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This War of Mine: Drama, Baby!

Geschrieben von Andreas

Eigentlich habe ich auf so ein Spiel gewartet. Kein lockerer Zeitvertrieb, keine Realitätsflucht und vor allem keines des üblichen Kriegsspektakel. “This War of Mine” von 11bit Studios (“Anomaly”) will anders sein. Das ist den Entwicklern nur zum Teil gelungen.

Der Krieg ohne Front

Wir befinden uns nicht an der Front, sondern in den Trümmern einer zerstörten Stadt. Der Krieg brachte Feuerwehrmann Marko, Koch Bruno und Fußballer Pavle zufällig zusammen. Sie haben sich in einer Ruine verschanzt und trauern ihren Familien nach. Nebenbei kämpfen sie einen fast aussichtslosen Kampf gegen den Hunger, die Räuber und Scharfschützen, die in der Stadt lauern. Nur nachts können sie losziehen, um die Häuser zu plündern. Doch die Bewohner wollen das Gleiche, wie unsere drei Freunde: Überleben.

Spielerisch betrachtet ist “This War of Mine” ein Survival-Abenteuer im Stil von “Don’t Starve“, “Terraria” oder den “Sims“. Aus Schrott bastelt ihr euch Werkbänke, stellt Betten, Schaufeln oder sonstige Gegenstände her und baut euer kleines Domizil nach und nach aus. Dabei müsst ihr immer auf den Zustand eurer Überlebenden achten. Krank? Verletzt? Müde? Sobald ihr darüber die Kontrolle verliert, ist das Spiel schnell vorbei. Etwas Abwechslung kommt in das ansonsten monotone Geschehen, wenn ihr nachts auf Entdeckungstour geht. Nicht selten laufen euch nämlich andere Menschen über den Weg, denen ihr wie in einem Schleich-Abenteuer aus dem Weg gehen müsst.

Aber machen wir uns nichts vor. Als reines Spiel ist “This War of Mine” nur eines von vielen. Wenn ihr eines der Vorbilder gespielt habt, erlebt ihr mit diesem Survival-Trip routinierte Unterhaltung. Mehr nicht.

Das andere Kriegsspiel

Pure Unterhaltung will es auch nicht sein. Vielmehr soll es euch auf die Gräuel des Kriegs aufmerksam machen, euch die Leiden der Bevölkerung abseits der Front vor Augen führen. Passend dazu ist die Grafik in düsterem Schwarz-Weiß gehalten. Die Figuren schleppen sich nur mühsam über die 2D-Ansicht. Und für den emotionalen Hintergrund wurde nach Geschichten echter Kriegsopfer recherchiert.

Fotos möchten mehr Realismus erzeugen. (Foto: 11bit studios)
Fotos möchten mehr Realismus erzeugen. (Foto: 11bit studios)

Aber gerade diese Emotionen und das menschliche Drama hinter dem Geschehen bleiben mir fremd. Dazu wirken die Hauptfigurenmit ihren traurigen Blicken zu sehr nach Weltschmerz gecastet. Die drei sind eine Art Trümmer-Boygroup, die sich mit dem Meißel in mein Herz hämmern will. Im Nachhinein war es keine gute Idee, reale Fotos zu nehmen. Es soll wohl mehr Empathie wecken, aber bei mir führt es zu einem Bruch zwischen der kargen, minimalistischen Grafik und dem forcierten Photorealismus. Es ist eine Art ludonarrative Dissonanz auf Meta-Ebene, die sich in mir breitmacht.

Spiel kontra Botschaft

Spec Ops: The Line” gelang das besser. Auch hier das Beharren auf bekannten Spielmechaniken, doch statt auf drei Figuren konzentrierte ich mich auf eine. Die Ballerei störte nicht und ich konnte das Schicksal der Hauptfigur auf mich wirken lassen. Die Erkenntnis, selbst der Bösewicht zu sein, war schockierend. In “This War of Mine” bin ich schon viel zu sehr mit der Spielmechanik beschäftigt. Was baue ich jetzt? Wie finde ich Medizin? Wer geht auf Plünderungstour? Bei so viel Micromanagement, verliert man die Botschaft des Spiels aus den Augen.

Am Ende frage ich mich, wen dieses Spiel erreichen soll. Krieg ist schlimm – wer weiß das nicht? “This War of Mine” zeigt mir nicht, zu welchen Taten Menschen fähig sind. Es überschreitet keine Tabugrenzen, sondern verlässt sich ganz allein auf den Perspektivwechsel. Hier stehen eben keine Elitesoldaten im Vordergrund, sondern Leute wie du und ich. Das ist löblich, aber zu wenig für einen Schlag in die Magengrube. Das ist Bildungsfernsehen zum Spielen.

Ihr solltet deshalb keinen großen Bogen um das Spiel machen. “This War of Mine” ist mir tausendmal lieber als das pathetische Geschrei eines “CoD”. Neben dem erwähnten “Spec Ops” und “Papers, please” reiht es sich ein in eine Entwicklung, die das Medium “Videospiel” erwachsener macht. Spiele müssen nicht Spaß machen, um Kunst zu sein.

Der Wert eines solchen Spielexperiments ist weniger inhaltlicher, als geschichtlicher Natur. Es ist mehr ein Pionier, als der große emotionale Game Changer. Ein Spiel, an das man sich erinnern wird, wenn wir über die Zeit sprechen, in der Videospiele erwachsen wurden.

Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 17. November 2014

4 Kommentare zu “This War of Mine: Drama, Baby!

  1. XXL schrieb am :

    “ludorative Dissonanz auf Meta-Ebene”
    ach so, ja ja, hast du “ludorativ” eigentlich selbst erfunden?

    Sonst: Danke für den Eindruck, hatte sowas befürchtet, da es das Spiel leider sowieso nur für PC gibt, werde ich es mir wohl sparen

  2. Pingback: Polycast #111: Frostpunk | Polygamia

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