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Mafia 3: Der Beinahe-Meilenstein

Geschrieben von Lara
Mafia 3: Der Beinahe-Meilenstein

Mit der überraschenden Ankündigung von „Mafia 3“ auf der Gamescom vor zwei Jahren erregten Entwicklerstudio Hangar 13 und Publisher 2K ordentlich Aufsehen. Die Erwartungen waren groß, Spieler*Innen und Fachpresse gleichermaßen gespannt.

There must be some kind of way out of here,
Said the joker to the thief,
There’s too much confusion, I can’t get no relief.

Jimi Hendrix

„Mafia 3“ erzählt viele Geschichten. Im Plot geht es um Lincoln Clay, der nach seinem Dienst im Vietnamkrieg zurück in seine Heimat New Bordeaux kommt. Als schwarzes Waisenkind aufgewachsen, fand er im Black Mob seine Familie, von der er nun mit offenen Armen empfangen wird. Kaum zurück, lässt er sich für einige Verbrechen rekrutieren. Er soll den Revierstreitigkeiten mit den Haitianern eine Ende setzen und für den regionalen Oberboss der italienischen Mafia, Sal Marcano, einen großen Bankraub durchziehen, um danach seinen Ziehvater als Chef des Black Mobs zu ersetzen. Doch das Letztere lehnt Lincoln ab, was sich als fataler Fehler herausstellt. Nach dem geglückten Bankraub hintergeht Marcano den Black Mob und lässt die gesamte Familie ermorden. Nur Lincoln überlebt. Er wird vom Gemeindepriester und seinem altem Waisenhauserzieher Father James gerettet und gesund gepflegt. Nun schwört Lincoln Rache und will zusammen mit seinem alten Vietnamkameraden sowie CIA-Agenten Donovan Marcanos das gesamte Mafiagebilde zum Einstürzen bringen.

I see a red door and I want it painted black
No colors anymore, I want them to turn black,

The Rolling Stones

Das Spiel vermittelt eine weitere Geschichte. Nämlich die von einem Amerika Ende der 1960er Jahre, das geprägt war von den Traumata der historischen Ereignisse. Der verlorene Vietnamkrieg, der Rassismus und die Schwarze Bürgerrechtsbewegung, die Emordung von John F. Kennedy und Martin Luther King. „Mafia 3“ schafft es, diese Umstände nicht als bloßes Setting zu benutzen, sondern die Story tatsächlich zu erzählen. Das klappt, da die beiden Geschichten geschickt miteinander verwebt wurden. Denn die Plotebene, die ich als Spielerin aktiv gestalte, wird als reine Rückblende erzählt. In Form eines Dokumentarfilms sprechen der inzwischen alte und emotional gebrochen Priester sowie der leitende Ermittler des FBIs, der sich mit dem Fall Lincoln Clay befasst hat, in Interviews in die Kamera. Außerdem werden Szenen des Mitschnitts eines Untersuchungsausschusses gezeigt, bei dem Lincon Clays Freund Donovan aussagt. Das verleiht dem Plot eine künstliche Authentizität, durch die Clays Geschichte ein möglicher Platzhalter für viele Geschichten schwarzer Männer aus der Zeit wird.

R-E-S-P-E-C-T
Find out what it means to me

Aretha Franklin

Wirklichkeit und Fiktion sind eng verknüpft. Im Autoradio laufen immer wieder Nachrichtenstücke sowohl über tatsächliche historische Begebenheiten als auch über den Lincoln Clays Fortschritt. Die Diskriminierung von Schwarzen ist allgegenwärtig. Gehe ich etwa in ein Café nur für Weiße, fordert mich der Inhaber auf, das Geschäft zu verlassen. Bleibe ich, ruft er die Polizei. Und diese fängt schließlich an, auf mich zu schießen. Auch die Hauptstory bleibt davon nicht unberührt. Im Radio höre ich, dass zwei Schwarze von einem Weißen einfach niedergeschossen wurden, als diese bei ihm an der Tür klopften, um nach dem Weg zu fragen. Ein paar Spielstunden später erfahre ich, dass der Richter, der dem Fall vorsitzt, nicht nur in Sal Marcanos Tasche steckt, sondern auch ein rassistisches Arschloch ist, das den weißen Täter freisprechen will. Den Richter aus dem Weg zu räumen, verschafft also doppelte Genugtuung.

The eastern world it is exploding
Violence flarin‘, bullets loadin‘
You’re old enough to kill but not for votin‘
You don’t believe in war but whats that gun you’re totin‘?

Barry McGuire

Leider trauen sich Hangar 13 nicht, diesen Weg konsequent zu Ende zu gehen. Zu sehr sind sie noch verhaftet in den Mechanismen bekannter Open-World-Spiele. Lincoln muss sämtliche Bezirke mit allen Unterbossen, „mittlerem Management“ und den Familienmitgliedern der Marcano-Familie aus dem Weg räumen. Auch wenn die Bezirke jeweils eigene Verbrechensarten besitzen ist die Vorgehensweise immer gleich. Ich bekomme von einem Informanten den Hinweis, wen ich verhören muss, um an die relevanten Verstecke, Umschlagplätze und Geschäftslokale zu bekommen.

A little less conversation, a little more action please
All this aggravation ain’t satisfactioning me

Elvis Presley

Dann richte ich eine gewisse Menge an Schaden an, indem ich Ware zerstöre, Marcanos Schläger umbringe oder Menschen befreie. Das bringt dann den Unterboss ins Spiel, dessen Versteck ich infiltriere, um ihn auszuschalten. Habe ich die Geschäfte in einem Bezirk komplett übernommen, tritt der zuständige Leutnant auf den Plan. Und auch diesen schalte ich aus. Dann beginnt das Ganze von vorne. Das Zuweisen der Geschäftsbereiche und Bezirke an eine oder einen meiner Helfer bringt mir Boni wie Ausrüstung und Sonderfähigkeiten, wie Polizeibestechung oder Verstärkung im Kampf.

I needed money ‚cause I had none
I fought the law and the law won
I fought the law and the law won

The Bobby Fuller Four

Zusätzlich kann ich für meine Helfer noch Aufträge erledigen. Zwar geben mir die Dialoge vor und nach jeder erfolgreichen Mission mehr Hintergrundgeschichte der einzelne Charaktere, die Aufgaben selbst sind allerdings sehr redundant und nahezu identisch mit den Storymissionen.

Got what I got the hard way
And I’ll make it better each and every day
So honey don’t you fret
Cause you ain’t seen nothing yet

Sam & Dave

Trotzdem emanzipiert sich „Mafia 3“ deutlich von Genre- und Story-Geschwistern wie „Grand Theft Auto“ oder „Watchdogs“. Anders als „GTA“ ist „Mafia“ frei von satirischem Humor. Es gibt keine Minigames wie Golfspielen oder Yoga üben. Auch absurde Drogentrips kommen nicht vor. Das ist gut und richtig, hätte es doch die grimmige Thrillerstimmung gestört. Ein Fehler von vielen, den „Watchdogs“ gemacht hat.

There is a house in New Orleans
They call the Rising Sun
And it’s been the ruin of many a poor boy
And God, I know I’m one

The Animals

„Mafia 3“ hat mir während des Spielens immer wieder das Potential gezeigt, ein echter Meilenstein zu sein. Wenn sich die desillusionierten Erzählungen von Father James mit echten Fernsehbildern aus der der Zeit mischen. Wenn klar wird, wie wenig sich der US-amerikanische Staat um die schwarzen Kriegsveteranen gekümmert hat. Wenn immer wieder der offene Rassismus und die rassistisch motivierte Polizeigewalt angesprochen wird. Wenn gezeigt wird, wie die Immigranten aus allen Ländern verzweifelt versuchen, Fuß zu fassen und sich dadurch gegenseitig bekämpfen anstatt an einem Strang zu ziehen.

Aber am Ende fehlt das klare Statement. Die Entwickler wollten wohl doch lieber nicht zu vielen den Spiegel vorhalten oder auf die Füße treten. „Mafia 3“ ist keine vollständige Abrechnung mit dem romantisierten bzw. glorifizierten Gangstertum. Klar, der edle Anzugverbrecher mit Ehrenkodex ist passé. Es zählt nur noch die Gewalt. Das wird sehr deutlich gezeigt, selbst wenn die tödlichen Takedowns im Optionsmenü abgeschaltet wurden. Tumbe Rednecks und Mitglieder des Klu Klux Klans über den Haufen zu schießen, verschafft mir kurzzeitig Genugtuung, aber besitzt langfristig keinen Effekt.

Nachdem Sal Marcano als Letzter auf der Abschussliste erledigt ist, muss ich mich entscheiden: Lasse ich New Bordeaux hinter mir und lebe frei von Gewalt und Verbrechen? Bleibe ich und werde der neue Gangsterkönig der Stadt mit meinen drei loyalen Gehilfen? Oder bringe ich auch diese noch um und muss dafür büßen? Keine der drei Optionen beinhaltet eine Konsequenz abseits des Plots.

Don’t look back
Or you’ll be left behind
Don’t look back
Or you will never find peace of mind

Steppenwolf

So bleibt „Mafia 3“ ein gutes, oft sehr gutes Spiel. Aber da es sich nicht traut, sich von dem etablierten „Spiel“ mit seinen Konventionen loszureißen, verpasst es die Chance, eine neue Epoche im Gaming einzuläuten. „Mafia 3“ hätte so etwas wie das „Apocalypse Now“ des Gaming sein können, ist aber eher eine Mischung aus „First Blood“, „Malcolm X“ und „Dead Presidents“ geworden.

I shouted out,
„Who killed the Kennedys?“
When after all
It was you and me
Let me please introduce myself
I’m a man of wealth and taste

The Rolling Stones
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Über Lara

Lara wurde in den 1980er Jahren geboren und entdeckte ihre Gaming-Leidenschaft schon früh als kleine Stöpseline. Schuld daran hat ihre Großmutter, die ihr zu Weihnachten 1991 einen GameBoy schenkte...[weiterlesen]

Veröffentlicht am 4. November 2016

3 Kommentare zu “Mafia 3: Der Beinahe-Meilenstein

  1. War von dem Spiel leider enttäuscht. Von der miserablen Umsetzung für den PC mal ganz abgesehen war mir das Gameplay einfach viel zu repetitiv. Der Soundtrack ist allerdings erste Sahne, was du ja anscheinend auch so siehst, wie man den Lyric-Einwürfen entnehmen kann ;)

    • Lara schrieb am :

      Da ich die ps4 version gespielt habe, kann ich zur pc umsetzung nichts sagen.

      Da missionsdesign war in den grundzügen sehr repetitiv, ja, aber nicht mehr als in denmeisten open world Games.

      Der Soundtrack ist nicht nur musikalisch großartig, auch inhaltlich passt er perfekt. Hier wurden nicht nur Hits aneinander gereiht. Deswegen auch die Auszüge in meinem Beitrag.

      Die riesen Enttäuschung, die viele andere äußern sehe ich aber nicht.

  2. Tobsen schrieb am :

    Mafia 3 ist leider meine Entäuschung und Fehlkauf dieses Jahres.
    Es ist wiklich tragisch das sich die Story hinter diesem Missionsdesign versteckt.
    Nach den ersten 3 Spielstunden, spielt man 12 Stunden dieselbe Mission immerwieder.
    ich habe dem nicht mehr standgehalten und es nicht geschafft durchzuspielen.

    Der löbliche Ansatz Rassismus in einem Videospiel so darzustellen, dass sich der Spieler diskriminiert fühlt, wird durch das Gameplay leider auch ziemlich schnell zunichte gemacht. Der „böse Schwarze“ ist in diesem Spiel ein „böser Schwarzer“. Schade!

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