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Scott Pilgrim: Für eine Handvoll Extraleben

Geschrieben von Andreas
Scott Pilgrim: Für eine Handvoll Extraleben

„Love Story“ trifft auf „Super Street Fighter“. Edgar Wright („Hot Fuzz“) bringt das Kult-Comic von Bryan Lee O’Malley auf die große Leinwand und zeigt, dass selbst brillante Einfälle auf Dauer ermüdend sein können.

O’Malley ist mit seiner gleichnamigen Graphic Novel ein Kunststück gelungen indem er Sozialsatire, Liebesgeschichte und Superheldencomic überzeugend miteinander verbunden hat. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein schwarz-weißes Manga für Kinder, aber dann legt O’Malley los und spart nicht mit Seitenhieben auf Popkultur, Musik und Videospiele. Das hat ihm in den USA nicht nur Kultstatus unter Nerds, sondern auch einen Bestsellererfolg beschert. Dabei ist der Plot alles andere als massenkompatibel: Scott Pilgrim ist ein arbeitsloser Slacker, der in der Rockband Sex-Bob-Omb E-Bass spielt und sich in die geheimnisvolle Skaterin Ramona Flowers verliebt. Das alleine wäre nicht besonders schlimm, aber um ihr Herz zu erobern muss er zuerst ihre sieben bösen Ex-Freunde besiegen. 16-Bit-Style.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt: Button-Smasher für die Augen

Das Buch ist ein Feuerwerk an visuellen Ideen. Inserts, wilde Zeitsprünge und manchmal sogar Texte zum Mitlesen für die Songs Sex-Bob-Omb. Das alles hat auch der Film. Wright beschleunigt von der ersten Minute an auf 100: die Universal-Fanfare als Chiptune, Action im Stil von „Matrix“ und dröhnende Rockmusik. Indem der Film von Anfang an Vollgas gibt, lässt er sich nur wenig Zeit für die Zwischentöne und wenn, dann werden sie schnell von irgendeinem Effekt oder optischem Gimmick unterbrochen. Das funktioniert anfangs sehr gut, aber dann wird daraus ein „Murmeltier“-Effekt und „Scott Pilgrim“ nervt nur noch. Wright wiederholt sich nämlich und belässt es dabei. Das ist unendlich schade, denn so kennt die Story keine Tempowechsel. Für einen Film in dem Musik eine wesentliche Rolle spielt, hat „Scott Pilgrim“ erstaunlich wenig Rhythmus-Gefühl.

Laut und schnell, aber kein Taktgefühl.

Wenn dieser Film ein Videospiel wäre, würde man ihn als Grinder bezeichnen, also als ein Rollenspiel in dem das monotone Abmetzeln wiederkehrender Gegnerhorden zum Alltag gehört. Während die Buchvorlage sich Zeit nimmt um die Figuren und ihre Beziehung darzustellen, wird aus dem Film ziemlich schnell eine Nummernrevue – ein Ex-Freund folgt auf den nächsten und es gibt nur selten Abwechslung. Das ist vor allem ein Problem des Mediums Film, denn womöglich hätte die Story als Fernsehserie besser funktioniert. Stattdessen dehnt sich die Handlung bis sie langweilig wird. Da hilft es nichts, dass die Kämpfe allesamt hervorragend choreografiert sind und die Schauspieler perfekt zu ihren Rollen passen. Michael Cera („Juno“) spult in der Hauptrolle wieder einmal seine Rolle als gehemmter Nerd ab und Mary Elizabeth Winstead („Stirb Langsam 4.0“) als Ramona spielt gekonnt gegen ihr Cheerleader-Image an. Doch das sind alles nur Tropfen auf einem heißen Stein.

Nerds unter sich. Scott und seine Clique.

Hinter der Action, den Videospiel-Zitaten und den Gitarrenriffs liegt nämlich eine durchaus ernste Geschichte über Liebe, Jugendkultur und Anderssein verborgen. O’Malley hat dafür in seinen Graphic-Novels eine ziemlich perfekte Nerdwelt erschaffen. Hier unterhält man sich über Pac Man & Co und wenn gar nichts mehr hilft, kommt von irgendwo ein Extraleben her. Das Beste: Normale Menschen gibt es hier nicht. So sieht wohl die Märchenwelt des Videospieluniversums aus – laut, schräg und versponnen. Da sich Wright nur für das Erstere interessiert, kommen die magischen Momente zu kurz. Die brauchen nämlich Zeit um zu wirken  – etwas, dass sein Film nicht haben will. In ganz seltenen Szenen gibt es sie dennoch, wenn etwa Ramonas Roller-Skates den Schnee zum Schmelzen bringen, eine Schaukel zum romantischsten Ort der Welt wird oder das Paar am Ende hinter einer einsamen Tür verschwindet. Dann lädt der Film zum Entdecken, rätseln und wundern ein – Wright will aber  nur ein Old-School-Beat’em’up für Nerds. Das reicht leider nur für einen halben Film.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 24. Oktober 2010

2 Kommentare zu “Scott Pilgrim: Für eine Handvoll Extraleben

  1. Ich kaufe mir Filme lieber auf DVD/Blu Ray, anstatt sie mir im Kino anzusehen, insofern habe ich mir Scott Pilgrim als US-Import vorbestellt. Gesehen habe ich den Film freilich noch nicht, auch die Comicvorlage kenne ich nicht. Wenn sich meine Erwartungshaltung durch etwas aufgebaut hat, dann durch die vorherigen beiden Kinofilme des Regisseurs. Vor allem Hot Fuzz habe ich in jeder Sekunde genossen (auf Deutsch darf man sich den Film übrigens um Himmels Willen nicht ansehen!).

    Bisher habe ich nur positives vom Film gehört, aber es ist gut, dass ich nun auch deine eher negative Kritik zu lesen bekomme. So schraubt sich die Erwartung dann doch wieder etwas runter ;) (das nächste Mal sollte ich Kritiken im allgemeinen meiden).

  2. Hm – vielleicht liegt es daran, dass ich den Comic nicht kenne, aber ich fand den Film einfach herrlich. Schon beim verchiptunten Universal-Logo war nichts mehr zu retten. Ein toller Liebesfilm für die 16-Bit-Generation.

    Klar hätte dem Material nich eine halbe Stunde mehr Luft zum Atmen gut getan. Da muss man sich leider den aktuellen Hollywoodrealitäten stellen – ein Mehrteiler oder extreme Überlänge sind ein zusätzliches Risiko. Vielleicht holt die BluRay da noch was raus an Extraszenen.

    Ist das hier eigentlich auf dem Soundtrack drauf? :D http://www.youtube.com/watch?v=USvZLNhY9eM

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