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Saint’s Row 4: Street Credibility for President!

Geschrieben von Andreas
Saint’s Row 4: Street Credibility for President!

„Saint’s Row 4“ ist geschmacklos, bissig und irre. Entwickler Volition entsteigt dem THQ-Debakel wie ein Phönix aus der Asche und löst das Versprechen ein, das der Duke nicht halten konnte.

Es geht hoch hinaus. Dank Superkräften sind schnöde Autofahrten uninteressant.
Es geht hoch hinaus. Dank Superkräften sind schnöde Autofahrten uninteressant.

Ich meine: Was soll da noch schief gehen, wenn gleich am Anfang „I don’t want to miss a thing“ von Aerosmith ertönt? Michael Bay hat die Schmalz-Hymne damals in „Armageddon“ benutzt und Volition meint dazu nur „Du kannst mich mal!“. Der Boss der Saints krabbelt eine startende Rakete hoch, um einen drohenden Atomkrieg zu verhindern, der Song ertönt und seine Kumpels fangen schon an zu trauern. Aber denkste! Nachdem er seinen Job erledigt hat, springt unser Held ab, landet im Weißen Haus und macht es sich gemütlich. Logische Überleitung, denn warum sollte ein Bandenboss nicht auch mal Präsident werden?

Ein Tag im Leben des Präsidenten

Dass der Job nur harte Jungs verlangt, wissen wir spätestens seit „Air Fore One“. Deshalb darf unser „Held“ gleich mal zeigen, was in ihm steckt, als Aliens die Erde überfallen. Die jagen alles in die Luft und Mr. President findet sich in einer Computersimulation wieder, in der er sich richtig austoben darf – natürlich nur zum Wohle der Menschheit. Wobei das etwas strittig ist, denn dem strammen und patriotischen Action-Helden stellt Volition nun einen selbstsüchtigen und brutalen Gewaltverbrecher entgegen. An sich ist das ein ziemlich böser Seitenhieb auf die Weltpolizei USA, Patriotismus und scheinheilige Moral. Ich frage mich aber, wer von den Spielern (das Spiel ist inzwischen ein Millionenhit) das auch kapiert. So schön nämlich die folgenden Parodien auf anderen Spiele oder Filme ist, so dumpf ist das Spielgeschehen.

08/15-Action mit einem tollen Szenario.
08/15-Action mit einem tollen Szenario.

Statt einer offenen Welt zum Erkunden, arbeitet ihr euch an einer nicht enden wollenden Anzahl wiederkehrender Missionstypen ab. Da mal ein Alien-Nest ausheben, einen Laden hacken, Rennen gewinnen oder einen Turm hochspringen. Das ist am Anfang noch witzig, wird aber nach knapp fünf Stunden langweilig. Die Hauptmissionen sind etwas origineller und lassen euch mal in einer Art Godzilla-Kampf antreten oder als Sam-Fisher-Verschnitt durch den Level schleichen. Allen Aufgaben ist aber eins gemeinsam: Taktik ist unwichtig. Es geht immer schön laut durch die Mitte. Daran ändern auch die Superkräfte nichts.

Vielleicht will Volition damit die einfallslosen Mechanismen modernen Spieldesigns dekonstruieren? Hm. Leider glaube ich eher, das die Entwickler nur den kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht haben, um eine breite Spielerbasis anzusprechen. Alles wird hier schnell zur Schufterei, und dann merkt ihr, dass „Saint’s Row 4“ ursprünglich als Addon geplant war und nicht als Vollpreistitel. Manchmal wirkt das Ganze wie eine Ansammlung von Mini-Spielchen.

Was bleibt, das ist die hervorragende B-Note: schräge Figuren, witzige Dialoge und eine Menge Selbstironie. „Saint’s Row  4“ nimmt sich nicht ernst und kehrt damit zurück zu den Wurzeln des großen Open-World-Platzhirschs „GTA“ zurück. Irgendwo zwischen „San Andreas“ und „GTA 4“ wurde die anarchische Lust am Zerstören bewährter Konventionen einer Pseudosozialkritik geopfert, die mehr verspricht, als sie einhalten kann. Volition sagt uns dagegen jetzt: „Es ist alles ziemlicher Quatsch!“. Homie-Romantik, pathetische Heilandsphantasien, die große Open-World-Actionoper.

Immer schön draufhauen. "Saint's Row 4" ist nix Feingeister.
Immer schön draufhauen. „Saint’s Row 4“ ist nix Feingeister.

Dieses Spiel ist ehrlich zu sich und seinen Fans und keine bemühte Gesellschaftskritik, die mit dem nächsten Action-Set-Piece sinnlos wird. Es ist ein derbe, satirische Breitseite auf all die aufgeblasenen Spiele- und Hollywood-Blockbuster, die ihren Unsinn als moralische Botschaft verkaufen und offenbart in dieser (beabsichtigten?) Medienkritik eine Reife und Weitsicht, die selten ist. Das hoffe ich zumindest. Vielleicht hat Volition einfach auch nur Dampf abgelassen.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 17. Oktober 2013

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