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Gamer und das Fernsehen

Es gibt nicht viel zu berichten über die Gamescom 2011. Kaum Überraschungen, aber einen Skandal. Das RTL-Magazin sendete einen klischeebehafteten Bericht über die Besucher der Gamescom und wurde dafür mit einem Shitstorm abgestraft.

Interessiert das überhaupt noch jemanden? Diese Frage ist ein paar Wochen nach dem Ereignis durchaus berechtigt. Ich denke ja, denn es geht hier um grundsätzliche Sachen wie das Bild von Spielern in der Öffentlichkeit, Fernsehalltag und Hysterie.

Die Chronologie der Ereignisse spare ich mir. Nur soviel: ein klischeehafter Fernsehbeitrag des Redakteurs Tim Kickbusch löste hysterische Reaktionen unter den Spielern hervor, Sender und Redakteur entschuldigten sich zerknirscht und am Ende ist alles wieder gut. Neben all der berechtigten Kritik sollten sich die Spieler aber mal eingestehen, dass sie selbst auch ein bisschen Schuld an dem ganzen Schlamassel sind.

An sich ist der Beitrag eine journalistische Nichtigkeit. Ich stelle mir das so vor, dass sich die “Explosiv”-Redaktion morgens getroffen und noch schnell einen “Rausschmeißer” gesucht hat. Das sind Beiträge, die am Ende einer Sendung vieles sein dürfen, aber nur nicht anspruchvoll. Dazu kommt noch, dass “Explosiv” eines dieser “Möchtegern”-Magazine ist, die gern investigativen Journalismus heucheln, aber es nicht umsetzen können. Es heißt ja auch “Explosiv”, und da ist der Name Programm. Tiefgründigkeit verbietet sich da von selbst.

Die Gamescom: Auf Gewisse Weise war die Messe Stein des Anstoßes...
Die Gamescom: Auf Gewisse Weise war die Messe Stein des Anstoßes... (Foto: Koelnmesse)

Kickbusch zieht also mit zwei “Handlangern” los, die für ihn die Drecksarbeit, sprich kurze Interviews, erledigen (kleine Frage Herr Kickbusch: Auch schön die Einverständniserklärung der Eltern eingeholt?). Das Problem an solch tagesaktuellen Magazinbeiträgen: Als Redakteur hat man nicht viel Zeit für die Recherche. Wenn er sich nicht in der Materie auskennt, sucht er halt schnell den niedrigsten gemeinsamen Nenner. Und das sind nicht die Unterschiede zwischen “MW 3″ oder “Battlefield 3″. Nein, das sind nur Details für uns Spielenerds.

Ähnlich wie ein Film funktioniert ein Fernsehbeitrag nach dramaturgischen Prinzipien. Und das heißt: Reduktion; auf das Wesentliche konzentrieren. Zu viele Infos in wenigen Fernsehminuten überfordern die Zuschauer. Das ist eine Tatsache, die jeder Fernsehjournalist lernt, und bei der Umsetzung trennt sich die Spreu vom Weizen. Kein Magazinbeitrag bietet so viel Fachwissen, um ein Thema objektiv darzustellen, egal ob es sich um wirtschaftliche oder soziale Themen handelt. “Experte” wird man da meist erst während der Recherche. Das funktioniert bei einer Fingerhutsammlerin ohne Probleme, bei brisanten Themen aber nur eingeschränkt. Vor allem: Videospiele sind nicht das Zentrum der Welt. Wenn wir Spieler mal aus unserem Glaskasten raustreten würden, anstatt hysterisch zu werden, würden wir das auch merken. Videospiele haben es nämlich in 40 Jahren nicht geschafft, ernst genommen zu werden, abgesehen vom Wirtschaftsfaktor. Ein “Bioshock” oder vielleicht “The Path” muss sich Shooter-Klonen unterordnen. Die plakative Werbung der Publisher oder ihre undurchsichtige Informationspolitik passt dazu.

RTL Explosiv griff die ´freakigen Gamer´ auf. (Foto: RTL)
RTL Explosiv griff die ´freakigen Gamer´ auf. (Foto: RTL)

Nehmen wir beispielsweise das Messekonzept der meisten Aussteller. Es ist erbärmlich und funktioniert nach einem der ältesten Marketing-Prinzipien: Sex sells. Leicht bekleidete und durchtrainierte “Messebabes” (Ist dieser Begriff nicht auch verachtend und erniedrigend?) posieren mit den Besuchern, legen einen Lapdance aufs Parkett (bei “World of Tanks”) und zieren so die Bildergalerien vieler Onlinefachmagazine. Kickbusch macht das aus handwerklicher Sicht nicht mal falsch, als er sich genau auf den Punkt “Sex” stürzt. Er hat offensichtlich keinerlei Ahnung von Videospielen und krallt sich deshalb eine dieser Hostessen – eine gute Wahl für eine Protagonistin. Anschließend lässt er sie über die Pflegegewohnheiten der Besucher, ihre sozialen Kontakte und vieles mehr herziehen. Nüchtern betrachtet macht Kickbusch nichts anderes, als das was DSDS, “Frauentausch” und andere erfolgreiche Casting- und Reality-Formate seit Jahren erfolgreich zelebrieren: Schadenfreude ohne störende moralische Kompromisse.

Da sicherlich viele Spieler bei diesen Formaten regelmäßig zusehen, darf ich mal eine Frage stellen: Wundert euch das? Wenn so ein Prinzip funktioniert, wird es eben in jeder Form ausgekostet. Sich darüber aufregen, ich doch Heuchelei oder einfach nur naiv. Zumal wenn es sich um eine solche Banalität handelt. Natürlich ist der Beitrag verachtenswert, aber er spiegelt auch den Fernsehalltag wider. Wir Spieler merken das nur, weil es unsere Welt ist.

Die Moral von der Geschichte: Spieler gelten immer noch als Nerds. Kickbusch hat nämlich Spieler nur so gezeigt, wie sie in der Öffentlichkeit “angesehen” werden. Es ist doch ein Trugschluss, dass Videospielen heute “cool” ist. Tatsächlich gilt das doch nur bis zu einem gewissen Grad, also nur solange wie man Spiele wie “CoD” oder “FIFA” zockt. Alles andere ist schräger Nerdkram. Wenn ich einem Fernsehredakteur als Spieler dann noch so eine Steilvorlage wie die Gamescom liefere, brauche ich mich auch nicht zu wundern. Grölende Fans, die nach Messebabes geifern, sind leider die ideale Voraussetzung für solche Beiträge. Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 30. August 2011

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