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Der Hobbit: Die volle Dröhnung

Geschrieben von Andreas
Der Hobbit: Die volle Dröhnung

“In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit” – mit diesem Satz fängt Tolkiens Buch “Der Hobbit” an. Allerdings dauert es etwas, bis es im Film soweit ist. Typisch Peter Jackson – möchte man sagen.

Wohin geht die Reise? Martin Freeman in der Titelrolle.
Wohin geht die Reise? Martin Freeman in der Titelrolle.

“Der Hobbit” ist die Vorgeschichte zum Fantasy-Phänomen “Der Herr der Ringe”. Es erzählt, wie der kleine unbedarfte Hobbit Bilbo Beutlin mit ein paar Zwergen aufbricht, um dem bösen Feuerdrachen Smaug einen Schatz zu entreißen. Es ist die typische Tolkien’sche Lust am Fabulieren über Mythen, an skurrilen Gestalten und mörderischen Kriegen. Einmal mehr steht Peter Jackson hinter der Kamera und frönt wie bei seiner dreiteiligen Verfilmung von “Herr der Ringe” seinem Hang zur Gigantomanie. In “seinem” Mittelerde ist nichts unwichtig, jedes Detail wird aufgeblasen und jede Schlacht wirkt wie der endgültige Kampf zwischen Gut und Böse. Dieser nahezu ironiefreie Umgang mit Heldentum und Patriotismus war das Erfolgsrezept seiner Verfilmung. Doch selbst beinharte Fans mussten am Ende teilweise zugeben: genug ist genug.

Mit “Der Hobbit” droht Jackson den Bogen zu überspannen. Im Vergleich zu “Herr der Ringe” ist Tolkiens Buchvorlage nicht mehr als eine Fingerübung, in der deutschen Fassung kaum 400 Seiten lang. Trotzdem will Jackson daraus eine Trilogie machen. Der erste Teil allein ist schon fast drei Stunden lang und deckt die ersten 150 Seiten des Buches ab. Fans werden schnell bemerken, dass Jackson und seine Drehbuchautoren (u.a. Guillermo del Toro) nahezu jede Möglichkeit genutzt haben, um die Handlung zu strecken. Zeitweise ist es eine seitengenaue und dialoggetreue Umsetzung, dann wieder nimmt Jacksons Variante entscheidende Änderungen vor. Eine unnütze Exposition mit dem alten Bilbo und Frodo, ein langgezogener Aufenthalt in Bruchtal mit zwei “Cameo”-Auftritten und ein wahrlich unsäglicher Kampf zwischen zwei Bergriesen, der im Buch vielleicht zwei Sätze einnimmt und im Film wie eine – sagen wir es positiv – Godzilla-Hommage wirkt.

Natürlich auch dabei: Gollum mit einem kurzen aber eindrucksvollen Auftritt.
Natürlich auch dabei: Gollum mit einem kurzen aber eindrucksvollen Auftritt.

Andere Momente sind dramaturgisch bedingt: Zauberer Radagast, der im Buch nur eine Nebenfigur ist, deckt eine düstere Bedrohung auf. Damit macht Jackson geschickt Lust auf die Fortsetzung. Es ist aus dramaturgischer Sicht auch vollkommen legitim, zwischen dem Orkanführer Azog und Zwergenprinz Thorin eine Todfeindschaft aufzubauen.

Durch diese Streckungen entsteht eine zähe Handlung. Das Kuriose dabei: Jede Szene für sich wirkt schlüssig. Ihr werdet die Liebe zum Detail bemerken, die in jeder Einstellung steckt, auch wenn einige Kamerafahrten schon aus “Herr der Ringe” bekannt sind. Jackson ist eben ein Tolkienfan durch und durch. Deshalb bleibt seine Filmversion der Vorlage zumindest atmosphärisch treu, obwohl viele Szenen härter ausfallen. Anhänger dürfen sich auf genau das freuen, was auch die “Herr der Ringe” -Filmtrilogie ausgezeichnet hat.

Die kampflustigen Zwerge: Band of Brothers à la Jackson
Die kampflustigen Zwerge: Band of Brothers à la Jackson

Wenn nämlich die Geschichte endlich in Gang kommt, setzt Jackson Maßstäbe. Insbesondere die Schlachtszenen am Anfang oder später die Flucht vor den Orks sind grandiose Actionszenen. In diesen Momenten dürft ihr eine entfesselte Kamera bestaunen, für die Schwerkraft keine Bedeutung mehr hat – digitale Effekte hin oder her. Das ist Actionkino, wie es besser nicht sein kann. Es versteht sich fast schon von selbst, dass die Auswahl der Darsteller gelungen ist: Martin Freeman ist die perfekte Besetzung für den schrulligen, aber ungemein höflichen “Bilbo”, Ian McKellen spielt den “Gandalf”, den wir kennen und lieben, und der kaum bekannte Richard Armitage als “Thorin” ist der “Aragorn” des “Hobbit”.

So bleibt am Ende ein zwiespältiger Eindruck. Einerseits ist da die über weite Strecken langatmige Geschichte, andererseits die kunstvoll choreographierten und gefilmten Actionszenen. Wer schon “Herrn der Ringe” nicht mochte, wird mit “Der Hobbit” erst recht nichts anfangen können. Jacksons Film ist ein kompromissloser Fantasy-Overkill für Fans.

Am Schluss noch eine Bemerkung zu den verschiedenen Filmversionen: Obwohl mir laut Verleih in Stuttgart angeblich die HFR 3D-Fassung präsentiert wurde, möchte ich das stark bezweifeln. Von dem vielkritisierten Fernsehlook konnte ich nichts erkennen. Ich habe um Klärung gebeten, aber noch keine Antwort erhalten.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 13. Dezember 2012

5 Kommentare zu “Der Hobbit: Die volle Dröhnung

  1. Magic schrieb am :

    Ich weiss noch als Herr der Ringe herauskam, da haben sich viele Fans beschwert das viele Dinge aus dem Buch weggelassen wurden. Habe jetzt auch viele Meinungen zu der Hobbit gelesen, nun ist es so das viele sagen der Film ist zu langatmig obwohl er sich diesmal noch mehr an dem Buch orientiert.
    Ich kenne die Bücher nicht, von daher kann ich es nicht beurteilen, für mich kam damals die erste Sichtung von Herr der Ringe – Die Gefährten im Kino extrem langatmig vor weil nichts passierte und war von der wenig “Action” und dem schwachen Finale sehr enttäuscht. Inzwischen sehe ich das anders und halte die Gefährten heute für den besten HdR Teil weil ich gerade die ruhigen Szenen toll sind.

    Genau so sehe ich es momentan im Hobbit, die ganzen Schauspieler sind perfekt ausgewählt und nochmal im Mittelerde einzutauchen hat einfach Spass gemacht. Selten hat mich ein Film in diesem Jahr so mitgerissen wie der Hobbit und für mich ist das der beste Film in diesem Jahr gewesen. Langatmig fand ich den keinesfalls, es wurde sich Zeit genommen die Geschichte in Gang zu bringen und die Charaktere vorzustellen (auch wenn ich die Zwerge trotzdem nicht namentlich auseinanderhalten kann).

    Zu der HFR Version, ich habe definitiv diese gesehen und war auch von diesem neuen Look sehr begeistert, kein Film im Kino hatte bisher so ein tolles geschmeidiges Bild und von einem Fernsehlook oder das es wie im Zeitraffer wirkte habe ich nicht gemerkt. Frage mich manchmal was viele dort gesehen haben. Dazu noch das der 3D Effekt das beste war was ich jemals in einem Kinofilm gesehen habe, speziell bei den Landschaftsaufnahmen.

    Zitat:
    “Doch selbst beinharte Fans mussten am Ende teilweise zugeben: genug ist genug.”

    Ich würde jetzt nicht sagen das ich ein beinharter Fan bin, als die Kinofilme herauskamen habe ich nur nebenbei was von den Bücher gehört, geschweige denn gelesen. Aber diese Aussage kann ich für mich nicht bestätigen und freue mich auf die nächsten beiden Teile.

  2. Ich habe die Bücher schon vor Urzeiten gelesen, lange, quasi Jahrzehnte, bevor der Hype um die Verfilmungen losging. Ich fand Herr der Ringe toll, Der (kleine) Hobbit eher mäßig. Allerdings ist auch Tolkien ungeheuer ausschweifend und stellenweise langatmig. Ich benötigte stolze drei Anläufe um Herr der Ringe zu lesen und habe es erst durchgezogen, als mir ein Freund sagte, ich sollte mindestens die erste Hälfte des ersten Buches, vielleicht sogar das ganze erste Buch einfach auslassen. Was ich natürlich nicht wollte! Aber spätestens mit dem zweiten Buch habe ich die Trilogie in Rekordzeit verschlungen und konnte erst wieder aufhören, als ich fertig war.

    Bei den Filmen war es so, dass ich, nachdem ich die normale Fassung kannte, den Extended Cut lieben gelernt habe. Wie auch Magic genoss und genieße ich jedes Mal gerade dieses ruhige Erzähltempo und den gemächlichen Anfang. Ich kann mir heute nicht vorstellen, noch einmal die normale Fassung eines HdR-Filmes zu sehen. Von daher kann ich mir sehr gut vorstellen, dass mir die ausführliche, ruhige Erzählweise von Der Hobbit sehr zusagen wird. Vor allem finde ich es gut, dass die Handlung etwas Erwachsener gestaltet worden ist, dass Logikfehler und zu kindische Ereignisse entsprechend geändert worden sein sollen. Immerhin ist die Vorlage von 1937.

    Bei den Narnia-Verfilmungen hat man die nicht mehr zeitgemäße religiöse und politische Intention des Autors sowie die der Handlung stark bemängelt. Es ist gut, dass Peter Jackson hier modernisiert, wo es notwendig ist.

    Und ich komme jetzt in die Verlegenheit, dass mein nächster Fernseher (irgendwann) wohl doch unbedingt 3D können sollte und ich einige Filme als teure 3D Blu-ray (noch einmal) kaufen muss … Vermutlich spätestens, wenn die Hobbit-Trilogie als 3D Extended-Version erhältlich ist.

  3. Man darf nicht vergessen, dass beide Vorlagen – sogar der “Hobbit” mit seinen doch ziemlich geringen Umfang im Vergleich zum “Herr der Ringe”-Epos – einfach ihre Längen haben. Zumindest sieht das der verwöhnte Fantasy-Action-Zuschauer so, der eben schnell zur Sache mit brachialer Action kommen will.

    Ich glaube niemals, dass “beinharte Tolkien-Fans” vom Stil, den Peter Jackson als “selbsternannter Kurator von Mittelerde” für seine Verfilmungen gewählt hat, auch nur eine Sekunde genug haben. Die regen sich eher darüber auf, dass bestimmte Sachen weggelassen oder sogar geändert wurden. Ich kann mich da noch an die Zeit erinnern, als der erste “Herr der Ringe”-Teil erschien und in entsprechenden Tolkien-Foren schon gelästert wurde, dass zum Beispiel Frodo’s Flucht vom Auenland nach Bree komplett zusammen geschnitten wurde. Ebenso erhitzten sich die Gemüter über die neue Rolle von Arwen!

    Fakt ist, Jackson ist ein Kinomagier, dessen Zauber genau dann besonders gut wirkt, wenn er sich um Fantasy-Stoffe kümmern darf. Aus meiner Sicht hat er schon bei “Herr der Ringe” ein gutes Händchen dafür bewiesen, was gekürzt und verändert werden kann und was nicht. Er weiß, wo die Stärken des Kinos im Gegensatz zum Buch liegen, und er weiß auch, was die Zuschauer von einer solchen Monumentalverfilmung erwarten.

    Und ohne den “Hobbit” schon gesehen zu haben, weiß ich, dass meine Erwartungen sicherlich nicht nur erfüllt, sondern in manchen Punkten sogar übertroffen werden…

    • Also ich war z.B. sehr froh, dass Tom Bombadil komplett rausgeflogen ist. Und ehrlich gesagt, so viele Leute habe ich nicht gehört, die den vermisst hätten. Das ist eben ein reiner (Kinder-) Märchenbuch-Charakter, der hätte in einem ernsthaften Fantasy-Film schlicht kitschig gewirkt. Und Tolkien hat häufiger mal solche “Aussetzer”.

      • Hast schon recht, dass Bombadil nicht wirklich abgeht im großen Ganzen der Geschichte. Nett fand ich ihn aber trotzdem, zumindest im Buch… Ist aber ein perfektes Beispiel für Jackson’s kluge Hand bei der Verfilmung!

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