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3D Dot Game Heroes: Etwas zu viel Retro

Geschrieben von Sven
3D Dot Game Heroes: Etwas zu viel Retro

Für mich sind Retro-Fanatiker sehr konservative Menschen, die auch im 21. Jahrhundert noch ihr geliebtes „Pac-Man“ vergöttern, als wäre der Pixelbrei der Vergangenheit nach wie vor das Maß aller spielerischen Dinge. Ich halte von diesem befremdlichen Kult überhaupt nichts, obwohl ich immerhin mit 8- und 16bit- Videospiel-Helden aufgewachsen bin und damals viel Freude mit Mario, Link und Co. hatte. Trotzdem haben sich für mich die Zeiten geändert, der technische Fortschritt hat eben nicht Halt gemacht. Den Entwicklern von „3D Dot Game Heroes“  dürfte das auch nicht entgangen sein, schließlich stammen von dem japanischen Studio Titel wie „Ninja Blade“, „Armored Core 5“ oder „Tenchu: Shadow Assassins“. Offenbar wollte man dieses Mal etwas ganz anderes erschaffen, nämlich eine moderne Hommage an alte Klassiker der 1990er Jahre. Ein seltsames Vorhaben, oder?

Ein riesiges Schwert hat er da...
Ein riesiges Schwert hat er da…

Es ist zwar bedauerlich, dass der hiesige Publisher Topware Interactive auf eine deutsche Lokalisierung verzichtet hab, wirklich tragisch ist das im Fall „3D Dot Game Heroes“ jedoch nicht. Denn die Geschichte ist gar nicht mal so sehr textlastig und schnell verständlich: Ihr sollt in dem Reich Dotnia dem König behilflich sein, gegen den finsteren König Onyx vorzugehen. Dieser klaute sechs magische Orbs, die ihr selbstverständlich in sechs Welten ausfindig machen müsst. Gleich in der ersten Spielstunde schnappt ihr euch ein kostbares Schwert, das euch fortan bei eurer Mission begleitet. Die gesamte Story scheint aus dem Videospiele-Baukasten zu stammen, sie trieft nur so voller Klischees und bekannter Hintergründe. Ist das ein Wunder? Keinesfalls, denn die Designer ließen sich absichtlich von Größen wie „Zelda“ inspirieren. Nicht selten werden Urgesteine der Spiel-Historie indirekt aufs Korn genommen, wenn auch auf einem recht seichten Niveau. Sympathisch und amüsant ist das allemal, aber nur für diejenigen, die die Originale kennen – sonst findet man die Story wohl etwas zu platt und albern. Spaß entsteht also durch euer eigenes Spielewissen, für Gelegenheitsspieler dürfte „3D Dot Game Heroes“ also ziemlich dämlich sein.

Überall Pixel..auch in hübschen Dungeons
Überall Pixel..auch in hübschen Dungeons. Zum Beispiel, wenn Gegner getötet werden.

Wer sich mit besagter„Zelda“-Serie beschäftigt hat und auch andere Werke wie „Secret of Mana“ und Co. einmal gespielt hat, für den geht bei „3D Dot Game Heroes“ fast schon ein feuchter Traum in Erfüllung. Alles erinnert soooo sehr an die alten Spiele, sogar die gesamte Optik versprüht außergewöhnlich viel Retro-Charme. Der König von Dotnia brachte allerdings die dritte Dimension ins Land, was zu einem schrulligen Look des Spiels führte: Egal ob Szenarien, Gegner oder Zivilisten, die euch z.B. Aufträge geben, – alles wird von schräg oben dargestellt, aber in 3D und absichtlich pixelig. Das ist anfänglich dezent gewöhnungsbedürftig, denn „3D Dot Game Heroes“ sieht wie ein altes 2D-„Zelda“ aus, das mit aller Gewalt um eine Ebene erweitert wurde. Ja, das muss man einfach in Bewegung betrachten, um zu verstehen, was die Programmierer hier getan haben. Ich finde das saucool, da es sowas von konsequent umgesetzt wurde und sich der Stil gekonnt vom Spiele-Einheitsbrei abhebt. Respekt, auch für den Mut, sowas überhaupt in einem Vollpeis-Titel anzubieten. Denn zeitgemäß ist das Gebotene nicht, vielmehr wirkt alles wie eine eigenwillige Interpretation eines x-beliebigen LEGO-Fantasy-Bausatzes.

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So sieht 3D Dot Game Heroes also in Bewegung aus…

„3D Dot Game Heroes“ selbst ist im Grunde kein außergewöhnliches Action-Adventure. Ihr wählt euch einen vorgegebenen Pixel-Helden aus oder bastelt euch im Editor selbst einen, um mit diesem Gefahren zu überstehen. Ihr lauft durch die Oberwelt, sprecht mit Leuten und besucht bestimmte Orte, damit ihr die Orbs aufspüren, Gegner erledigen und teils wirklich knifflige sowie gut gemachte Rätsel – wieder im „Zelda“-Stil – meistern könnt. Später nutzt ihr magische Effekte, darunter eine Art Bumerang, Bomben, Drahtseile oder Eis-Froster, welche zum Beseitigen der Feinde oder zum Überstehen der Puzzles benötigt werden. Nicht unerwähnt sollte das eigentliche Schwert bleiben: Hier zeigt sich ganz klar: Auf die Größe kommt es an. Beim Schmied könnt ihr dieses verlängern, die Breite optimieren, die Stärke erhöhen oder den Kreisschlag einbauen. Bei der Action sieht das Schwert dann wie eine graue Pixel-Ansammlung aus – nicht schön, aber effektiv.  Ansonsten? Tja, der typische Kram, sprich: Etliche Objekte füllen eure Energie auf oder bringen Licht in dunkle Dungeons. Auf Wunsch könnt ihr die Schriftart aller Menüs anpassen, damit auch ja der Retro-Effekt erhalten bleibt.  Bossgegner bringen etwas Spannung in die sonst recht simplen Kämpfe, und die Ohren..tja, die werden überraschenderweise verwöhnt. Ich bin zwar nicht der größte Akustik-Experte, aber die Midi-Melodien von „3D Dot Game Heroes“ sind wirklich großartig! Mir haben sie sehr gefallen, und das will was heißen!

Trotz wählbarer Perspektiven: So erscheint das Geschehen nicht ganz. Ist mehr eine Artwork-Grafik vom Publisher.
Trotz wählbarer Perspektiven: So erscheint das Geschehen nicht ganz. Ist mehr eine Artwork-Grafik vom Publisher.

So sehr „3D Dot Game Heroes“ eine Hommage an alte Videospiel-Tage sein möchte, so schnell ist die Luft auch wieder raus. Nach einer Stunde findet ihr die liebenswerte Pixel-Optik etwas zu angestaubt und stellenweise sogar langweilig oder störend. Das gelungene Level-Design kommt euch, sofern ihr „Zelda“ ausgiebig gespielt habt, mehr als bekannt vor und die Story ist an Belanglosigkeit kaum zu überbieten. Ja, die Ansprüche sind im 21. Jahrhundert gestiegen, mittlerweile erwarte ich dann doch etwas Tiefgang und Komplexität, damit der Spielspaß mehr als einen Nachmittag erhalten bleibt. Klar, das Spiel versprüht sehr viel Charme, aber auf den werden sich vorrangig Retro-Anhänger einlassen können. Jüngere Generationen und Leute wie ich, die genug von der Nostalgie-Sucht haben, werden den Titel höchstens nett finden und ihn nach einigen Tagen wieder vergessen haben. Große, erinnerungswürdige Momente? Die gibt es hier nicht (mehr?). Es ist ja schön und gut, wenn sich die Entwickler sozusagen vor den großen Meisterwerken alter Tage verneigen, mich lässt das emotional völlig kalt. Und das zeigt mir: „3D Dot Game Heroes“ ist nur etwas für Fans. Aber eine dicke Anerkennung hat sich FromSoftware trotzdem verdient, denn in dem Spiel steckt sehr viel Herzblut, das nicht jeder spüren wird. Und das ist ja schon schade, oder?

Ich möchte betonen: Grafik und Sound finde ich weitestgehend klasse, die technischen Aspekte motivieren mich aber nicht, ein simpel gestricktes und nicht selten einfältig wirkendes Action-Adventure zu genießen. Vielleicht vermisse ich ja einfach nur eigenständige und vor allem zeitgemäße Ideen? Vermutlich. Dass Moderne und Vergangenheit nicht zwangsläufig in einem Spiel kollidieren müssen, verdeutlichen mir übrigens „New Super Mario Bros.“ und…welch Überraschung…die letzten „Zelda“-Spiele für den NDS.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 21. Juni 2010

4 Kommentare zu “3D Dot Game Heroes: Etwas zu viel Retro

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