habe, schade eigentlich. Vielleicht mal nachholen wenn mich der Retrohunger packt, an der Hochschule komm ich durch die Firewall nicht in Starcraft2 ;)

  6. Danke für den Artikel, mehr davon! SWAT 3 war eines meiner ersten Reviews damals, hab neulich den 10 Jahre alten Text auf meiner Platte gefunden ;)

  7. Sebastian schrieb am :

    Schöner Artikel!
    Ich nutze das gleich mal für eine Frage, vielleixht kann mir jemand helfen: Ich suche seit langem nach einem Spiel was ich zwischen 1996-1999 gespielt habe.
    Es war ein Taktikpolizeispiel und es war eher von einer unegkannten Firma, auf keinen Fall ein Blockbuster. Also kein Policequeyt, Swat o.ä.
    Man musste in einer isometrischen Ansicht vor Gebäuden Personen positionieren, das Gebäude ausforschen und wenn ich mich richtig erinnere konnte man nicht jn Echtzeit agieren, sondern musste nach der Positionierung abwarten ob man es rixhtig gemacht hatte.
    Ich meine mich zu erinnern, dass der Titel mit „P“ begann, aber da kann ich mich auch irren.
    Ich bin bereits zig Listen durchgegangen und ganz abandonia etc. Aber ich kanns nicht finden. Hat jemand eine Idee? Vielen Dank! :)

  8. @Manu: Danke. Aber SWAT 3 ist von 1999..also muss Dein Text ja schon 12 Jahre alt sein? :)

    @Sebastian: Hm, schwierig..sicher, dass es nicht SWAT 2 war? Ansonsten vermutlich auch kein Syndicate? Aber erzählt mal mehr von dem Spiel. Es war also rundenbasiert und man war Gesetzeshüter, richtig? Oder war man evtl. auf der kriminellen Seite? Spielte es in der Gegenwart, in einer fiktiven Zukunft, in der Vergangenheit?

  9. Sebastian schrieb am :

    Sven, danke für die antwort. Swat und Syndicate waren es beide nicht, die Männlein waren grösser un man hatte immer eine Gruppe von Polizisten/Swats die man befehligen konnte. Die Ansicht war streng isometrisch, aus rund 10m metern Höhe gefilmt. Man konnte auch drehen und die Gebäude waren dreidimensionak. die Figuren auch, keine Pixel. Spielte in der Gegenwart.

  10. Sebastian schrieb am :

    Hm, hab mir jetzt doch noch mal eon paar swat2 videos reingezogen und das sieht so sehr nach dem aus was ich im kopf hab, dass es das wohl gewesen sein muss. Ich erinnere mich auch an die verpackung. Ich werds mal probespielen, vielleicht erkenn ich es dann besser wieder ;)

  11. Leo schrieb am :

    Schön dass es noch Leute gibt die Ahnung von richtig guten Spielen haben. Zur Swat-Serie gehört bei mir noch Civ3 was seit Jahren regelmäßig gezockt wird. :)

    Aber was ich in noch keiner Diskussion gelesen habe ist die Tatsache, dass Swat 3 viel realistischer ist oder sehe nur ich das so ?!? Ich denke da speziell an die Projektile, welche duch Holztüren gingen und auf der anderen Seite in die Wand oder im schlechtestem Falle einen Zivilisten trafen ! Das war die eigentliche taktische Schwierigkeit beim stürmen der Räume.
    Dies ist nicht in Swat 4 umgesetzt worden…… Schade eigentlich oder gibt es einen Mod der das kann ?

    10-David Ende…
    Gruß,
    Leo

  12. Jens schrieb am :

    Hi. Habe den Artikel durch Zufall gefunden, als ich mich an das Spiel erinnert habe. Wisst ihr zufällig, ob das Spiel noch online gespielt wird???

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