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Alpha Protocol: Geheimagent im Beta-Stadium

Geschrieben von Sven

„Knights of the Old Republic“ von Bioware empfand ich damals als ganz großes Kino. Teil 2 wurde mir storytechnisch zu ausufernd, das Obsidian-Sequel wollte ich nicht mehr durchspielen. Biowares „Neverwinter Nights“ fesselte mich ungewöhnlich lange, mit der Fortsetzung von Obsidian wurde ich irgendwie nicht richtig warm. Und bei „Mass Effect“ bzw. dem Nachfolger ließ die mittlerweile zu Electronic Arts gehörige Spieleschmiede die Obsidianler gar nicht erst ran. Umso größer war meine Neugier darauf, was das Studio, das seit jeher im Schatten von Bioware steht, mit „Alpha Protocol“ abliefern würde. Das erste eigene Rollenspiel mit einem interessanten Geheimagenten-Thema im Stil von Jason Bourne oder James Bond? Das klang seit der Ankündigung im März 2008 reizvoll auf der einen Seite, skeptisch machte mich trotzdem die Spiele-Vergangenheit des Unternehmens, schließlich hatte ich mit dieser nicht ganz so viel Freude. Und was taugt „Alpha Protocol“ nun?

Sieht nicht aus wie Michael Thorton? Ist er aber - verkleidet und so.

Großspurig sprach Publisher Sega in der Vergangenheit von einem tollen Mix aus Rollen- und Actionspiel. „Alpha Protocol“ verfügt zwar wirklich über etliche Elemente aus beiden Genres, aber das Zusammenspiel ist unausgewogen und eher ein kläglicher Versuch, ein „Mass Effect“ in die Gegenwart zu katapultieren. Sicher, das Bioware-Werk ist auch eher ein Shooter als ein tiefgreifendes Rollenspiel, aber bei „Alpha Protocol“ sind die viele RPG-Features quasi irrelevant oder zumindest total überflüssig. Nehmen wir zum Beispiel die Vorbereitung die eigentlichen Missionen, die ihr in Saudi Arabien, Rom, Moskau oder Tapeh erfüllen sollt. Nach einem meist ewig langen und öden Briefing sucht ihr euch Waffen in einem entsprechenden Schrank aus, mit denen ihr den Auftrag erfüllen wollt. Zuvor müsst ihr mit eurem Geldvorrat, den ihr bei eurer letzten Aufgabe erhöht habt, die Tötungsspielzeuge und Gadgets kaufen, um sie dann in der folgenden Mission einsetzen zu können. Grundsätzlich könnt ihr nur zwei Waffen mit in den Kampf nehmen, genauso einige ausgewählte Hilfsmittel wie Medikits, Blendgranaten und so weiter. Innerhalb der übrigens ziemlich linear gehaltenen Levels findet ihr keine Waffen, sondern höchstens Munition. Diesen pseudo-anspruchsvollen Part von „Alpha Protocol“ hätte man also gleich weglassen können, hätte man die Waffen getöteter Feinde aufsammeln dürfen. Sprich: Unnützer Aufwand, den Obsidian hier integriert hat. Naja, es soll ja Leute geben, die Spaß daran haben, ihre Schießeisen zu individualisieren – mich hat es schon nach der fünften Mission angekotzt.

Action in Sadi Arabien. Die ersten drei Missionen spielen sich übrigens fast identisch.

Dass ihr fortlaufend an Erfahrung gewinnt, u.a. durch das Erfüllen vorgegebener Ziele oder dem Finden von Informationsmaterial, versteht sich fast von selbst. Bei Levelaufstieg investiert ihr ein paar Punkte in eure Fähigkeiten, beispielsweise dem Umgang mit Handfeuergerätschaften oder dem eigenen Energie-Vorrat. Für mich haben die gewonnenen Fähigkeiten und auch späteren Talente zu wenig Einfluss auf das eigentliche Gameplay, was freilich eine Ursache hat: Die Action mit Michael Thorton ist viel zu simpel gestrickt. Denn im Großen und Ganzen ist „Alpha Protocol“ ein einfach gehaltener 3rd-Person-Shooter, der auf den ersten Blick fast wie ein „Resident Evil 5“ ohne Zombies aussieht, beim genaueren Hinschauen aber mehr an das hässliche Entlein der Umbrella Corp. erinnert. Ihr stakst durch fast immer fest vorgegebene Abschnitte, die aus dem Level-Baukasten eines kreativarmen Designers zu stammen scheinen. Strohdoofe Bösewichte tauchen auf, die ihr durchs Anvisieren eurer Waffe ausschaltet – oder sie euch. Nebenbei beschafft ihr Geheimdokumente, ärgert euch über das mehr als mäßige Deckungssystem, knackt Rechner und übersteht total lästige und meist wirklich schrecklich dämliche Minispiele wie das Deaktivieren von Alarmanlagen oder das Suchen von Codeschnippseln. Unglaublich, allein in den ersten drei Missionen musste ich die beiden genannten Herausforderungen gefühlte 1000 Mal erledigen – wem soll sowas noch Spaß machen?

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Der Launch-Trailer zeigt einige Szenen aus dem Spiel

Da sich die Missionen konzeptionell ständig wiederholen, die KI nicht im Ansatz so clever agiert wie z.B. bei „Mass Effect“, die Animationen sämtlicher Figuren grauenhaft sind und die eigentlichen Auseinandersetzungen – egal ob billige Kloppereien im Nahkampf oder das Nutzen der Ballermänner – keinerlei Anspruch besitzen, frage ich mich ernsthaft, ob die Entwickler nach dem Erreichen des Beta-Status´ von „Alpha Protocol“ noch Lust hatten, weiter zu arbeiten. Dazu passt der wenig homogene Gesamteindruck. Denn einerseits erhaltet ihr wirklich stimmungsvolle und schön gemachte Schauplätze, es überwiegen aber leider Gottes die alles andere als zeitgemäß dargestellten Locations mit ihren Ecken, Kanten und grässlichen Texturen. Vieles passt hinten und vorne nicht, stellenweise ist „Alpha Protocol“ schlichtweg unfertig.

Jaja, Frauen. Dürfen bei einem Geheimagentenspiel wohl nicht fehlen. Aber erotisch? Naja....

Folglich könnte ich also die vielerorts gesichteten und nicht selten sehr üblen Wertungen aus den USA hiermit bestätigen, ich will jedoch nicht unfair sein. Denn „Alpha Protocol“ macht schon Spaß, wenn auch nur auf einem Niveau leicht über dem Durchschnitt. Die stupide Action besitzt einen Unterhaltungsfaktor, der dann doch durch einen wesentlichen Rollenspiel-Anteil angehoben wird. Ihr könnt nämlich, ähnlich wie schon bei „Knights of the Old Republic“, während der in der Regel zu lang geratenen Dialoge Entscheidungen treffen, die sogar den Verlauf der Geschichte verändern. Tötet ihr einen gesuchten Scheich oder lasst ihr ihn am Leben? Das hat gravierende Konsequenzen, auch wenn davon der Verlauf der Basis-Handlung unberührt bleibt. Das gefällt mir und motiviert, neben der Auswahl eurer Vorgeschichte, vielleicht sogar, sich später nochmals an „Alpha Protocol“ heran zu wagen. Für mich war es immerhin ein Grund, ältere Spielstände nochmal neu zu laden und eine andere Vorgehensweise zu probieren. Die Idee dahinter ist auf jeden Fall lobenswert, sie wird allerdings von den spielerischen Mängeln leider zu sehr überschattet.

Highlight des Spiels: Das clevere Dialogsystem

Ich prophezeie „Alpha Protocol“ das baldige Auftauchen auf den Wühltischen der hiesigen Händler, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass sich dieses unfertige Produkt lange als Vollpreistitel halten kann. Sogar Sega scheint das Problem erkannt zu haben. Auf eine Synchronisation wurde vollständig verzichtet, dafür gibt  es nur deutsche Untertitel, die viel zu schnell ablaufen und Leute mit nicht ganz perfekten Englischkenntnissen vor den Kopf stoßen. Da wollte der Publisher wohl etwas Geld sparen, zumal sogar manche Passagen nicht übersetzt wurden. Ich kann also erneut das wiederholen, was ich in der letzten Zeit häufiger gesagt habe: Bekommt ihr „Alpha Protocol“ für 15-20 Euro, könnt ihr euch gerne ein wenig mit Michael Thorton und seiner Geheimmission austoben. 50-60-70 Euro sind dagegen viel zu viel, denn sowohl technisch als auch spielerisch ist der Titel unausgegoren und an zig Stellen nicht im Ansatz stimmig. Ich bedauere es sehr,  dass es Obsidian nicht geschafft hat, ein anspruchsvolles Agenten-Rollenspiel zu erschaffen. Themen wie Terrorismus, Verschwörung und Spionage sagen mir absolut zu, aber was sprach denn in diesem Fall gegen ein forderndes Abenteuer mit Komplexität? Stattdessen ist „Alpha Protocol“ eher ein simpler Shooter, bei dem es nicht einmal relevant ist, ob ihr euch an Gegner heranschleicht, Überwachsungskameras deaktiviert oder Alarm auslöst. Wozu dämliche Minispiele absolvieren, wenn sie keine Bedeutung haben? Ach, ich versteh es nicht….

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 3. Juni 2010

Ein Kommentar zu “Alpha Protocol: Geheimagent im Beta-Stadium

  1. Robin schrieb am :

    Ich möchte nur einmal erwähnt haben, wie glücklich du dich schätzen darfst, dass du KOTOR 2 nie durchgespielt hast. Das war wohl eines der schlechtesten und enttäuschendsten Enden, dass ich jemals erlebt habe. Soweit ich weiß, ist ein Mod-Team ja immernoch dabei, das ursprüngliche Ende, dass dann aus Zeitgründen bis zum Gehtnichtmehr kastriert wurde, anhand der noch verfügbaren Dateifragmente auf der Spiele-DVD zu rekonstruieren…

    Naja, seitdem habe ich eine recht große Aversion gegen Obsidian. Sie stehen für mich für seelen- und ideenlose Auftragsnachfolger ohne eigenen Input. Ob das so wirklich berechtigt ist, da bin ich mir selbst nicht so wirklich sicher, aber mit Alpha Protocol und den Kommentaren von einem der Entwickler über die Obisidian-Chefs hat sich der Verein bei mir auch nicht wirklich beliebter gemacht :/

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