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[snab]: Die Realität als Spielewelt

Geschrieben von Sven
[snab]: Die Realität als Spielewelt

Euch können Spiele nicht realistisch genug sein? Ihr habt genug davon, in eurem dunklen Kämmerlein an PC und Konsole Massaker anzurichten? Ein wenig verrückt seid ihr auch? Und Langeweile ist euer größter Feind? Ein herzliches Willkommen bei [snab]. Was das ist? Einfach ausgedrückt handelt es sich um eine neuartige Spiele-Community, erschaffen von Studenten der Fachhochschule Trier.

Neuartig ist [snab] deshalb, weil ihr zum Verdienen von Belohnungen und dergleichen nicht (nur) am Rechner sitzen sollt, sondern mit der grausamen Realität konfrontiert werdet. In dieser müsst ihr nämlich Herausforderungen meistern, zum Beispiel einen Gegenstand bemalen, ein Diner bei McDonalds veranstalten, komische Dinge basteln oder mit Klamotten einen Monster bauen.

Jaja, schon klar. Klingt komisch, nicht wahr? Polygamia.de fragte bei den Jungs und Mädels von [snab] nach, was man sich unter ihrem „Baby“ so vorstellen kann…

Polygamia.de: Besucht ein normalsterblicher Mensch das erste Mal [snab], dann dürfte er nur Bahnhof verstehen. Von einer pervasiven Spielecommunity, „Spread Nonsense Against Bordedom“ und dem Kampf gegen das „Global Boring“ ist die Rede. Wollt ihr jetzt nur die Intellektuellen mit Englischkenntnissen ansprechen?

[snab]: Ne, wollen wir natürlich nicht. Wir sehen die Verwendung von Anglizismen nicht als große Hürde für unsere User. Das trauen wir unserer jungen Zielgruppe schon zu, zumal sich die englischen Wörter auf die Titel beschränken und es jeweils deutsche Erklärungstexte dazu gibt.

Ankreiden: Eine Herausforderung bei snab
Ankreiden: Eine Herausforderung für die Community.
Polygamia.de: Hoffentlich überschätzt ihr nicht die Leute. : ) Aber was genau kann man sich genau unter eurem Projekt vorstellen?

[snab]: Unser Projekt ist ein sogenanntes pervasives Spiel. Unter „pervasives Spiel“ versteht man ein Game, das keine begrenzte, fiktive Spielwelt hat, sondern überwiegend im realen Alltag des Spielers stattfindet.  Klingt etwas abstrakt, ist aber gar nicht so kompliziert. Der Spieler nimmt Mission an, macht eine Aktion in seiner Wohnung, Stadt oder im Freundeskreis, fotografiert das Ganze und lädt das Ergebnis auf snab.me hoch. Viellelicht entdeckt der Spieler so neue Wege, seinen Alltag zu erleben.

Polygamia.de: Erfolgreiche soziale Netzwerke wie Facebook oder auch StudiVZ erfreuen sich solch großer Beliebtheit, weil sie sogar von Noobs sofort verstanden werden. Das ist euch offenbar nicht ganz so wichtig, oder?

[snab]: Natürlich legen wir großen Wert auf gute Verständlichkeit und leichte Navigation. Tatsächlich sind Seiten wie Facebook und StudiVZ etabliert und dadurch vermeintlich leicht zu überblicken. Doch auch diese mussten vom User zuerst erlernt werden. Als zusätzliche Orientierungshilfe haben wir auf unserer Seite einen Infobutton, hinter dem sich unter anderem eine Spielanleitung verbirgt.

Polygamia.de: Ihr seid der Auffassung, dass die allgemeine Langeweile zu einem immer größeren Thema in unserer Gesellschaft wird. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, denn ich arbeite den lieben langen Tag und am Wochenende genieße ich meine Freizeit mit Hobbys, Killerspielen, Zombiefilmen und Kultur. Wie kommt ihr denn darauf, dass sich die Menschen in unserer reizüberfluteten Konsumgesellschaft langweilen könnten? Geht ihr mehr von dem Studentenleben aus?

[snab]: Es geht uns genau um diese Reizüberflutung. Die Massenmedien stellen eine Ablenkung dar, die Menschen zu passivem Konsum statt aktiver Betätigung verleitet. Diese unbewusste Langeweile nennen wir „Global Boring“. Im Gegensatz zu Medien wie Fernsehen bieten Spiele eine interaktive Komponente. Bei [snab] geht es zusätzlich darum, dieses Erlebnis in das alltägliche Umfeld  zu transportieren und die Wahrnehmung des Spielers zu verändern.

Studentenleben? Ob sich nur Studenten mehr langweilen als andere Menschen, sei dahingestellt. Mehr Zeit haben sie jedenfalls nicht..

Polygamia.de: Heutzutage werden Menschen außerhalb des Internets eher scheu, es fehlt ihnen regelrecht schwer, sich in ihrem realen Umfeld zurecht zu finden oder soziale Kontakte zu knüpfen. Und jetzt sollen sie dank [snab] plötzlich in der Öffentlichkeit Spielzeuge aufstellen und andere, eher durchgeknallte Dinge tun? Wie sollten sie denn Hemmungen, Angst und potentielle Peinlichkeiten überwinden, mit denen sich im Web gar nicht erst konfrontiert werden?

[snab]: Die von dir beschriebene Problematik ist einer der Hauptaspekte von [snab]. Es geht uns gerade darum, dass die Spieler ihre gewohnten Pfade verlassen. Die eigene öffentliche Darstellung ist Teil des Spielspaßes und bringt den gewissen Nervenkitzel mit sich. Dies kann natürlich auch als Hürde aufgefasst werden und ist daher auch nicht in allen Missionen gefordert. Durch das Spiel in der Öffentlichkeit werden auch unbeteiligte Passanten aufgeweckt, was ebenfalls zum Spielkonzept dazugehört. Die Erfolge anderer Aktivisten, die man sich auf der Plattform ansehen kann, tragen dazu bei, dass man sich mal selbst traut.

Kleiderschrankkunst! Hier muss man nicht einmal die Wohnung verlassen.
Kleiderschrankkunst! Hier muss man nicht einmal die Wohnung verlassen.
Polygamia.de: Das könnte für manche schon eine ganz schön große Hürde sein! 16 Studierende der Fachhochschule Trier haben SNAB im Rahmen des Studiengangs Intermediales Design realisiert. Glückwunsch übrigens! Aber was soll mit dem Projekt geschehen, wenn alle das Studium (hoffentlich) erfolgreich abgeschlossen haben?

[snab]: Danke. Wir haben bereits verschiende Pläne für die Plattform, die sind aber noch nicht spruchreif.

Polygamia.de: Mir ist schon klar, dass ihr positiv über [snab] sprechen wollt. Aber mal ehrlich: Wie ist die Resonanz von den ersten Nutzern? Das sind doch sicher auch fast alles nur Studenten?

[snab]: Wir sind überrascht und freuen uns, dass so viele User das Angebot engagiert angenommen haben. Unserer Einschätzung nach ist das Publikum gemischt, es sind natürlich auch Studenten dabei, sowie Schüler und auch ältere Spieler.

Polygamia.de: Abgesehen von Erfolgen (Badges, Achievements oder wie man es nennen mag) gibt es bei euch nichts zu gewinnen. Geben sich die Leute denn mit virtuellen Trophäen zufrieden?

[snab]: Wie sich die Motivationskurve der User gestaltet, muss sich mit der Zeit herausstellen. Natürlich sind wir offen für Änderungsvorschläge. Außerdem kannst Du Dir sicher vorstellen, dass wir kaum Budget zur Verfügung haben, um materielle Gewinne zu verteilen. Wie oben bereits erwähnt wollen wir unseren Spielern neue Blickwinkel auf ihren Alltag eröffnen und hoffen, dass die dies als persönlichen Gewinn betrachten.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.
Ein schicker Promo-Spot klärt auf, wie snab funktioniert!

Polygamia.de: Mit welchen Alternativen zu [snab] vertreibt ihr euch eigentlich die Langeweile?

[snab]: Wasserpolo ; -)

Polygamia.de: Ohje. :- ) Was kommt auf [snab] als nächstes? Persönlich könnte ich mir ja gut noch Aspekte wie Flashmobs, also Spiele für mehrere Leute (Multiplayer), vorstellen. Oder Foursquare/Gowalla-Elemente, vielleicht…ach, was plant ihr?

[snab]: Klar, der Aspekt des gemeinsamen Spiels schwebt uns auch schon länger vor, doch ist die technische Umsetzung der nötigen Tools leider noch nicht weit genug voran geschritten. Momentan fehlt [snab] noch die Möglichkeit, sich mit anderen Usern zu Aktionen zu verabreden. Wir planen aber schon in diese Richtung. Zurzeit werden auf [snab] jeden Dienstag und jeden Donnerstag 2 neue Missionen hochgeladen, an denen sich die Spieler austoben können.

Polygamia.de: Dann kann ich euch für die Zukunft nur alles Gute und vor allem viel Erfolg wünschen! Und solltet ihr, liebe Leser, mal bei [snab] vorbei schauen wollen, dann klickt euch auf snab.me. Poly führte das Interview übrigens mit Steffi Nosbüsch, Nils Lehmler und Miriam Julius – drei fleißige Bienchen von [snab].

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 5. Februar 2011

6 Kommentare zu “[snab]: Die Realität als Spielewelt

  1. Den Innovationspreis muss ich gleich mal madig machen. ;)

    [snab] ist das Konzept Forenspiel mit umgekehrten Vorzeichen. Hier gibt es zuerst das Spiel, und jeder, der mitmachen will, wird Teil des Forums (Community).

    Wenn man snab.me betrachtet, sieht man an jeder Ecke, dass da jemand mit sehr viel Energie, Spaß und auch Können an die Umsetzung gegangen ist. Der ausgefeilte philosophische Hintergrund und Wortschöpfungen wie „Global Boring“ richten sich wohl eher an die Dozenten als an die Nutzer des Portals. Das ist auch vollkommen legitim, es gibt nunmal gewisse Ansprüche an ein Studienprojekt und man tut immer gut daran, eine gute Idee mit dem nötigen akademischen Füllmaterial anzufüttern.

    Ob das Konzept Fahrt aufnimmt, hängt (wie bei Forenspielen letztendlich auch) davon ab, ob genug „Macher“ angelockt werden können, damit die „Zuschauer“ die Plattform tragen. Es passt sehr gut in die Zeit – ich denke, das kann klappen. Hab mich gleich mal angemeldet.

  2. @Michael: Ich denk auch, dass das Konzept aufgehen kann, aber ich würde mir auf gewisse Weise eine etwas optimierte Einsteigerfreundlichkeit wünschen. Das Herumwerfen mit Anglizismen ist Geschmacksache, aber z.B. auch das Sortieren in Schwierigkeitsgrade etc. wäre sinnvoll.

    Ansonsten war eigentlich von „Innovation“ gar keine Rede. Zumindest hab ich das Wort gar nicht in den Mund genommen. Andeutungsweise erwähnte ich ja auch „Flashmobs“…das sind ja im Grunde ebenfalls Spiele, die im Internet organisiert werden. Das geht in eine ähnliche Richtung….

    Gibts eigentlich direkte Foren, wo es nur um Forenspiele geht?

    • Ich denke mal auf Facebook und MeinVZ gibt es spezialisierte Channels. So kenne ich das aber nur von Foren, denen entweder langweilig wird (Mediafandom ohne Nachschub an Media), oder wo es sowieso um das Kreative geht. Am Besten sind da die eher extrovertierten Communities. ;)

  3. Pasch schrieb am :

    Mich zum Beispiel hat es überzeugt! Ich bin nun dabei und hoffe dass noch viele andere Nachkommen werden. Ich würde den Global Boring Begriff zwar nicht direkt so um mich werfen, aber was gemeint ist verstehe ich und ich kann es auch nachvollziehen.

    @ Michael:
    Das ist ja das Innovative. Einfach umgedreht. Klingt zwar einfach, ist es aber nicht. Wer würde beispielsweise auf die Idee kommen, seine Jeans morgens verkehrtherum anzuziehen. Oft ist es sehr schwer auf einfach erscheinende Ideen zu kommen.

    @Sven:
    Du hast recht, die Einsteigerfreundlichkeit ist nicht sehr hoch. Gerade für ältere, so aus den 1970er Jahrgängen (kleiner Scherz am Rande).

    @beide:
    Die Anglizismen finde auch ich, obwohl für mich keinerlei Verständnisproblem besteht, furchtbar. Viel cooler und toller wäre es, mehr aussterbende deutsche Wörter wie hanebüchen, Dreikäsehoch, Drahtesel, Nasenfahrrad oder Käseigel zu verwenden.

  4. @Pasch: Also das mit den Jeans verkehrt herum gab es schon einmal. Ich erinnere mich nur ungern an Kris Cross. :D

    Einsteigerfreundlichkeit/Anglizismen: Hehe, naja..ich bin aus den 1970ern und habe persönlich kein nennenswertes Problem mit beiden Aspekten. Aber ich weiß genau, dass dies bei Snab keine optimale Lösung ist – vor allem, wenn sie möglichst viele Leute ansprechen wollen.

    Bzgl. den deutschen Wörtern: Kein Witz, ist seh das ähnlich. Vor allem hanebüchen liebe icxh. Ein tolles Wort. :)

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