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Rammsteins Liebe ist für alle da. Eine Fananalyse

Geschrieben von Sven
Rammsteins Liebe ist für alle da. Eine Fananalyse

Wenn man es so nimmt, sollte eigentlich jeder Rammstein verabscheuen – auch der Fan erster Stunde. Denn es ist grundsätzlich inakzeptabel, wie das Management der Band mit den Musikliebhabern umgeht.  Kostenpflichtiges Forum, Abmahnungen von privaten Ppages und Blogs oder fragwürdige Vergabe von Konzerttickets. Aber so lange die Fans das schlucken und willig alle Produkte kaufen, die man mit Rammstein in Verbindung bringen kann, gibt es für die Verantwortlichen keinen Grund, ihr System zu ändern. Aber es wird etwas passieren, denn das neueste Album „Liebe ist für alle da“ wird mit Sicherheit das letzte für die nächsten Jahre sein. Denn ob man will oder nicht – Rammstein hat sich in eine konzeptionelle Sackgasse manövriert, aus der sie mit Sicherheit nicht mehr so einfach heraus kommen.

Die Macher selbst erwähnten in diversen Interviews der Vergangenheit, dass sich „Liebe ist für alle da“ wieder mehr am Debüt-Album „Herzeleid“ orientiert. Das ist nicht ganz falsch, wie schon der erste Song „Rammlied“ verdeutlicht. Der erinnert an „Rammstein“, dem letzten Stück von „Herzeleid“, nur leider drei Ecken einfallsloser und einfach nicht mehr neu oder musikalisch frisch. Mit so einem Song ein Album beginnen? Keine gute Idee, zumindest führten die disharmonischen Klänge und der Pseudo-Chor bei mir eher zu Abneigung als zu Neugier. Aber vor allem den ausländischen Fans, und Rammstein ist in den USA oder Frankreich ja mindestens genauso beliebt wie Tokio Hotel, wird er zusagen, wenn sie dann „RAMMSTEIN“ mitgrölen können, aber den Rest der Texte sowieso nicht verstehen.

hacke

Weiter geht’s mit „Ich tu Dir weh“. Sado-Maso-Murks trifft auf Elemente aus den SAW-Kinofilmen. Neue Wege beschreitet Rammstein damit nun wirklich nicht mehr. Musikalisch mittelmäßig und in meinen Augen zu sehr 08/15. Ganz klar: Ich muss schon ziemlich abgestumpft sein, denn unmoralisch oder inhaltlich bedenklich aufgrund der angedeuteten Gewalt finde ich das Ganze nicht mehr. Dafür waren andere Tracks der älteren Alben wohl eine Ecke härter. Provokativ ist das jedenfalls nicht mehr. Es wirkt daher nur noch billig und meilenweit entfernt von subtileren Anspielungen wie z.B. bei „Dalai Lama“ (Hommage (?) an Goethes Erlkönig)

Der dritte Song „Waldmanns Heil“. Hier zeigt Sänger Till Lindemann schon sehr deutlich sein gesangliches Reportarie, seine Stimme kann mich auch nach sechs Alben nach wie vor beeindrucken. Würde er Opern singen, ich würde mir diese sogar antun! Bei dem Stück selbst hab ich wieder keinen tieferen Sinn oder eine Message feststellen können, und bekanntlich benutzen Fischer einen anderen Jagdspruch als Jäger im Wald. Trotzdem wird im Text „…auf dem Meer lauert das Verderben“ erwähnt.. Aber: „Die Kreatur muss sterben“ als Kernaussage wird schon akustisch sehr cool vermittelt.

Ein weinender Haifisch im vierten Song. Ein schöner Ohrwurm, das muss man schon sagen. Neben „Frühling in Paris“, in dem auch Französisch für die Fans unseres Nachbarlands gesungen wird, gehört er fraglos zu den stärkeren Tracks des Albums. Und hier möchte ich erwähnen: Ich wünschte, Rammstein hätte die gleiche Qualität wie bei „Rosenrot“ (jaja, war nur die unveröffentlichte CD2 von „Reise Reise“, aber abgesehen von „Mann gegen Mann“ war das Album meiner Meinung nach sehr gut!) abgeliefert, also mehr tiefgreifendere Melancholie und nicht das Bedienen von Klischees – so wie das Ausland oftmals die arischen Deutschen sieht. „Roter Sand“, der Abschluss von „Liebe ist für alle da“, reiht sich in beide genannte Songs gut ein, fällt aber am Ende kaum irgendwie auf. Schade drum.

„Wiener Blut“ hätte sicher dann für mehr Aufmerksamkeit gesorgt, hätte Rammstein das Album früher veröffentlicht. Denn hier bedient man sich wahren Ereignissen: Mann hält eigenes Kind im Keller und betreibt emsig Inzest. Geschmacklos, aber das soll es auch sein. Provokativ? Irgendwie auch nicht mehr, also nicht für mich. Zu „Pussy“ möchte ich nur so viel sagen: Erinnert mich an „Amerika“ von „Reise, Reise“. Über das umstrittene Musikvideo muss ich mich nicht weiter auslassen, ich fands ganz witzig. Da merkt man schnell, dass Sex für mehr Schrecken in unserer Gesellschaft sorgt als Gewalt.

„Liebe ist für alle Da“, der Song zum Album-Titel, ist…nun, okay. Auch hier ist der Stil weder neuartig noch erfrischend. Ja, diesen hätte man dann tatsächlich auf „Herzeleid“ packen können – und das erste Album ist mittlerweile 15 Jahre alt. Dann ist da noch „Mehr“. Kein besonders aufregender Text, aber wenn sich Till ans Sprechen wagt, dann ist das wirklich toll. Meine Güte…die Stimme. Ich finde sie großartig. Wie wäre es, wenn er auch mal auf Mittelaltermärkten als Gaukler auftritt? Oder als Hauptsprecher in einem Hörbuch? Ach, gleich als Schauspieler! Den Psychopathen kann er locker spielen, wie er beispielsweise bei „B**********“ beweist.

Genug meiner subjektiven Analyse. Was „Liebe ist für alle da“ auf jeden Fall verdeutlicht, ist eines: Rammstein hat sich wieder nicht weiter entwickelt. Niveau? Weg von primitiver Gewalt? Einfallsreichtum? Kaum etwas davon konnte ich spüren. Vielmehr aber die fehlende Kreativität, das Erfüllen von Wünschen ausländischer Fans (nicht ohne Grund tauchen bestimmte Wörter wie „Reise Reise“, „Fisch“, „Rammstein“ häufiger auf), zum Großteil einfach gestrickte Texte – das ist alles irgendwie schwach und enttäuschend. Offensichtlich ist es den Musikern mehr als nur schwer gefallen, das neue Album zu realisieren, was auch die lange Produktionszeit erklären dürfte. Ich vermute, dass das siebente Album lange auf sich warten lässt – wenn es überhaupt noch kommen wird. Denn die Luft ist langsam raus. Vielleicht muss sich Rammstein nicht die Frage stellen, wie es in Zukunft weitergehen soll, wenn sie auf der Stelle stehen bleiben. Eventuell ist das Zusammenspiel aus fiesem Management, dem Ausnehmen der Fans und das Servieren von 08/15-Musik auch das Konzept, um das Bankkonto zu füllen? Aber wenn sie ernsthaft Musik machen wollen, sollte auch eine Entwicklung erkennbar sein. Andere Bands in Bereich der Neuen Deutschen Härte (sagt man wohl so) bekommen das doch auch hin, ohne komplett auf Kommerz und Erfolg verzichten zu müssen.

Aber, und das muss ich sagen, wenn ihr die gewohnte Rammstein-Kost erwartet, dann werdet ihr auch mit „Liebe ist für alle da“ recht zufrieden sein. Aber das Gefühl, dass hier irgendetwas fehlt, werdet ihr sicher ebenfalls verspüren – spätestens beim fünften Hören des Albums.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 24. Oktober 2009

2 Kommentare zu “Rammsteins Liebe ist für alle da. Eine Fananalyse

  1. blade369 schrieb am :

    Ein sehr kritisches Review. Ich selbst bin kein (Hardcore)Rammstein-Fan, habe aber doch jedes Album min. einmal gehört und grade nach Reise, Reise (meiner Meinung nach das beste Album) war ich gespannt, wie sich Liebe ist für alle da anhört: Insgesammt eine ganz gute Platte, jedoch gebe ich dir Recht: Da fehlt etwas. Besonders merkwürdig finde ich, dass (Bonus CD hin oder her) sich die Lieder sehr ähneln und so z.B. das geniale Pfeifen doch sehr überstrapaziert wird. (3 Tracks verwenden es)

    Doch bin ich insgesamt wohl mehr mitgerissen worden als du. Wiener Blut z.B. hat mir ordentlich Gänsehaut bereitet ("Leise, leise wolln wir sein…)und so ein Song, der auf wahren Begebenheiten basiert, finde ich immer wieder schockierend. (Mich würde die Bühnenshow zu dem Song interessieren, Mein Teil wurde ja sehr drastisch umgesetzt…) Bei Pussy muss ich dir Recht geben: Absoluter Popsong, geschrieben für die Bild-Zeitung und das Video…naja so bekommt man Aufmerksamkeit. Bei "Lifad" gefallen mir merkwürdiger Weise sowieso die ruhigen Songs (dazu zähle ich auch Haifisch) am besten. Alle "lauten" Songs enthalten mir zuviel Gekröse wie z.B. Textstellen, die auf rechts hindeuten, eben als Provokation (Waldmann´s Heil!). Ich finde das ist ausgelutscht…

    Trotz dem ein gutes Album und würden die Karten Innenraum nicht 71,50 Kosten (Da kann ich ja fast schon zu Celine Dion :D) würde ich ihnen auch live mal einen Besuch abstatten. lg

  2. steve schrieb am :

    hallo zusammen,
    also ich finde das album nicht schlecht.die vorherigen waren aber bis zu 10% besser.
    also jetzt mal ganz ehrlich.es wird sich beschwert,dass die sex szenen zu häftig sind und die texte erst recht.was ist bitte mit den ganzen hip hop texten und videos?die singen ich f… deine mutter und so nen mist.das gehört dan genau so verboten.das ruiniert doch die jugend.
    waitmanns heil rechts?also wenn das rechts sein soll,dann weiß ich ja nicht.dan müssten angler auch rechts sein oder?bei anglern heisst es nämlich petri heil.müsste ja dan nach deiner meinung nach auch rechts sein.ich finds zu übertrieben,nen video zu verbieten was mit sex zu tun.jeder jugendliche hat mindestens schon einmal nen sex video gesehen.im gegenteil,ist doch noch ne gute aufklärung.
    finde das album top.daumen hoch und macht weiter so rammstein.

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