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Die Rote Flut: Homefront anno 1984

Geschrieben von Andreas
Die Rote Flut: Homefront anno 1984

Anfang der 80er Jahre war der Kalte Krieg in vollem Gang und John Milius, der Ko-Autor von „Homefront“, stand für Hollywood an vorderster Front. Der erfolgreiche Drehbuchautor und Regisseur war auf dem Höhepunkt seiner Karriere und drehte mit „Die Rote Flut“ einen der umstrittensten Filme der letzten 30 Jahre.

In „Red Dawn“, so der Originaltitel, entwerfen Milius und sein Kollege Kevin Reynolds („Robin Hood“) ein erschreckendes Zukunftsszenario: Die UDSSR wird von einer Dürrewelle heimgesucht, Kuba und Nicaragua mobilisieren ihre Truppen und in Deutschland sorgen die Grünen für den Abbau der Atomwaffen. Schließlich landen Truppen in der kleinen Stadt Calumet in Colorado und besetzen nach und nach die USA. Nur eine kleine Gruppe von Teenagern zieht sich in die Berge zurück und führt einen erbitterten Guerilla-Krieg gegen die Invasoren. Erst nach Monaten wird ihr Widerstand gebrochen, und während zwei von ihnen zur Ablenkung die russische Basis angreifen und dabei sterben, gelingt dem Rest der Gruppe die Flucht in das „Freie Amerika“. Nach einem Zeitsprung deutet die Offstimme der Erzählerin an, dass die Invasion zurückgeschlagen wurde und die USA den 3. Weltkrieg letztendlich gewonnen haben.

Von dem Originalcast bleiben heute nur Patrick Swayze und Charlie Sheen im Gedächtnis

Schon kurz nach dem Kinostart 1984 löste der Film in Deutschland eine Welle von Protesten aus. In manchen Städten wurde der Film sogar abgesetzt und später indiziert. Dagegen wurde der Film in den USA zum Erfolg und noch heute dient er als Vorlage für zahlreiche Parodien, von „Scrubs“ bis „South Park“ und als Inspiration für Videospiele. So gibt es in „Modern Warfare 2“ eine Mission namens „Wolverines“, benannt nach der Partisanengruppe der Teenager im Film, inklusive des Achievements „Red Dawn“. Außerdem finden sich in Spielen wie „Freedom Fighters“ oder „World in Conflict“ direkte oder indirekte Bezüge zum Film. Darüber hinaus war der Titel auch die Vorlage für ein reales Kriegskommando. Bei der „Operation Red Dawn“ wurde 2003 der Diktator Saddam Hussein gefangen genommen. Regisseur Milius, selbsternannter Zen-Anarchist, Mitglied der National Rifle Association und leidenschaftlicher Waffensammler, fühlte sich dadurch selbstverständlich geehrt.

Die Filmkritik sah den Film gespalten. Während es in Deutschland meist Verrisse hagelte, erklärte das konservative amerikanische Magazin „National Review“ den Film später zu einem der besten konservativen Filme aller Zeiten: „It’s also truth, and the truth that America is a place and an idea worth fighting and dying for will not be denied, not under a pile of left-wing critiques“. Adam Arseneau von der Webseite DVD Verdict sieht es anders: “Red Dawn often feels like a Republican wet dream manifested into a surrealistic Orwellian nightmare; a film born from a universe of gun culture, sacrifice for country, action film clichés, and endless explosions”. Jetzt könnte man den Film einfach als ein Relikt der 80er Jahre abwerten, doch so einfach ist es nicht. „Red Dawn“ ist kein B-Picture-Schund, sondern wurde von Leuten gemacht, die ihr Handwerk verstehen. Das macht die Sache umso schlimmer.

Töten für das Vaterland. Die Wolverines liegen auf der Lauer.

Rein formal betrachtet ist der Film gar nicht mal schlecht. Der Anfang ist selbst für heutige Verhältnisse rasant und schildert in fünf Minuten, wie eine ganze Stadt überrannt wird und sich die Wolverines in die Berge retten. Danach das Übliche: Einer wird zum Anführer und Helden, andere sind schon von Beginn an Feiglinge. Diverse väterliche Ratgeber, wie einen liebenswerten alten Rancher (Westernikone Ben Johnson, „The Wild Bunch“) oder einen abgestürzten Jet-Piloten (Powers Boothe, „Die letzten Amerikaner“) gibt es auch. Bei Letzterem gelingen Milius sogar ein paar brillante Monologzeilen, wenn er beispielsweise den Grund für den 3. Weltkrieg sucht: „Two toughest kids on the block. Sooner or later they gonna start fighting“. Da blitzt auf, dass Milius verantwortlich für die berühmten “Napalm”-Zeilen in „Apocalypse Now“ oder den „Indianapolis“-Monolog in „Der weiße Hai“ war. Den Rest des Films allerdings als nur „umstritten“ zu bezeichnen, ist untertrieben, denn das ein oder andere Mal überschreitet Milius mit seinen Parolen von Blut, Ehre und Vaterland die Grenze zur reaktionären Propaganda.

Besonders perfide ist die Erzählperspektive, denn im Kern ist „Red Dawn“ ein Coming-of-Age-Film, vergleichbar mit den Teenager-Dramen und Komödien von John Hughes. Ähnlich wie bei ihm versammelt Milius eine ganze Reihe junger Talente wie Patrick Swayze, Charlie Sheen, C. Thomas Howell, Jennifer Grey oder Lea Thompson. Doch statt dem „Brat Pack“ in „Breakfast Club“ predigen die Wolverines keine Toleranz, sondern Gewalt, Zerstörung und Durchhalteparolen. Da wird dann schon mal Hirschblut zum Initiationsritus getrunken oder man entschuldigt die Prügel des Vaters als notwendiges Überlebenstraining für den Ernstfall. Überhaupt umgeht der Film jeglichen Anflug von Ironie und schickt seine Kindersoldaten geradlinig in den Heldentod fürs Vaterland. Stammtischparolen Made in Hollywood.

Die Rote Flut macht halt beim Drive-in.

Übrigens liegt seit einiger Zeit das Remake von „Red Dawn“ in Lauerstellung. Obwohl es für die stattliche Summe von 75 Millionen Dollar produziert wurde, kam es dank des MGM-Konkurses noch nicht ins Kino. Ähnlich wie „Homefront“ geht der Film mit der Zeit und hat Nordkorea als Besatzungsmacht auserkoren.

Ich hoffe nicht, dass „Homefront“ eine ähnliche Richtung einschlägt, aber seit „Red Dawn“ schrillen bei mir die Alarmglocken, wenn ich den Namen John Milius höre. Er war als Berater sowie Mit-Autor am Spiel und am dazugehörigen Roman beteiligt. Und es ist offensichtlich, dass die Entwickler der KAOS-Studios genau seinen realistischen, aber politisch fragwürdigen Stil haben wollten. Natürlich ist es schon etwas anderes, wenn statt Kindern und Jugendlichen Erwachsene ihre Kopf hinhalten müssen, aber trotzdem dürfte die Richtung klar sein: Durchhalten fürs Vaterland.

 

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 17. März 2011

3 Kommentare zu “Die Rote Flut: Homefront anno 1984

  1. Lieber Andreas,

    John Milius ist mein größtes Guilty Pleasure. Das kann ich sagen, weil ich ausgerechnet „Red Dawn“ noch nicht gesehen habe.

    „Conan“, „Dillinger“ und vor allem „Big Wednesday“ verehre ich dagegen heiß und innig. „Der Wind und der Löwe“ und „Farewell to the King“ sind auch nicht zu verachten.

    Milius ist kein Künstler, aber eindeutig ein Auteur. Er hat den einen oder anderen Schaden, aber seine Filme sind unmittelbares, leidenschaftliches, physisches Outdoor-Abenteuer-Macho-Kino, die ich preisgekrönten Kopfgeburten wie „A Beautiful Mind“ oder „American Beauty“ jederzeit vorziehe.

    Im Moment bin ich gerade angefixt auf „Rome“ und muss mich nach jeder Folge vom DVD-Player losreißen. Diese Serie, von Milis konzipiert, steht dem definitiv großartigen „Deadwood“ kaum nach. Als nächstes kommt dann demnächst „Pharaoh“.

    Vor zehn Jahren hätte ich Milius fast als Thema meiner Fiwi-Zwischenprüfung gewählt, wenn Marcus S. es mir nicht ausgeredet hätte…

    Hier ein Interview: http://uk.movies.ign.com/articles/401/401150p8.html

  2. Hi Klaus,

    ich würde ihn gar nicht mal als „Guilty Pleasure“ bezeichnen, denn er ist ohne Frage ein begnadeter Handwerker und hat einen eigenen Stil. Besonders „Der Wind und der Löwe“ ist ein großartiger Abenteuerfilm. Bei Red Dawn kommt aber vieles zusammen, was ich an einem Film hasse: reaktionäre Botschaft, zuviel Pathos…

    Markus S. hat wegen Thomas K. abgeraten, oder? Das ware eine gute Entscheidung.

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