0

The Scourge Project: 15 Euro für ein Gears of War Light

Geschrieben von Sven

Zwar gab es vor “Gears of War” schon etliche 3rd-Person-Shooter für allerlei Plattformen, doch kaum ein anderes Spiel hat das Genre so maßgeblich beeinflusst wie das Ende 2006 für die Xbox 360 veröffentlichte Epic-Werk. Kooperative Ballereien sind nach wie vor trendy, was wohl auch die Entwickler von den Tragnarion Studios festgestellt haben. Und mit ihrem „The Scourge Project“ getauften … ähm…Projekt möchten sie nun Genrefreunde und „GoW“-Fanatiker begeistern. Was mir bei dem ausschließlich via Steam erhältlichen „Snack“ für schlappe 14,99 Euro geboten wird, kann sich sogar sehen und spielen lassen!

„The Scourge Project“ soll in mehreren Episoden fortgeführt werden, den Anfang macht sozusagen das Hauptprogramm, welches schon die ersten zwei Teile mitbringt. Für die knapp 15 Euro erhaltet ihr laut Entwickler-Aussagen vier Levels, womit sich die Verantwortlichen selbst etwas zu sehr reduzieren. Ein Level besteht aus über 10 Abschnitten, der Gesamtumfang liegt bei mindestens fünf Stunden. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, denn die Kampagne könnt ihr alleine mit KI-Kollegen oder kooperativ mit bis zu drei Freunden überstehen, zusätzlich dürft ihr sogar die gleichen Missionen als Einzelkämpfer bewältigen, was aber echt nur was für harte Kerle ist. Und nicht unter den Tisch solltet ihr die klassischen Multiplayer-Modi „Deathmatch“, „Team Deathmatch“, „Frontier“ und „Capture the Flag“ (maximal 16 Teilnehmer) kehren, die locker einige weitere Stunden unterhalten können. Quantitativ bin ich von „The Scourge Project“ durchaus beeindruckt, mehr hatte ein „Gears of War“ eigentlich auch nicht zu bieten.

Drei Klischee-Actionhelden und eine Dame mit Knackarsch. Alles dabei, was sich ein Spieler wünscht?

Nur wie sieht es qualitativ aus? Die Story ist schon einmal ziemlich banal und wenig aufregend: Vier Soldaten vom Echo Squad wurden von „The Tarn Initative“ angeheuert, um gegen die machthungrige „Nogari Corporation“ zu kämpfen. Diese streben natürlich nach der Weltherrschaft, dank einer seltsamen Energiequelle namens Ambrosia scheinen sie ihrem Ziel recht nahe zu sein. Doch hinter der Substanz verbirgt sich weit mehr, schließlich enthält sie außerirdische DNS. Dass Nogari insgesamt ekelhafte Experimente, u.a. an Menschen, durchgeführt hat, macht das Unternehmen nicht sympathischer. Jeder Protagonist verfügt über eigene Motive, die irgendwie mit dem bösen Feind in Verbindung stehen. Und dann ist da noch Dr. Reisbeck, ein Wissenschaftler, der unbedingt aufgespürt werden soll. Immerhin wird die Geschichte solide vermittelt, für Begeisterung sorgt sie aber zu keiner Zeit. Wie gewohnt heißt es also: Mittel zum Zweck. Schade.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.
Der offizielle Trailer zum Spiel

Einen besseren Eindruck hinterlässt das eigentliche Spielkonzept, das sich – welch Überraschung – sehr an “Gears of War” (1) anlehnt. Aus der dritten Person steuert ihr euren favorisierten Helden, ballert mit neun aufsammelbaren Waffen durch auf die Gegnerhorden und erfüllt vorgegebene Ziele. Streng linear ist der Verlauf, Erkundungstouren dürft ihr euch sparen. Wozu auch, ihr könnt sowieso nur neue Munition und Granaten finden oder euren Ambrosia-Vorrat auffüllen. Durch das Mittel pumpt ihr nämlich besondere Fähigkeiten in den Körper, die angewandt werden dürfen. Ausrüstungsgegenstände, alternative Routen oder aufsammelbare Boni? Die gibts hier nicht. Vielmehr konzentrierten sich die Entwickler auf reinrassige Action ohne Kompromisse und Innovationen. Das muss ja nicht zwangsläufig was Schlechtes sein, oder?

Apropos schlecht: Es ist sehr ärgerlich, dass ihr dazu gezwungen werdet, euch (kostenlos) bei Gamespy anzumelden – auch wenn ihr nur offline die Kampagne absolvieren wollt. Der Service wird eigentlich einzig für die Mehrspieler-Komponenten (auch Koop) verwendet, Probleme bereitet dieser glücklicherweise sonst nicht. Ich konnte bei meinen Versuchen immer ein Match finden – egal ob für „Deathmatch“-Auseinandersetzungen oder für die Coop-Kampagne.

Teils schöne Spielmomente, aber kaum Höhepunkte

Perfekt ist „The Scourge Project“ keinesfalls. Viele Schwächen offenbaren dann doch, dass uns hier kein Vollpreisprodukt vorgesetzt wird. Ein großes Übel ist die künstliche Intelligenz, wobei ich das Wort Intelligenz besser nicht in den Mund nehmen sollte. Zwar reagieren eure Teamkammeraden auf eure gelegentlichen Befehle (eigentlich nur: „Kommt her“) und gehen selbständig gegen Feinde vor, aber WIE? Sie laufen gerne mal ins Sperrfeuer der Kontrahenten, lassen sich vorzugsweise abknallen und warten dann darauf, dass ich sie wiederbelebe. Übrigens ein nicht ganz unwichtiges Feature, denn dadurch erhaltet ihr Erfahrungspunkte, die eigentlich keinen tieferen Sinn in der Singleplayer-Kampagne haben. Weiterhin störend: Sogar auf dem niedrigsten Schwierigkeitsgrad benötigt ihr gut und gerne ein ganzes Magazin eines Maschinengewehrs, um einen Feind auszuschalten. Ihr selbst dagegen könnt viel früher das Zeitliche segnen. Manchmal sind Missionsziele nicht optimal beschrieben, das Gegneraufkommen ist in der Regel unausgeglichen, das Deckungssystem ungenau und das Fadenkreuz beim Anvisieren kaum erkennbar. Das sind alles nicht zu unterschätzende „Kleinigkeiten“, die eben den Unterschied zwischen „toll“ und „okay“ machen. Zudem fehlen mir hier besondere “Höhepunkte”, die in mir ein “Wow”-Gefühl aufkommen lassen. Das haben die Designer wohl völlig versäumt.

„The Scourge Project“ spielt sich mit der Tastatur fast genauso wie die Epic-Vorlage. Sogar der Xbox 360 – Joypad wird automatisch und vollständig erkannt, obwohl er in den Optionen nicht einmal ansatzweise erwähnt wird. Die ursprünglich mal angekündigte Konsolen-Portierung für XBLA wird gewiss also noch kommen. Die Kontrolle klappt insgesamt recht gut, grobe Mängel sind mir hier nicht aufgefallen. Erwähnt werden sollte noch die technische Seite: Die Grafik ist dank „Unreal Engine 3“ wirklich mehr als nur  ordentlich, die Szenarien angenehm abwechslungsreich und bei maximalen Details sieht das Geschehen wirklich hochwertig aus. Auch die Figuren wurden prima texturiert, richtig negativ fallen nur die Animationen auf. Die Charaktere laufen staksig wie bei einem „Unreal Tournament“ herum und nicht so professionell wie bei „Gears of War“. Damit kann ich aber leben. Überzeugend ist beiläufig erwähnt die englische Sprachausgabe, sogar deutsche Untertitel sind mit dabei.

Sehr ansehliche Grafik, allerdings blödes Deckungssystem

Es bleibt festzuhalten: „The Scourge Project“ ist für mich launige Unterhaltung zum schmalen Preis. Für knapp 15 Euro erhalte ich zwar keine vollwertige „Gears of War“-Alternative, aber dafür soliden Shooter-Spaß für ein paar Stunden. Da schaue ich gerne über die genannten Schwächen hinweg, ein wenig hoffe ich auch, dass die schwache KI, die holprigen Animationen und der nicht optimale Schwierigkeitsgrad durch den einen oder anderen Patch beseitigt werden. Außerdem werde ich durch eine mehr als ansehnliche Grafik und eine gute Synchronisation ein wenig entschädigt. Wirklich tragischere Achillesfersen sind aber das blöde Deckungssystem und das monotone Missionsdesign. Zweitgenannter Aspekt (genauso wie die KI) fällt bei Coop-Schlachten via Internet zwar kaum ins Gewicht, für Solisten ist es aber mehr als störend.

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Wunderbar!
Teile den Beitrag oder hinterlasse einen Kommentar.

Twittern

Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 11. April 2010

Kommentar schreiben

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.