3

Giana Sisters – Twisted Dreams: Zwei Welten, drei Meinungen

Geschrieben von Sven
Giana Sisters – Twisted Dreams: Zwei Welten, drei Meinungen

Die Jungs und Mädels von Black Forest Games legten sich echt ins Zeug. Als Überbleibsel von Spellbound rührten für ihr erstes Spiel „Project Giana“ kräftig die Werbetrommel, sammelten bei Kickstarter über 180.000 Dollar ein und erweckten so die Kultheldin und Mario-Gegenspielerin zu neuem Leben. Nebenbei führten sie mit uns auch ein Interview. Jetzt könnt ihr „Giana Sisters: Twisted Dreams“ für schmale 15 Euro erwerben, zum Beispiel bei Steam, Gamersgate oder GOG. Hat sich der ganze Aufwand gelohnt – als auch für uns Spieler? Black Forest Games hat ja schon durch das Crowdfunding-Projekt erstes Geld eingenommen..

Giana hüpft und rennt durch wirklich wunderschöne Schauplätze. (Foto: Black Forest Games)
Giana hüpft und rennt durch wirklich wunderschöne Schauplätze. (Foto: Black Forest Games)

Nicht alle vom Polygamia-Trupp sind 100%ig glücklich mit „Twisted Dreams“, obwohl das klassisch anmutende Jump&Run mit dem Weltenwechsel weit entfernt von einem Totalausfall ist. Plaudern wir mal ein wenig über unsere ersten Kontakte mit dem originalen „The Great Giana Sisters“ sowie unseren (mal mehr, mal weniger erfüllten) Erwartungen an das neue Spiel…

Andreas findet…

Für mich waren die „Giana Sisters“ schon immer eine Mogelpackung. Da hatten sich damals ein paar Deutsche ein richtungsweisendes, japanisches Original geschnappt, die Pixel (oder waren das damals Sprites?) ausgetauscht und ordentlich Kohle gescheffelt. Wie originell. Natürlich weiß ich, dass da mehr Arbeit drin steckte, aber mir kam es so vor. Vielleicht lag es auch daran, dass ich nie einen C 64 besaß, sondern „nur“ einen Atari 600. Ich kam also quasi nie in Versuchung. Von den „Giana Sisters“ hörte ich nur von Freunden, aber so richtig konnten sie mich nicht überzeugen. Die Geschwister Giana und Maria ließen mich kalt, ähnlich wie heute. Eine Kickstarter-Kampagne für ein Spiel, das praktisch fertig ist? Nein, danke. Aber in meinen Augen passte es: eine Mogelpackung.

Jetzt liegt das Spiel vor mir, ein paar Runden habe ich hinter mir. „Giana Sisters: Twisted Dreams“ spielt sich wie „Super-Mario-Ikaruga“. Die Grafik ist nett, die Musik voll retro und so, aber der ständige Wechsel zwischen den beiden Welten, um die Kristalle aufzusammeln, nervt mich. Es ist ein sehr simpler Twist, mit denen Black Forest Games die altbackene Spielidee aufgepeppt hat. Vergeblich suche ich nach Rätseln oder zumindest etwas Abwechslung. Ständig rumhüpfen, während des Flugs die Welten wechseln und heil ankommen. Dadurch wird das Spielgeschehen sehr schnörkellos, aber sehr überraschungsarm. In meinen Augen haben es sich die Entwickler zu einfach gemacht. Der Eine mag da eine andere, emotionalere Bindung oder so etwas wie Nostalgie empfinden – für mich ist „Giana Sisters: Twisted Dreams“ ein Jump’n’Run wie jedes andere.

Giana wirkt sehr sauber und professionell programmiert. (Foto: Black Forest Games)
Giana wirkt sehr sauber und professionell programmiert. (Foto: Black Forest Games)

Sven meint…

Mit „Giana Sisters“ verbinde ich einen fatalen Fehler, den ich viele Jahre bereute. Ich tauschte damals mein geliebtes NES samt „Super Mario Bros.“ (und zig anderen tollen Spielen) gegen einen Heimcomputer. Ich suchte kurze Zeit später händeringend nach Alternativen, einem Leben ohne den Klempner. Ich wurde glücklicherweise fündig – mit „The Great Giana Sisters“. Als Kind wusste ich es nicht besser, dass das nur eine Raubkopie war, aber öffentlich verkauft wurde es wohl damals eh nicht mehr. Giana war ein guter Ersatz, spielte sich das Jump&Run doch ähnlich gut, obwohl das Original für meinen Geschmack nie erreicht wurde. Dennoch: Ich mochte „Giana Sisters“ sehr gerne, was sicherlich an meiner obsessiven Vorliebe für 2D-Jump&Runs lag (und liegt).

Die Ankündigung von „Project Giana“ und des darauffolgenden Kickstarter-Projektes freute mich, obwohl ich das einige Jahre zuvor veröffentlichte „Giana Sisters DS“ „nur“ ganz gut fand. Endlich wieder mit den Mädels aus meiner Vergangenheit Abenteuer bestehen? Toll! Ich selbst schoss übrigens 10 Dollar vor, das Werk musste ich unterstützen. Alleine aufgrund der positiven (und im Grunde auch negativen) Erinnerungen an die Vergangenheit.

Und jetzt ist es fertig. „Giana Sisters: Twisted Dreams“, so der finale Name, bietet mit im Grunde klassische Hüpfkost mit dem Wechsel der zwei Welten. Und was soll ich sagen? Irgendwie bin ich ein wenig ernüchtert. Dass es keine Rätsel gibt, das stört mich keineswegs. Ganz im Gegenteil, nerven die mich in aktuellen Jump&Runs sowieso am meisten. Hier kann ich springen, meine Geschicklichkeit unter Beweis stellen und schöne Schauplätze besuchen. Was mich viel mehr stört? Das ist der permanente „Twist“. Während eines Sprungs switche ich in die andere Welt – und zurück. Ständig, gefühlt pausenlos. Die Hauptbesonderheit nutzt sich enorm schnell ab und wird dadurch anstrengend. Ehrlich: Hätten die Entwickler Giana ein paar Fähigkeiten spendiert, ich hätte mich darüber mehr gefreut. Schießen, Waschbärenkostüm Vogelkostüm…irgendwas eben? Nein, Pustekuchen! Das ist mir auf Dauer zu wenig, sorry! Dabei ist „Twisted Dreams“ beileibe kein schlechtes Spiel, Gott bewahre. Es sieht für meinen Geschmack toll aus und erinnert mich vom Stil an „Trine“. Es spielt sich fein, besitzt hübsche Melodien und ist eben klassisch. Zu klassisch vielleicht? Ich schätze, die Entwickler verließen sich zu sehr auf die neckische Traum-Idee – und damit enttäuschen sie mich. Andererseits: Nörgle ich vielleicht zu viel, das Spiel kostet schließlich nur 15 Euro. Und für diesen Preis erhaltet ihr fraglos eine süße Reise in die Vergangenheit…irgendwie.

Andy denkt…

Ich wage einen Blick in die Zukunft: Alle finden “Giana Sisters Twisted Dreams“ enttäuschend, mies oder fürchterlich – nur ich nicht. Während mir ein Verriss leicht über die Lippen… äh… Schreibfeder… üh… Tastatur kommt, habe ich bei Lobhuldigung immer Angst vor dem Backlash. Und in diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass ein Großteil meines Spielspaßes eindeutig aufgrund der Musik resultiert – nur ob man mich in der Hinsicht überhaupt ernst nehmen kann, wenn ich unumstritten und ohne jeden Zweifel der größte Chris Hülsbeck-Fan aller Zeiten bin?

Egal ob im verträumten Original, erstellt eben durch die Herren Hülsbeck sowie Fabian Del Priore, oder in den Machinae-Supremacy-Metal-Arrangements: Der Soundtrack ist fantastisch und in meinen Ohren dem C64-Original klar überlegen. Er modernisiert dessen klassische Themen und bietet einige herausragend erweiterte Melodien. Der Wechsel zwischen den beiden Varianten, wenn ich von einer Welt zur anderen switche, funktioniert ebenfalls prächtig. Und selbst wen mich dieses Hin und Her stört, dann kann ich den Sound dank Menüeinstellungen auf eine Version beschränken.

Das Spiel selbst hat mir bislang gleichfalls Freude bereitet, denn im Gegensatz zu Andreas und Sven halte ich den Twist nämlich für gelungen. Mich nervt der ständige Wechsel keinen Meter, schließlich geht er via Xbox-360-Pad leicht von der Hand. Gleichzeitig sorgt er für einige kniffelige Situationen, in denen ich mein Timing gut abstimmen muss. Und Rätsel wären klar Fehl am Platz gewesen: “Giana Sisters Twisted Dreams“ ist kein Knobler, sondern ein waschechter Geschicklichkeitstest.

Auf dem Bild nicht wahrzunehmen: Das Spiel besitzt einen tollen Soundtrack. (Foto: Black Forest Games)
Auf dem Bild nicht wahrzunehmen: Das Spiel besitzt einen tollen Soundtrack. (Foto: Black Forest Games)

Von drei Welten habe ich zwei komplett gespielt sowie kurz in die dritte hinein geschaut – und ich bin überrascht, welch fiese Passagen sich Black Forest Games bereits in diesen einfallen lassen hat. Es erinnert mich vom Design her mehr an “Donkey Kong Country“ als an “Super Mario Bros“, gleichwohl es viele versteckte Gänge und Räume zu entdecken gibt. Teils dominiert gar der fiese Frust: So haben mich die ersten beiden Endgegner regelrecht zur Verzweiflung getrieben, speziell weil mir ein Speicherpunkt direkt vor deren Haustür verwehrt blieb und ich deshalb nicht so ohne weiteres pausieren (sprich: mich anderweitig abreagieren) konnte.

Auch dass der letzte Level einer jeden Welt erst dann freigeschaltet wird, wenn ihr genügend Diamanten gesammelt sowie die vorherigen Stufen mit möglichst wenig Lebensverlust geschafft habt, suggeriert mir, dass Black Forest Games diesmal im Gegensatz zum Leichtgewicht “Giana Sisters DS“ einen echten harten Brocken für Jump’n’Run-Profis im Sinn hatte. Mir steht jedenfalls noch ein gutes Stückchen Arbeit bis zum finalen Endboss im Weg…

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Magst du ihn teilen?
Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Share on LinkedIn

Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 23. Oktober 2012

3 Kommentare zu “Giana Sisters – Twisted Dreams: Zwei Welten, drei Meinungen

  1. Die Screenshots sehen schon lecker aus. Was mich interessiert wäre ein direkter Vergleich mit Rayman: Origins.

    Zu Giana habe ich ein gespaltenes Verhältnis. In den 80ern habe ich mich nicht für Konsolen interessiert. Ich kannte Mario nur vom Hörensagen. Von daher fand ich Giana Sisters auf dem C64 einfach super, wenn es auch bei weitem nicht mein liebstes Jump & Run war. Auf dem Amiga hingegen hasste ich es einige Jahre später. Die Steuerung kam mir viel zu schwammig vor. Tja, und dann hatte ich doch irgendwann ein SNES und Super Mario World und Giana war vergessen, spielte einfach einige Ligen weiter unten. Selbst als ich mit Mario Allstars die ersten Mario-Games nachholte, fragte ich mich so manches Mal, wieso alle Leute Giana so toll fanden. ^^

    Mit Ende der 2D Ära und dem N64 bzw. PS1 und ersten 3D Karten für PC war das allerdings alles ziemlich Geschichte. Mario 64 läutete eine neue Dimension des Jump & Runs ein, Tomb Raider verschmolz Action-Adventure, Jump & Shoot und Jump & Run zu einer neuen Art Spiel. Es folgten Banjo Kazooie, Crash Bandicoot, mit Einschränkungen Spyro und später Jak & Daxter, dessen ersten Teil ich neben Mario 64 (und Mario World) immer noch als DAS Jump & Run überhaupt ansehe. 2D J&Rs waren für mich durchweg spielerisch belanglos geworden.

    Heute ist es manchmal ein netter Nostalgietrip ein 2D Jump & Run zu zocken aber es ist was „für zwischendurch“ und nichts, womit ich einen ganzen Abend verbringen würde. Und am liebsten starte ich dann einen meiner alten SNES-Klassiker. Dennoch interessiert mich Twisted Dreams schon ein wenig. Allerdings habe ich bisher auch nicht den hochgelobten Rayman gekauft. Ich kann mich irgendwie nicht zu durchringen für solche Titel noch Geld auszugeben. Vielleicht 5 Euro. Sorry, mag unfair scheinen, ist aber so. Immerhin bekomme ich für 15 Euro sowas wie Enslaved – Odyssey to the West oder diverse Ratchet & Clanks, welche eben in völlig anderen Dimensionen spielen und wo ich mich mit großer Sicherheit mehr reinbeissen und intensiver Spaß mit haben würde.

  2. Also zu deiner Frage: Rayman Origins ist deutlich komplexer und facettenreicher als Giana. Visuell in meinen Augen ähnlich schön, wobei Rayman doch einige Ecken kreativer ist – also optisch.

    Ich seh das übrigens völlig anders als du: Ich kann mit 3D-Jump&Runs nach wie vor nicht so viel anfangen, ich möchte es in 2D haben. Gerne einfach und ohne Puzzles. Giana ist mir dagegen etwas zu einfach gestrickt – gerade wenn ich jetzt mal so frech bin und das mit New Super Mario Bros. oder die alten Mario World / Mario 3 vergleiche. Genau diese sind für mich perfekte Jump&Runs: Anspruchsvoll, ohne unnötigen Schnickschnack (Rätsel) und 2D :)

  3. Ich kann mich noch an 1987 erinnern, damals war ich 8 und der Freund von meiner Mama hatte das Spiel auf dem C64 war es glaube ich. Damals war ich von diesem Jump & Run Spiel sehr begeistert. Das Spiel ist heute komplett anders, habs auf STEAM geholt aber es werden Erinnerungen wach und es macht ähnlich viel Spaß wie damals… sehr gelungen.

Kommentar schreiben