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The Last Guardian: Eine wunderbare Freundschaft

Geschrieben von Lara
The Last Guardian: Eine wunderbare Freundschaft

Spiele mit sehr langer Entwicklungszeit und über mehrere Konsolengenerationen hinweg haben es in der Regel schwer. Bestes Beispiel dafür ist „Duke Nukem“. Auch „The Last Guardian“ hat einen sehr langen und beschwerlichen Weg hinter sich. Erst kam der Hype und dann wurde das Spiel immer mehr zum Mythos. Jetzt, im Post-Hype, als kaum noch jemand das Spiel auf dem Zettel hat, erscheint es endlich – und schafft es tatsächlich zu begeistern.

Zu Beginn des Spiels wacht ein Junge in einer Höhle auf. Verdutzt stellt er fest, dass seltsame Zeichen überall auf seinem Körper tättowiert sind. Als er sich umsieht bemerkt er eine große Kreatur, die fast regungslos in der Nähe liegt. Neugierig geht der Junge heran, doch als das Tier ihn bemerkt, wird es aggressiv. Da fällt dem Jungen auf, dass Speere im Körper der Kreatur stecken und dass es angekettet ist. Furchtlos nähert sich der Junge dem Tier von der hinteren Seite und zieht unter großer Anstrengung die Speere hinaus. Nachdem er das Tier mit seltsam leuchtenden Fässern gefüttert hat und die stählerne Halsfessel entfernt hat, schöpft die Kreatur ausreichend Vertrauen in den Jungen. Gemeinsam verlassen sie die Höhle. Draußen angekommen stellen sie fest, dass sie sich in einem seltsamen, riesigen und fremden Land befinden. Nun müssen sie gemeinsam einen Weg heraus finden und beginnen ihren Weg nach oben.

Trico suhlt sich im Wasser.
Trico ist recht verspielt und planscht auch mal gern in Wasserpfützen | Bild: Sony

Es hat für mich ungefähr genauso lange gedauert wie ihr für das Lesen dieses Textes bisher gebraucht habt, um die Kreatur namens „Trico“ in mein Herz zu schließen. Das schmerzverzerrte Mauzen und Jaulen, wenn der Junge die Speere entfernt und das Schnurren und Kuscheln danach trifft voll in mein Mitfühlzentrum. Dass es so gut funktioniert, liegt daran, dass Trico anders als alle bisher programmierten Videospiel-BegleiterInnen sich tatsächlich wie ein echtes, lebendes Wesen benimmt. Mimik und Gestik sind unglaublich gut gemacht. Hinzu kommt die tolle grafische Animation des Tierkörpers. Im Gesicht weich wie ein Katze und der restliche Teil eher vogelartig mit hunderten einzelner Federn, die sich je nach Umgebung und Situation verändern.

Trico hält den kleinen Jungen am Schlafittchen über einem Abrund
Mehr als nur einmal schnappt Trico den kleinen Jungen am Schlafittchen, damit er nicht in den Abgrund stürzt. Auch sein langer buschiger Schwanz ist oft ein Rettungsanker. | Bild: Sony

Überhaupt die Licht- und Partikeleffekte sind ein Traum. Sowohl bei Trico, wenn das Wesen sich etwa mopsfidel in einem kleinen Teich suhlt, als auch wenn der Junge aus einem dunklen Gebäudeteil an die Oberfläche klettert. Dazu wird uns eine Welt präsentiert, die zum Staunen, Innehalten und Anschauen einlädt. Die Architektur der Türme, Gebäude und Bauten hat seinen ganz eigenen Stil. An vielen Stellen im Spiel blieb ich stehen und schaute mich länger um, obwohl klar war, wo es weiter ging. Immer wieder kam in meinem Kopf die Frage auf, wer das alles gebaut hatte und zu welchem Zweck. Ein längst ausgestorbenes Volk? Ein höheres Wesen? Aliens? Dem beschädigten und einsturzgefährdeten Zustand nach, war das alles schon sehr, sehr alt. Wenn ihr „ICO“ oder „Shadow of the Colossus“ gespielt habt, werdet ihr Bauelemente wiedererkennen, was mich sehr gefreut hat. So hatte ich das Gefühl, dass alle drei Spiele in einer Welt spielen. Darauf deutet auch der Kleidungsstil des Jungen hin. Das Ganze wird mit einem starken Klassik-Soundtrack begleitet, eingespielt vom London Symphony Orchestra und dem Trinity Boys Choir. Komponist Takeshi Fukurawa  vermeidet es, das Spiel zu kitschig werden zu lassen, indem er nicht auch noch musikalisch auf die emotionale Bindung der beiden Figuren eingeht. Stattdessen konzentriert er sich auf Schlüsselszenen der Geschichte und lässt die Musik eher dezent im Hintergrund. Digital ist der Score bereits erschienen und wird Ende Dezember noch separat als CD veröffentlicht.

Trico kauert auf einer kleinen Säule, der Junge steht unten davor.
Trico hat seinen eigenen Kopf und ist kein dressiertes Haustier. Anders als z.B. Reittiere in anderen Spielen versteht Trico oft nicht (sofort) was der kleine Junge von ihm will. Manchmal weigert er sich auch gewisse Aktionen durchzuführen, weil er Angst hat. | Bild: Sony

Wer die optische Präsentation durchdringt, findet einen 3D Puzzle Plattformer. Ähnlich wie bereits bei „ICO“ sind die Rätsel einfach in ihrer Lösung. Aber wie diese in die Welt integriert sind, ist überaus kreativ. Die Devise lautet „Ausprobieren“, Je weiter die Reise der beiden voranschreitet, ist öfter Um-die-Ecke-Denken gefragt. Dabei bleibt „The Last Guardian“ immer fair und baut auf zuvor gemachte Erfahrungen auf. An einer Stelle etwa gelangte ich in einen Höhlenabschnitt, der teilweise unterflutet war. Ich sah ein Gitter, dass den weiteren Weg versperrte, jedoch mit einem Schalter dahinter. Schnell kam ich auf die Idee am Gitter hinab zu tauchen und siehe da, ein kleiner unterirdischer Gang führte mich auf die andere Seite des Gitters. An einer kleinen Leiter konnte ich hinaufklettern und den Schalter ziehen, um den Weg zu öffnen. Nicht nur der Junge kann tauchen, auch Trico ist ein guter Schwimmer und so machte ich es ihm kurz vor und hielt mich an ihm fest. So ging es in die nächste Kammer. Dort bot sich mir ein ähnliches Bild, doch die Leiter zum Schalter war zerstört. Nach längerem Überlegen holte ich Trico zu mir, der beherzt ins Wasser sprang und dabei hohe Wellen schlug. Der Wellengang war stark genug um mich zum Schalter zu befördern und erneut tauchten wir gemeinsam weiter. Ihr seht – einfach, aber genial.

Trico und der Junge befinden sich in einem kleinen Waldabschnitt.
Die Welt von „The Last Guardian“ bietet immer wieder eine Überraschung. Mitten in den Ruinen gibt es auch kleinere grüne Abschnitte. Dort zeigen sich die Lichteffekte besonders gut. | Bild: Sony

Nach etwa 12 Spielstunden war das Abenteuer von Trico und dem Jungen zu Ende und mit feuchten Augen folgte ich dem Abspann. Die Post-Credit-Szene rundete das Erlebnis wunderschön ab und ich fühlte mich beseelt. Trotz der etwas schwammigen Steuerung und der beizeiten ungünstigen Kameraführung bietet „The Last Guardian“l eine tolle Erfahrung. Wie ein spielbares Märchen, nimmt das Spiel uns an die Hand und zeigt uns was Freundschaft sein kann. Dabei verzichtet Fumito Ueda, der Chefdesigner und Mastermind hinter dem Spiel, auf cineastische Cutscenes, Actiongeballer und High-End-Grafik. Ueda zeigt, dass das nicht nötig ist, um ein herausragendens Spielerlebnis zu schaffen. Sony hat alles richtig gemacht, diesen Titel nicht aufzugeben. Kein anderes Game hat mich 2016 so mitgerissen, so eingenommen so begeistert wie dieses. Deswegen ist für mich „The Last Guardian“ mein Spiel des Jahres.

The Last Guardian erschien am 7. Dezember für Playstation 4.

PS: Wer schenkt mir jetzt ein Plüschtrico?

 

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Über Lara

Lara wurde in den 1980er Jahren geboren und entdeckte ihre Gaming-Leidenschaft schon früh als kleine Stöpseline. Schuld daran hat ihre Großmutter, die ihr zu Weihnachten 1991 einen GameBoy schenkte...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 11. Dezember 2016

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