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Just Cause 2: Ohne Hirn auf Panau

Geschrieben von Sven

Einerseits meckere ich ständig über wenig ausgereifte Storys in nahezu allen aktuellen Spielen, andererseits verlange ich es von so manchen Titeln gar nicht erst, dass sie mich intellektuell anregen. „Just Cause 2“ ist so ein Beispiel. Das Stück Software will mich nur unterhalten, und das ist auch gut so!

Die letzte Zeit habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass ich in einen „OpenWorld“-Abenteuer wirklich keine komplexe Handlung wünsche. Im Gegenteil: Der Pseudo-anspruchsvolle und von mir aus gesellschaftskritische Plot in „GTA IV“ hat mich überhaupt nicht angesprochen, entsprechend schwer ist es mir gefallen, Spaß mit dem Rockstar-Epos zu haben. Völlig anders sah das bei „Saint’s Row 2“, „Mercenaries 2“, „Red Faction Guerrilla“ oder „The Saboteur“ aus. Zwar wird zumindest bei den letzten beiden Genrevertretern versucht, sowas wie eine etwas tiefgründigere Geschichte zu erzählen, bei der ausschweifenden Action geriet diese glücklicherweise in den Hintergrund. Und dies erhöhte den Unterhaltungsfaktor deutlich. Oder anders ausgedrückt: Scheiß auf Story, wenn es so richtig schön Kawumm machen kann! Am besten mit einer Extraportion Zerstörung. Und welch Zufall – „Just Cause 2“ fällt genau in mein Shopping-Beuteschema. Das Action-Feuerwerk von Avalanche möchte gar nicht erst eine philosophisch wertvolle Story vermitteln, sondern einfach nur Freude bereiten.  Ja, das ist deutlich besser als bei Blockbustern – Genre-übergreifend! Keine dämlich provokative  Darstellung von Gewalt, was als Geschichte verkauft wird („Modern Warfare 2“), kein verschenktes, dramaturgisches Potential („Bad Company 2“), kein bescheuerter Quatsch in interaktiver Form („Dark Void“, „Bayonetta“ und unglaublich viele andere). Bei „Just Cause 2“ probiert niemand, in irgendeiner Weise Ernsthaftigkeit darzustellen. Da muss ich wenigstens nicht über Charaktere und ihre Motive meckern, weil sie irgendwie nicht sonderlich wichtig sind. Der Vollständigkeit halber: Rico Rodriguez, der beste Agent der „Agency“, wird auf die hübsche Insel Panau geschickt, um dort seinen ehemaligen Mentor aufzuspüren. Der soll sich angeblich dem fiesen Diktator Baby Panay angeschlossen haben, was für Ricos Brötchengeber bedeutet: Er muss ausgeschaltet werden. Die Mission ist allerdings nicht ganz so einfach, denn Rico soll sich auf dem Eiland erst einmal mit drei Fraktionen beschäftigen, die allesamt gegen die totalitäre Regierung vorgehen. Erst, wenn er den Rebellen, Kommunisten und Kriminellen genügend Gefallen getan hat, kommt er an den vermeintlichen Verräter heran.

Auch auf dem Wasser jede Menge Chaos

Jaja, die Handlung ist wieder Mittel zum Zweck, Rico zeigt seine Pseudo-Coolness in etlichen Zwischensequenzen und ein Identifizieren mit dem Protagonisten fällt mir schwer. Vielleicht, weil ich nicht so ein toller Typ bin? Vermutlich. Aber ausnahmsweise stört mich das wenig, denn was mir „Just Cause 2“ schon in den ersten Stunden auf die Augen drückt, stellt mich mehr als zufrieden. Rico ist nämlich ein nicht zu unterschätzendes Talent im Bereich der durchgedrehten Kriegsführung. Ausgestattet ist der gute Mann nicht nur mit typischen Handfeuerwaffen, sondern ebenso mit einem praktischen Enterhaken. Ich hoffe, die Entwickler von „Bionic Commando“ schauen sich ganz genau an, was man damit so alles anstellen kann. Ihr wollt Objekte, Autos oder gar Menschen mit dem Haken an euch heran ziehen? Kein Problem! Auf Knopfdruck katapultiert ihr euch auf fahrende Vehikel oder Hubschrauber bzw. Flugzeuge, erklimmt Berge und Wolkenkratzer oder hüpft auf Schiffe. Ich hab schon viel gespielt, aber diese hier integrierten Ideen habe ich teils wirklich noch nie in dieser Intensität erlebt – und ja, das ist großartig, zumal die Steuerung erstaunlich einfach und intuitiv gehalten ist. Das gilt auch für das Verwenden des Fallschirms, den ihr gelegentlich einsetzen solltet.

Der offensichtliche Fokus liegt bei „Just Cause 2“ fraglos bei der kompromisslosen Action und den teils völlig abgedrehten Stunts. Entsprechend gestaltet sich das Drumherum effektgeladen. Übertriebene Explosionen inklusive vielen zerstörbaren Objekten. Und unzählige Waffen, Fahrzeuge bzw. Fluggeräte. Hier geht ein wahrer Traum für junge Männer in Erfüllung, die schon immer einen Actionfilm in Form interaktiver Zerstreuung erleben wollten. Gegenüber „Red Faction Guerrilla“ vermisse ich ein wenig das komplette Zerstören von Häusern, entschädigt werde ich durch andere Physik-Spielereien wie zum Beispiel das Anschießen von Gasflaschen oder dem Koppeln von Gegenständen mittels des Enterhakens.

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Der offizielle Launch-Trailer

„Just Cause 2“ schießt ein gewaltiges Effektfeuerwerk ab, was den Spaß am Spiel dauerhaft hochhalten kann. Allerdings kaschieren die Produzenten mit dieser visuellen Oberflächlichkeit einiges kleine Schwächen. Da ist zum Beispiel das Missionsdesign, das mir nach einiger Zeit etwas die Laune nimmt. Die Aufgaben werden im Verlauf einfallsloser, halten sich aber zum Glück auf einem Niveau oberhalb der Langeweile. Außerdem werdet ihr durch mannigfaltige Schauplätze geführt, es gibt quasi immer etwas zu entdecken. Bezogen auf die Größe der Spielewelt wirken „Saint´s Row 2“ oder „Mercenaries 2“ regelrecht mickrig, ihr solltet euch aber im Klaren darüber sein, dass vielerorts schlichtweg nichts los ist. Aber dann könnt ihr euch wenigstens „just 4 fun“ Klippen hinabstürzen oder dank eines herbeifliegenden Händlers ein hübsches Vehikel kaufen, um mit diesem die nächste Ortschaft flotter zu erreichen.

Würde ich „Just Cause 2“ absolut nüchtern betrachten, wäre das Spiel an sich keine Besonderheit. Denn sensationelle Innovationen hat der Titel nichts zu bieten. Vielmehr sind es die vielen kleinen Genre-Verbesserungen, die mir zusagen. Markiert ihr auf der Übersichtskarte ein Ziel, werden Wegweiser direkt auf den Straßen dargestellt. Besagter Enterhakten ist auch nicht neuartig, die Einsatzmöglichkeiten dagegen schon. Und das Kämpfen für oder gegen aktive Gruppierungen gab es ebenfalls in anderen Spielen zu sehen, nicht aber in dieser Form. Euch wird nur abseits der Kampagne mal eine Verschnaufpause gegönnt, ansonsten aber widmet ihr euch ständig äußerst spaßigen Ballereien, schrägen Stunts und subversiven Aufgaben. Herrlich. Dass es später etwas zu routiniert zur Sache geht, bedaure ich sehr, aber wie gesagt: Tragisch ist das keineswegs!

Mit dem Jeep durch Panau

Dank „Just Cause 2“ weiß ich wieder, wieso ich hier einen über 1000 Euro teuren PC rumstehen habe. Mein QuadCore mit ATI Radeon 5870 wird endlich mal wieder ordentlich ausgenutzt, auch wenn mir kein DirectX11-Schnickschnack geboten wird. Aber bei FullHD-Auflösung und maximalen Details sieht das Spiel toll aus, hier stinken PS3 und Xbox 360 (jeweils die Demo-Versionen ausprobiert) gewaltig ab. Selbstverständlich sieht Panau auf den Konsolen mehr als ansehnlich aus, trotzdem wirkt die Windows-Umsetzung viel detailreicher und ist offensichtlich mit schärferen Texturen ausgestattet. Mein geliebter Xbox 360 – Pad (GfW) wird natürlich unterstützt, den Controller möchte ich für „Just Cause 2“ auch dringend empfehlen. Mit Tastatur hinterlässt die Kontrolle von Rico einen leicht verwirrenden Eindruck. Überrascht hat mich ferner die saubere Portierung allgemein, Abstürze sind mir keine untergekommen. Gelungenes Konsolenfeeling auf dem PC? Ja, nur ich habe noch immer keine gute Lösung parat, wie ich meinen Rechner im Arbeitszimmer mit dem 37 Zoller LCD in der Wohnstube verbinden kann. Auf dem 24 Zoll-Monitor wirkt das Geschehen natürlich nicht schlechter.

Ja, es ist verdammt cool, was man alles mit den unzähligen Vehikeln und dem Enterhaken anstellen kann!

„Just Cause 2“ ist für mich so ein „NoBrainer“: Einschalten und Spaß mit Chaos und Zerstörung haben. Vergesst die Story, die ist nur Mittel zum Zweck. Verzichtet auf Tiefgang, Anspruch, Komplexität. Das alles könnt ihr euch sparen!  Zwangsläufig drängt sich mir der Vergleich mit typischen Popcornkino-Actionfilmen auf, was auch Sinn macht. Rico erfüllt schließlich auch die Klischees eines Stereotypen in so manchen Hollywood-Streifen und will uns gar nicht erst mit dramatischen oder pädagogisch wertvollen Ereignissen konfrontieren. In diesem Fall bin ich froh über diese Entscheidung der Entwickler, den Schwerpunkt auf Zielgruppen-konforme Unterhaltung zu legen. Und diese bereitet viele Stunden wirklich jede Menge Freude. Emotionen bleiben zwar zwangsläufig auf der Strecke, aber solange der Adrenalinpegel ordentlich hoch gehalten wird, wird sich darüber niemand beschweren. Bemängeln könnte ich nur das Missionsdesign mit den ständigen Wiederholungen (Chaos verursachen) und den banalen Nebenaufträgen. Das war schon eine Schwäche beim Vorgänger, hier hätte Avalanche ruhig etwas mehr zulegen können.  Aber was solls, der riesige Spielplatz zum Austoben und das Ausprobieren von Stunt-Experimenten ist auch so ungewöhnlich fesselnd und motiviert für etliche Tage. Garantiert.



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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 1. April 2010

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