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Bioshock Infinite: Wolkenbummler

Geschrieben von Andreas
Bioshock Infinite: Wolkenbummler

Wolkenstädte ohne JRPG-Kitsch, ein satirisch-böser Blick auf die amerikanische Geschichte, Ballerei mit Grips – ähnlich wie sein Vorgänger soll „Bioshock Infinite“ das einlösen, was uns die Spielbranche seit Jahren verspricht: erwachsen zu werden.

Columbia - die schönste Dystopie des Jahres (Bild: 2K)
Columbia – die schönste Dystopie des Jahres (Bild: 2K)

Ich hatte vor ein paar Wochen Gelegenheit, die ersten Stunden von Irrational Games First-Person-Shooter „Bioshock Infinite“ bei 2K in München anzuspielen. Als Privatdetektiv Booker deWitt schmuggle ich mich in die geheimnisvolle Wolkenstadt Columbia, befreie die noch geheimnisvollere Elizabeth und nehme es mit ganzen Horden schräger Gesellen auf. Einer der Höhepunkte ist die Flucht vor einem gigantischen, metallenen Vogel. Zusammen mit Elizabeth flüchte ich durch einen Turm, plötzlich donnern Schläge auf die Außenwand und das ganze Gebäude scheint unter lautem Getöse zusammenzubrechen – atemlose Spannung. Obwohl ich dabei kaum mehr als einem vorgeschriebenem Pfad folge, ist es für mich schon jetzt eine der beeindruckendsten Spielsequenzen des Jahres.

Vieles in „Infinite“ ähnelt dem Vorgänger: eine Undercover-Mission, die schief läuft, der Wechsel zwischen Ballern und „Zaubersprüchen“, ein diabolischer Gegenspieler und ein bizarres Steampunk-Szenario. Das Doofe daran: Die Shooter-Missionen sind solide, aber nicht herausragend, das Tempo im Vergleich zur Konkurrenz eher langsam und die Handlung entwickelt sich in diesen ersten Stunden sehr linear. Erst als Elizabeth Dimensionstore öffnet und so ganz neue taktische Möglichkeiten ins Spiel bringt, gewinnt das eigentliche Spielgeschehen an Originalität. Aber wisst ihr was? Das alles ist mir schnuppe.

Chefdesigner Ken Levine scheint mit „Bioshock Infinite“ seinem Stil treu zu bleiben. Das Szenario ist politisch brisant: Columbia ähnelt der White City aus der Chicagoer Weltausstellung von 1893 (=World’s Columbian Exposition), die die Vormachtstellung Amerikas feierte (American Exceptionalism). Im Spiel thront Columbia über der Welt, scheint sich als Weltpolizist zu fühlen und will andere Nationen einschüchtern. Schon in den ersten Spielstunden ist „Infinite“ vollgestopft mit Verweisen auf amerikanische Präsidenten, heuchlerischem Pathos und gefährlicher Heldenverehrung. In einer Szene auf dem Jahrmarkt schoss ich mich durch surreale Pappkulissen eines Indianerkrieges und dem chinesischen Boxeraufstand um 1900. Im Finale der Preview-Version trete ich sogar gegen einen Ex-Präsidenten an. Kurz: Levine kratzt mit „Bioshock Infinite“ wie kaum ein anderes Spiel an amerikanischen Mythen. Das wiederum mag vielleicht ein Kritikpunkt sein: das Spiel ist zu amerikanisch. Europäische Spieler werden mit den geschichtlichen Querverweisen nichts anfangen können oder wollen.

Aber das genau erwarte ich heute von einem Spiel. Keine simple Schwarz/Weiß-Malerei, sondern zumindest Ansätze anspruchvoller Inhalte. Im ersten „Bioshock“ war es der „Objektivismus“ einer Ayn Rand, Technikaberglaube und Massenpsychologie. Ob ich das alles verstanden habe? Nein, am Ende fand ich sogar die perfide Manipulation meines „Helden“ spannender, als den ganzen philosophischen Unterbau. Ich hatte mir ein Element aus dem reichhaltigen Angebot herausgepickt.

Es liegt bestimmt am Alter. Ich bin über 40, da sucht man nicht mehr den schnellen Kick. Momentan nervt es mich eher, wenn in einem Shooter wie „CoD“ die Explosionen im rasenden Tempo an mir vorbeiziehen. Heute will ich eher wissen, ob hinter der Fassade mehr steckt als reaktionärer Law & Order-Dreck. Es bringt mir nichts, wenn ich ständig durch die gleichen Situationen stolpere und mir das Hirn zuballere. Denn manchmal ist das Spiel nicht so wichtig. Am Ende zählen Inhalte, vielleicht nur kleine Hinweise, damit mir das Spielerlebnis im Gedächtnis bleibt. Disk raus, Disk rein – nein, danke. Ich will ein Spielerlebnis nicht vergessen. Anders ausgedrückt, ich will erwachsene Unterhaltung, die den Bildschirm nicht nur mit Blut tüncht.

„Bioshock Infinite“ liefert mir jetzt schon mehr Hirnnahrung, als irgendein anderer Shooter der letzten Jahre. Es ist ein surrealer Action-Trip über den Wolken, ein satirischer Rundumschlag in Sachen amerikanischer Geschichte oder vielleicht „nur“ ein Steampunk-Shooter. Ich hoffe, dass die Macher den Stil dieser ersten Stunden durchziehen und nicht allzu viele Kompromisse an den Massenmarkt machen. „Bioshock Infinite“ könnte eines der ganz großen Spiele werden, über die wir noch in einigen Jahren sprechen. Bitte, baut keinen Mist.

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Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 19. März 2013

6 Kommentare zu “Bioshock Infinite: Wolkenbummler

  1. Bitte baut keinen Mist – wie kaum zuvor moechte ich dieser Aussage besonderen Nachdruck verleihen, denn auch ich sehne mich mal wieder nach einem Spiel, dass mich mit Tiefgang und Intelligenz fordert anstatt der Popcorn-Unterhaltung auf Weichspueler-Niveau im Grafik-Blendwerk. „System Shock“ hat den Grundstein gelegt, „Bioshock“ hat beeindruckend draufgesattelt – hoffentlich macht „Infinite“ genau da weiter und Levine & Co. einmal mehr zu Spieldesign-Helden!

  2. Bin ich der einzige, den dieser Titel überhaupt nicht interessiert? Bioshock 1 war nett, ohne Zweifel, ich wollte ihn unbedingt haben, musste dann allerdings ein Jahr warten, bis ich ihn für einen Zehner bekam – wegen der Onlineaktivierung war einfach nicht mehr drinne, es ist auch mein einziges Spiel dieser Art geblieben.
    Also, wie gesagt, mir gefiel Bioshock 1, es war ein schöner Ego-Shooter aber schon Teil 2 hat mich gar nicht mehr gereizt, das Thema war irgendwie durch.

    Gleiches jetzt hier, sieht für mich so nach typisch amerikanischem Märchenstil aus, der dort in Comics sehr gerne verwendet wird. Ich kann mit dem Artstyle aber einfach nichts anfangen. Auch das mit der fliegenden Stadt zerrt zu sehr an meiner „Suspension of disbelief“.
    Aber schon Dishonered hat mich in der Hinsicht ein wenig abgeschreckt und ich habe es bis heute nicht gespielt.

    Gerade Montag habe ich mir endlich mal God of War 3 gegönnt, okay, mit Intelligenz ist da nicht viel aber der Artstyle – und die Inszenierung – Wow, Bombast pur.

    • Siehst Du, so unterschiedlich liegen die Geschmäcker teilweise. Während mich „God of War“ allein wegen der völlig übertriebenen Gewaltdarstellung überhaupt nicht interessiert, kann ich von „Bioshock“ und seinen Welten nicht genug bekommen. Meinetwegen hätte es auch gerne in Rapture noch etwas weitergehen können, weil ich tatsächlich zu den wenigen gehöre, die den zweiten Teil sogar einen Tick besser fanden als den ersten (das lag hauptsächlich wohl daran, dass Teil 2 seine Story nicht gar so verwinkelt und verschwurbelt erzählt hat; außerdem fand ich die Steuerung irgendwie besser). Und mich ärgert es immer noch, dass ich bislang keine Zeit hatte, „Dishonored“ anzutesten (der Entwickler Arkane ist ohnehin einer meiner Geheimtipps – schon „Arx Fatalis“ war eine super Hommage an „Ultima Underworld“ und „Dark Messiah of Might & Magic“ war schlichtweg grandios inszeniert, wenn auch etwas kurz).

      Ich halte auf jeden Fall seit Jahren ziemlich viel von Levine und seiner Designphilosophie, die insbesondere „System Shock 2“ zu einem meiner Top 3-Highlights gemacht hat. Und da er in „Bioshock“ die Richtung beibehalten hat, erwarte ich mir ein großartiges Spielerlebnis von „Infinite“ – nicht mehr, aber vor allem nicht weniger! Pech, wenn man solch grandiose Spiele produziert und dann die Erwartungen so hoch liegen… :-)

      • Ob mir God of War 3 wirklich gefällt, dass wusste ich auch nicht so richtig. Für 20 Euro habe ich den Titel aber jetzt endlich mal mitgenommen. Die Story – die ist mir völlig wurscht … nach ca. eineinhalb, zwei Stunden Spielzeit bisher hat mich der Titel einfach weggeblasen. Klar kannte ich Testvideos aber das, was da an Feuerwerk gleich von Anfang an abbrennt, das habe ich noch nie erlebt, ich saß teilweise tatsächlich mit runter geklappter Kinnlade vor dem LCD TV (und war mir teilweise nicht sicher, ob das ein Renderfilm ist, der da läuft oder tatsächlich ein Spiel) – und das schaffen wirklich nur sehr, sehr wenige Titel.

        Dishonered interessiert mich so, weil ich Dark Messiah auch einfach nur göttlich finde, habe es erst vor einigen Monaten noch mal eingelegt (aber irgendwie da noch nicht wieder durch, muss ich mal weiter machen). Arx Fatalis habe ich aber leider nie gespielt.

        System Shock 2 war einer der Titel, für die ich damals irgendwie zu blöd war. Ich habe das kurz bei einem Kumpel angespielt und bin irgendwie nur dauergestorben, sodass das Spiel bei mir danach dann auch gestorben war. Jahrelang konnte ich die Hymnen nicht nachvollziehen. Heute ist mir klar, dass ich damals irgendwie falsch ran gegangen bin … ^^

        Ich kann mir allerdings ehrlich nicht vorstellen, dass ein heutiger Shooter so komplex oder intelligent aufgebaut ist, wie von Bioshock Infinite gerne behauptet wird. Aber ich lasse mich da gerne eines positiven überraschen. Was nichts daran ändert, dass ich mit dem Grafikstil nichts anfangen kann.

    • Wie ich bereits im Artikel geschrieben habe ist Bioshock 1 von der Spielmechanik her ein „normaler“ Shooter. Wenn dich das Szenario nicht interessiert, wird dich Bioshock Infinite auch nicht packen. In meinen Augen steckt da ein komplexes Gedankengebilde dahinter.

      Allgemein: Bioshock Infinite ist keine Fortsetzung, sondern teilt mit den beiden Vorgängern nur das Spielprinzip. Möglicherweise könnte es aber Hinweise auf Rapture geben.

      Ähnlich wie dir hat mir Bioshock 2 übrigens nicht gefallen. Das war ein besserer Mission-Pack zum Vollpreis.

      • Ich sage nicht, dass mir das Szenario gar nicht gefällt, nur das mit der fliegenden Stadt halt nicht. Aber generell bin ich zugegeben auch nicht so ein Fan der amerikanischen 20er und 30er Jahre. Hauptsächlich mag ich aber einfach den Grafikstil nicht.

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