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Phoenix 9: Apokalypse bei Kickstarter

Geschrieben von Sven
Phoenix 9: Apokalypse bei Kickstarter

Über Kickstarter und Co. gibt‘s für voll innovative Ideen Kohle von  potentiellen Käufern. Ruck zuck Projekt gestartet, einige Tage später ist das Geld beisammen und Visionen können in die Tat umgesetzt werden. Klingt cool?

Das Endzeit-Szenario wird in Halle/Saale gedreht, sofern es mit der Finanzierung klappt. (Foto: Kickstarter.com)
Das Endzeit-Szenario wird in Halle/Saale gedreht, sofern es mit der Finanzierung klappt. (Foto: Kickstarter.com)

Ist es auch, schließlich ermöglicht Crowdfunding, die moderne Art der Finanzierung, Technologien, Spiele oder Filme, die sonst vielleicht nie realisiert worden wären. Doch manchmal klappt es nicht so, wie man es sich erhofft hat – und es gibt auch keine sachliche Erklärung dafür, wieso niemand Geld geben mag.

Ein solches Beispiel habe ich mir herausgepickt. „Phoenix 9“ ist ein Kickstarter-Projekt. 50.000 US-Dollar möchte das Team, bestehend aus Regisseur Amir Reichart, Autor Peer Gopfrich und Produzentin Stephie Brauer, für ihren Kurzfilm zusammen bekommen. Aktueller Stand (30. Juni 2012, 12 Uhr): 841 Dollar. Dabei klingt die Idee alles andere als schlecht. “Phoenix 9” soll ein post-apokalyptischer Streifen werden, bei dem zwei Brüder nach einer globalen Nuklear-Katastrophe neue Hoffnung schöpfen.

Ich löcherte Amir Reichart mit einigen Fragen zu „Phoenix 9“, Crowdfunding und was sie bisher getan haben, um auf ihr „Baby“ aufmerksam zu machen. Warum? Vielleicht, weil ein Teil des Teams aus meiner alten Heimatstadt Halle kommt? Vielleicht auch, weil ich nicht verstanden habe, wieso das Budget-Ziel nicht erreicht werden könnte?

Polygamia.de: Bevor ich euer Projekt bei Kickstarter entdeckte, wusste ich gar nichts über euren geplanten Kurzfilm. Wie kommt’s? Hattet ihr gehofft, es würde genügen, dort präsent zu sein?

Amir Reichart: Wir hatten zuerst eine Internetseite mit der Adresse dont-be-afraid.com entwickelt. Darauf ist ein Teaser der Phoenix Corporation zu sehen, die in dem Kurzfilm eine wichtige Rolle spielt. Danach haben wir eine Facebook Fanpage gegründet. Hier halten wir unsere Follower immer auf dem neusten Stand und versorgen sie mit Updates, was sich gerade alles in der Vorproduktionsphase tut. Dennoch sind wir immer noch dabei, unser Projekt weiter zu verbreiten, über jede Möglichkeit, die sich uns bietet, um eine große Fangemeinde aufzubauen.

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Die Macher stellen so ihr Kickstarter-Projekt vor.

Polygamia.de: Die Frage muss ja kommen: Wieso Kickstarter? Crowdfunding ist ja derzeit voll im Trend, aber es gibt ja auch deutsche Portale wie Startnext oder MySherpas, die häufig ebenfalls erfolgreich Projekte finanzieren?

Amir Reichart: Aus dem einfachen Grund, dass Kickstarter viel populärer und etablierter ist. Die Summen, die dort zusammenkommen, findet man bis jetzt noch nicht auf deutschen Portalen, da diese im Vergleich noch relativ am Anfang stehen.

Polygamia.de: 50.000 Dollar für einen Kurzfilm sind sicherlich nachvollziehbar – zumindest für diejenigen, die sich ein klein wenig mit dem verbundenen Aufwand beim Realisieren eines Films beschäftigen. Gab es für euch keine Möglichkeiten, Geld an anderen Stellen zu beschaffen? Es gibt doch Filmfonds und dergleichen?

Amir Reichart: Wir versuchen weiterhin über Filmfonds und anderweitige Sponsoren Gelder zu sammeln. Filmförderungen dauern jedoch einige Zeit in der Beantragung und Auszahlung. Wir freuen uns über Firmen und Privatpersonen, die uns mit Geld oder Sachmitteln unterstützen wollen.

Polygamia.de: Was macht ihr, wenn ihr die 50.000 Dollar nicht zusammen bekommt? Derzeit sieht es ja leider nicht ganz so gut aus?

Amir Reichart. (Foto: Kickstarter)
Amir Reichart. (Foto: Kickstarter)

Amir Reichart: So salopp es klingen mag: Dann finden wir einen anderen Weg. Im Filmemachen ist es wie im echten Leben auch – es wird immer Rückschläge geben. Aus diesen Fehlern müssen wir lernen und dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Es geht darum, einmal mehr aufzustehen, als man hinfällt. Wenn man sich von diesen Rückschlägen zu sehr runterziehen lässt, hat man in der Filmbranche nichts verloren, denn selbst die Hollywood Blockbuster-Produktionen kämpfen mit den gleichen Problemen wie wir, nur eben in größeren Dimensionen.

In unserem Fall versuchen wir den Film weiter zu verbreiten  und unser Ziel zu erreichen. Wir wollen uns noch für Filmförderungen und Stiftungen bewerben. Viele Firmen finden den Film sehr interessant und wir besprechen, wie wir am besten zusammen arbeiten können.

Polygamia.de: Ihr gebt an, dass ihr ein internationales Publikum ansprechen wollt. Aber wieso? Seht ihr für postapokalyptische Szenarien im deutschsprachigen Raum kein Interesse bei den potentiellen Zuschauern?

Amir Reichart: Mit international meinen wir, dass wir die Zuschauer überall ansprechen wollen, das schließt den deutschsprachigen Raum mit ein. Indem wir ihn auf Englisch drehen, machen wir ihn einem breiteren Publikum zugänglich. Außerdem planen wir nach einem möglichen Erfolg des Kurzfilms, einen Spielfilm aus dem gleichen Konzept zu machen, mit einer ausgeweiteten Storyline, die mehr Hintergründe beleuchte  und die uns noch mehr Möglichkeiten gibt, in die tiefen Abgründe der menschlichen Psyche einzutauchen. Für dieses Vorhaben ist es natürlich nützlich, ihn einem so großem Publikum wie möglich zugänglich zu machen.

Polygamia.de: Zumindest laut Kickstarter-Seite klingt „Phoenix 9“ sehr düster. Gab es für die Geschichte bzw. das Skript Inspirationsquellen? Wenn ja, welche?

Amir Reichart: Die Schwere des Films ist zum Beispiel mit dem Film „The Road“ vergleichbar, mit Viggo Mortensen. Die Verwandtschaft unseres Films mit „The Road“, ist jedoch nur in der ersten Hälfte vorhanden, nämlich bis sie die geheimnisvolle Tür mit dem Phoenix Logo entdecken.

Polygamia.de: Zwei Brüder kämpfen sich nach einer Nuklear-Katastrophe durch eine zerstörte Welt und finden eine mysteriöse Tür. Hinter dieser befindet sich Hoffnung auf ein neues Leben? Was denn genau? :- )

Amir Reichart: Das darf ich leider noch nicht verraten :- ) Nur so viel vorab: In den meisten postapokalyptischen Filmen ist unserer Meinung nach das Problem, dass die Überlebenden nach einer “Oasis” suchen, in der Lebensverhältnisse herrschen, die es vor der Apokalypse gab. Es handelt sich also um eine Art goldenen Käfig. Aus diesem Grund fühlt es sich so an, als ob die Überlebenden, die diesen Sicherheitsraum finden, ein gewisses Maß an Selbsttäuschung benötigen, um glücklich sein zu können und die zerstörte Welt um diese Oase herum auszublenden. In unserem Falle ist es anders. Wie genau, dass soll zum jetzigen Zeitpunkt der Vorstellungskraft der Leser überlassen bleiben. Aber diese Chance, die die Brüder bekommen, wird ihre Loyalität aufs Äußerste strapazieren und ans Licht bringen, wie viel  Menschlichkeit noch in ihnen steckt. Damit wollen wir die Wurzel des größten menschlichen Übels symbolisieren. Die Grenzen zwischen Egoismus und Altruismus, das ist der rote Faden, der sich durch unseren Film durchzieht.

Polygamia.de: Wie lange reift die Idee zu eurem Film den schon?

Amir Reichart:  Die Idee zu dem Film ist im November 2009 entstanden, als ich mein Praxissemester in Los Angeles machte und dort Peer, den Drehbuchautor, kennen lernte. Seitdem gab es über 300 verschiedene Versionen von dem Drehbuch, bis wir die finale Version hatten. Es entstand übrigens durch unzählige Skype-Telefonate und Emails. Für uns steht die Story an erster Stelle, es gibt einfach zu viele durchschnittliche Filme, die zwar visuell und technisch oscarreif sind, aber die Geschichte nicht überzeugt. Deswegen haben wir so viel Zeit und Nerven in das Drehbuch investiert, und hinter dem stehen wir jetzt zu 110%.

Polygamia.de: Hat das Team schon etwas in der Richtung gemacht oder ist das die erste Produktion?

Amir Reichart: Das ist das erste Projekt für das Team in der Konstellation. Jeder hat für sich seine Erfahrungen in anderen Produktionen gemacht, aber dies  ist unsere erste Zusammenarbeit. Das es dann gleich so ein aufwendiges Projekt ist, stellt natürlich eine besondere Herausforderung dar.

Polygamia.de: Hätte es nicht auch seinen Reiz, einen deutschen Apokalypse-Film zu drehen? In der Gegend Halle gibt es doch genügend geeignete Schauplätze? :- )

Amir Reichart: Wir werden in Halle drehen, aber durch visuelle Effekte die Ostküste der USA im Computer erschaffen. Der Grund ist unsere Sehgewohnheit. Wenn zwei Menschen durch Straßen laufen in, in denen man im Hintergrund eine riesige Skyline einer amerikanischen Großstadt sieht, wirkt es atmosphärisch wesentlich stärker gegenüber einer deutschen Großstadt. Durch die vielen amerikanischen Filme sind unsere Sehgewohnheiten so geprägt, dass wir das zum Teil sogar nur unterbewusst so aufnehmen.

Außerdem drehen wir den Film auf Englisch, da würde es keinen Sinn machen, englischsprachige Charaktere in einer deutschen Stadt zu zeigen.

Was wohl hinter der Tür steckt? (Foto: Kickstarter.com)
Was wohl hinter der Tür steckt? (Foto: Kickstarter.com)

Polygamia.de: Angenommen, ihr bekommt für euer „Baby“ die gewünschte Geldsumme zusammen. Wie geht es dann weiter? Habt ihr schon Ideen zu geeigneten Schauspielern, Locations oder gar Länge des Films?

Amir Reichart: Natürlich, wir sind schon fleißig am Casten, das Drehbuch ist schon lange fertig. An dem habe ich übrigens zusammen mit dem Drehbuchautor über ein Jahr lang gearbeitet. Parallel zur Produktion des Kurzfilms sind wir auch schon am Drehbuch zum Spielfilm dran, das ist unser langfristiges Ziel. Mit dem Kurzfilm wollen wir – das Kernteam, also der Drehbuchautor, die Produzentin und ich – beweisen, dass wir in der Lage, sind so einen aufwendigen, komplexen Kurzfilm zu drehen, damit genügend Vertrauen aufgebaut wird für potentielle Sponsoren, Investoren und Filmförderungen.

Polygamia.de: Vielen lieben Dank dafür, dass du dir die Zeit genommen hast! Dann kann ich euch nur den größtmöglichen Erfolg wünschen – und auch, dass es doch noch mit Kickstarter klappt und der Weg zum Kurzfilm geebnete wird.

„Phoenix 9“ spricht euch an? Ihr wollt das Filmprojekt unterstützen? Klickt euch zu Kickstarter und macht mal ein paar Dollar locker.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 30. Juni 2012

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