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Medal of Honor: Solide Kriegspropaganda

Geschrieben von Sven

Electronic Arts sprach bei der Ankündigung des neuen „Medal of Honor“ großspurig von einem völlig anderen und hervorragenden Reboot der Serie. Und auf gewisse Weise hat der Spielehersteller Recht behalten. Denn der Neustart der ehemaligen Weltkriegsshooter-Reihe hebt sich tatsächlich von seinen zahlreichen und qualitativ recht wechselhaften Vorgängern ab. Aber besonders toll ist „MoH“ deswegen noch lange nicht.

Allein seid ihr beim neuen Medal of Honor im Grunde nie
Allein seid ihr beim neuen Medal of Honor im Grunde nie

Ich würde euch an dieser Stelle gerne etwas von einer tiefgründigen, bedrückenden oder denkwürdigen Geschichte erzählen, doch die hat „Medal of Honor“ zu keiner Zeit zu bieten. Die Solokampagne ist recht kurz, in unter fünf Stunden könnt ihr sie auf dem niedrigsten der drei zur Verfügung stehenden Schwierigkeitsgrade meistern. Das ist sogar weniger als bei „Bad Company 2“, dennoch erinnert der gesamte Handlungsverlauf frappierend an das gute Werk von DICE. Auf der Seite der Tier-1-Operatoreren der US-Army kämpft ihr mit verschiedenen Soldaten im Afghanistan der Gegenwart gegen die bösartigen Terroristen der Taliban, die – schenkt man dem Spiel Glauben – die Intelligenz eines durchschnittlichen Moorhuhns und das Aggressionspotentials eines Amokläufers haben. Zweitgenanntes mag wohl der Realität  entsprechen, das ist im Grunde genommen auch das Einzige, was „Medal of Honor“ auf gewisse Weise glaubwürdig macht. Denn sonst wird euch Kriegspropaganda in Reinkultur serviert, die nur innerhalb der ersten halbe Stunde so etwas wie Hoffnung aufkommen lässt. Nämlich Hoffnung darauf, dass EA eine Prise Kriegskritik vermitteln möchte, bei der Menschen in Afghanistan nicht grundsätzlich als Terroristen und Bösewichte dargestellt werden. Schnell entpuppt sich der Titel aber als stumpfe Ballerei, bei der ihr nicht einmal die Hauptrolle einnehmen müsst.

Denn stets werdet ihr von gut agierenden KI-Kollegen begleitet, die gerne mal vorpreschen und für euch das Töten übernehmen. Ganz durchdacht sind nicht alle der Missionen, handelt ihr nicht so wie gewünscht, katapultiert euch „Medal of Honor“ in eine Endlosschleife, bis ihr die geforderte Aufgabe so erledigt, wie es das Programm wünscht. Ich muss aber zugeben, dass manche Herausforderungen zwar recht unfair sind und ungenau beschrieben wurden, aber sehr intensiv dargestellt sind. Wenn ihr mit einem Transporthubschrauber irgendwo in der Pampa in Afghanistan landet, ihr kurze Zeit später zusehen müsst, wie der Helikopter abgeschossen wird und ihr euch durch Horden schwer verletzte Kameraden stürzt, dann ist das tatsächlich spannend und beängstigend zugleich. Trotzdem versäumt es EA, der Geschichte einen Anspruch zu verleihen, die zum Nachdenken anregt. Wir reden hier schließlich über einen tatsächlich stattfindenden Krieg des 21. Jahrhunderts! Vielmehr ist „Medal of Honor“ wie erwartet Kriegsverherrlichung, obwohl auch auf Seiten der US-Army ständig Soldaten sterben. Nur wie Gegner pauschal beschimpft werden, obwohl es genauso unschuldige Zivilisten sein könnten – das halte ich für inakzeptabel und verdeutlicht vermutlich nur das intellektuelle Niveau eines Tier-1-Operators. Statt „Potential verschenkt“ nehme ich eine andere Floskel in den Mund: Chance (auf gelungene sowie intelligente Provokation) vertan!

Im Singleplayer sind die Gegner noch die Taliban. Im Multiplayer inkonsequenterweise nicht mehr.
Im Singleplayer sind die Gegner noch die Taliban. Im Multiplayer inkonsequenterweise nicht mehr.

Auch konzeptionell geht „Medal of Honor“ keine neuen Wege, ganz im Gegenteil. Spielerisch hat man sich etwas zu viel von „Bad Company 2“ abgeschaut, das zeigt sich schnell innerhalb der Kampagne. So müsst ihr aus der Ferne Befehle zum Bombardieren geben, ein Gebäude verteidigen, das durch Feindesbeschuss nach und nach zerlegt wird, oder mit ATVs durch die Steppe heizen. Stets dabei sind eure Freunde, die selbständig Aktionen ausführen oder darauf warten, dass ihr zum Scharfschützengewehr greift, Transporter ausschaltet, Türen eintretet oder irgendwo hinauf klettert. Sicher, das ist alles recht abwechslungsreich gestaltet, aber zu keiner Zeit irgendwie neuartig oder überraschend. Wobei, überraschend ist höchstens der ungewöhnlich hohe Munitionsvorrat, zudem könnt ihr bei Knappheit immer eure Mitstreiter fragen, die euch dann ein Magazin in die Hand drücken. Neu ist weiterhin, dass ihr auf dem Boden herumrutschen könnt, was gut funktioniert und bei manchen Kämpfen das Leben retten kann. Denn nach maximal drei Treffern durch den Gegner werdet ihr getötet. Das vermittelt ebenfalls einen Hauch Authentizität. Diese wiederum wird gekonnt durch lästige Levelschläuche zerstört.

Alles in allem ist die Solo-Kampagne keine Besonderheit, aber ich will nicht nur nörgeln. Dank teils toller Schauplätze, bei denen ihr auch in der Nacht heimlich Terroristen ausschaltet oder durch die Botanik rast, etlichen Waffen und einem klug aufgebauten Team-Gefühl macht „Medal of Honor“ Spaß – wäre da nicht der fade Beigeschmack etwas zu spielen, was zum einen ein brisantes Thema inkonsequent bzw. einseitig aufgreift und zum anderen schon 1000 Mal zuvor in anderen Genrevertretern zu sehen war.  Da ändert der „Tier-1“-Modus nicht viel. Hier müsst ihr die Kampagne noch einmal unter Zeitdruck meistern. Für Kopfschüsse, Nahkampfattacken oder dem Ermorden von zwei Terroristen mit einer Kugel erhaltet ihr zusätzliche Sekunden, die ihr freilich dringend benötigt. Spätestens in dieser Spielart mutiert „Medal of Honor“ erst recht zu einem stupiden Shooter ohne Anspruch. Was nicht heißt, dass dies nicht auch mal für ein Match zwischendurch unterhält.

So ist es nicht: MoH hat einige gute Momente zu bieten!
So ist es nicht: MoH hat einige gute Momente zu bieten!

Wer den Singleplayer-Part beendet hat, kann sich ja in die Multiplayer-Schlachten stürzten. Aber wieso eigentlich? Im Großen und Ganzen ist alles aus „Bad Company 2“ und von mir aus auch „ Modern Warfare 2“ bekannt. Ich möchte nicht zu hart klingen, denn dank der Entwickler von DICE wird euch hier ein richtig ordentliches, umfangreiches und prima funktionierendes System in die Hand gedrückt. Es gibt drei Klassen mit ihren individuellen Stärken, die natürlich in den Mehrspieler-Modi sinnvoll zum Einsatz kommen. Der Schütze ist eine typische Kämpferklasse, der mit einem Sturmgewehr bzw. MG ausgestattet ist und über Rauchgranaten verfügt. Der Special Op ist spezialisiert auf den Nahkampf, ihm stehen u.a. ein Schrotgewehr und sogar ein Raketenwerfer für Sabotageaufträge zur Verfügung. Und der Scharfschütze hat neben seinem passenden Gewehr auch noch Sprengstoff in der Tasche. Man weiß ja nie und so. Alle drei Typen gelten für die Koalitionstruppen (Tier-1) und die OPFOR (Opposing Force), also die umbenannten Taliban. Für erfolgreiche Kämpfe ergattert ihr Erfahrungspunkte, die wie gewohnt neue Waffen, Fähigkeiten und Gadgets freischalten. Ein Stufenaufstieg gilt immer für beide Parteien, schließlich müsst ihr euch nicht einmalig fest für eine Seite entscheiden. Ein paar feine Modi sind freilich mit von der Partie, Käufer der „Tier-1“-Edition erhalten via Code noch ein paar Maps dazu. EA will eben Gebrauchtkäufer abstrafen oder sie zum nachträglichen Erwerb der Inhalte bewegen. Und weiterer DLC gegen Bezahlung ist ebenfalls schon fest eingeplant. Wie typisch, wie einfallsreich. Hier wiederholt sich die Vorgehensweise von „Bad Company 2“.

Solltet ihr womöglich an anderer Stelle gelesen haben, die Bodentexturen seien extrem schwach und es würde regelmäßig zu Slowdowns kommen, dann kann ich euch beruhigen. Ich empfinde dies in keinem Fall so, grafisch ist „MoH“ kein Deut schlechter als „Bad Company 2“, abgesehen vielleicht von dem Fehlen hübscherer bzw. opulenterer Zerstörungen durch Physik-Effekte. Sicher, manche Animationen und Gesichter der Figuren hätten attraktiver ausfallen können, sonst ist der Titel aber soweit auf der Höhe der Zeit. Beeindruckend wird es zwar nur sehr selten und manchmal nerven kleinere Ungenauigkeiten wie zum Beispiel die Fahrt mit den ATVs. Aber soweit stimmt die Präsentation und echte Framerate-Einbrüche sind mir keine nennenswerten untergekommen.

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Kriegspropaganda im Video

Im Bereich Sound stellen mich die deutschen Sychcnronsprecher mit ihrem dummen Blabla nicht zufrieden, der Soundtrack ist dagegen passend und stimmig. Und über die Steuerung kann ich gar nicht weiter meckern, hält sich diese doch an die üblichen Konventionen. Das ist auch gut so, denn ich hätte keine Lust mehr, ein „Medal of Honor“ genauso zu spielen wie „Frontlines“, bei dem die Bedienung noch eine völlig andere war.

Ich mag das ernste Thema, nicht aber die dilettantische Umsetzung des aktuellen Themas. Ich mag die Schauplätze, nicht aber die einfallslosen Spielmechaniken, die ich schon unzählige Male in anderer Form überstanden hab. Es macht eben keinen Unterschied, ob ich mit einem ATV oder einem Schneemobil („Modern Warfare 2“) herumdüse. Und ich mag den Multiplayer, obwohl er im Kern auch nichts Neues bietet. Man könnte also annehmen, „Medal of Honor“ wäre nichts Halbes und nichts Ganzes. Das ist allerdings nicht richtig! Letztendlich ist der Reboot der Reihe ein guter Action-Shooter, der nur an der Oberfläche des dramaturgisch Möglichen kratzt. Einen Krieg in der Gegenwart hätte EA auch viel anspruchsvoller inszenieren können. Übrig bleibt nur ein solider Genrevertreter, der ein paar große Momente und jede Menge Action bietet. Und das wird Shooter-Fans schon ein paar Stunden zufrieden stellen – als Lückenfüller bis zum nächsten „Call of Duty“ allemal.

„Medal of Honor“ ist kaum schlechter als „Bad Company 2“. Und das bestätigt zum wiederholten Male meine Meinung: Das Genre braucht dringend eine Pause!

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 22. Oktober 2010

2 Kommentare zu “Medal of Honor: Solide Kriegspropaganda

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