6

Iron Sky: Das habt ihr nun davon

Geschrieben von Andreas
Iron Sky: Das habt ihr nun davon

Nazis aus dem All, Crowdfunding und Mass Effect 3 – das ist doch irgendwie dasselbe. Die Leute wollen mitreden, entscheiden, austeilen und am Ende zahlt jeder die Zeche, so oder so.

Iron Sky: Clevere Idee, schlechter Film. (Bild: IronSky.net)

Zugegeben, es ist schon ein irrsinnig guter Plot: Die letzten echten Nazis starten vom Mond den Meteorblitzkrieg. Das hätte wunderbar als Episode zu „Kentucky Fried Movie“ gepasst, aber leider auch nur dort. Mühsam hangelt sich die vorhersehbare und schleppend erzählte Geschichte von „Iron Sky“ zum spektakulären „Star Wars“-Finale. Dazwischen sind die Figuren nur auf dem Papier tolle Pappnasen: eine sexy Blondine (Julia Dietze), ein cooler schwarzer Motherfucker (Christopher Kirby) und ein machtdebiler Nazi (Götz Otto). Hach, das hätte witzig sein können, wenn Regisseur Timo Vuorensola und seine Drehbuchautoren Johanna Sinisalo sowie Michael Kalesniko tatsächlich die Art von politischer Unkorrektheit zeigen würden, die sie versprochen haben. Stattdessen ist die Blondine viel zu klug, um sich nur nach oben zu rammeln; ihr schwarzer Lover viel zu sehr ein billiger 90er-Eddie-Murphy-Verschnitt, um als Black Dynamite durchzugehen und der böse Nazi nur ein 0,5-James-Bond-Bösewicht (was er ja auch mal war). Der sogenannte Witz funktioniert in „Iron Sky“ nur in der nicht enden wollenden Wiederholung absurder Nazi-Klischees und der Forderung der Filmemacher: „Jetzt bitte lachen!“ Es fehlt nur noch das eingespielte Publikumsgelächter.

Das Einzige, was den Machern prächtig gelungen ist, sind die Special-Effects. So gesehen also ein schönes Bewerbungsvideo für Lucasfilms, WETA & Co. Aber darum geht’s hier eigentlich gar nicht. „Iron Sky“ wurde nämlich zum Teil von den Fans finanziert und ausgedacht, crowd-ge-fundet und ge-sourct.

Die Masse macht's (Bild: Ironsky.net)

Crowdfunding ist im Moment der heißeste Shit seit Erfindung von Flattr. Kickstarter und Double Fine haben die Idee berühmt gemacht, jetzt will jeder ein Stück vom Kuchen abhaben. Mittlerweile entwickelt es sich sogar zu einer Art Sozialhilfe für arbeitslose Entwickler. Mal ehrlich, wer braucht ein „Wasteland 2“ oder ein weiteres „Larry“-Abenteuer (Letzteres könnte auch ein April-Scherz sein)? Hat John Romero vielleicht schon „Daikatana 2“ eingereicht? Nee, Leute, lasst euch doch nicht über den Tisch ziehen. Niemand kann garantieren, dass euer Geld am Ende in einem guten Spiel oder Film stecken wird. Zu gewinnen gibt es ja sowieso kaum was. Ein persönliches Spielexemplar? Eine Erwähnung in den Credits? T-Shirts? Und glaubt ihr tatsächlich, dass ihr am Gewinn beteiligt werdet? Wohl eher wird sich ein Produzent über den zusätzlichen Catering-Service freuen.

Die Idee dahinter ist ja die: selbst mal zu den Shakers und Movers zu gehören. Alle Macht dem Volke! Schwarmintelligenz are go! Im Prinzip hört sich das schick an. Endlich mal den arroganten Bonzen zeigen, was der Fan wirklich will. Tatsächlich ist die Idee aber alles andere als sexy. Schwarmintelligenz wird nämlich spätestens dann blöd, wenn darunter ein Haufen Idioten sitzen, für die schon „DSDS“ oder „CoD“ die Höhepunkte intellektueller Beschäftigung darstellen.

Ach, ihr meint, das wäre jetzt ein elitärer Standpunkt? Wohl wahr. Aber zum Filmemachen oder einem intelligenten Spiel gehört auch Fachwissen und nicht nur treudoofer Glaube. In unserer Popkultur hält sich ja sowieso jeder für einen Experten, weil er bei „Der Pate“ bis zu den Endcredits durchgehalten hat oder ein „Let’s Play“-Video von „Dark Souls“ gesehen hat. Aber hey, es ist euer Geld! Lasst euch doch von ein paar Zeilen leerer Versprechungen ködern. Interessanter wird es sowieso erst dann, wenn auf das Werk inhaltlich Einfluss genommen wird.

GTA IV: Open-World-Spiele setzen auf die Kreativität der Spieler. (Bild: Rockstar)

Beim Crowdsourcing gehen die Macher auf Ideensuche, sogar bei kleinen Indiespielen wie Pocketwatch Games für „Monaco“. Diese Form der Fan-Beteiligung gibt es eigentlich schon immer. Bisher konnte man es eher im Moddingbereich beobachten, wie beispielsweise mit „DOTA“ oder bei den zahlreichen Open-World-Spielen mit ihrer sogenannten „moralischen“ Entscheidungsfreiheit. Zwar ist die Reihe „Mass Effect“ kein echtes Open-World-Spiel, aber in wohl kaum einem anderen Spie, verbinden sich diese Entscheidungen und die vorgegebene Handlung zu einem derart persönlichen Spielerlebnis.

Für viele Spieler ist das Ende von "Mass Effect 3" eine Zumutung. (Bild: EA)

Wenn im dritten Teil all diese Entscheidungen zusammenkommen, ist die Illusion nahezu perfekt. Ein leidenschaftlicher „ME“-Spieler darf sich als Autor in dieser Military-SF-Oper fühlen und reagiert entsprechend feinfühlig, wenn sein Werk verändert wird. Genau das tat aber Bioware in den Augen vieler Fans. „Mass Effect 3“ endet nicht im üblichen Blockbuster-Allerlei. Das mag Kalkulation sein, um DLC-Verkäufe anzukurbeln, oder es ist einfach nur Ausdruck künstlerischer Kreativität (oder Unvermögens). In jedem Fall ist es Unsinn, ein anderes Ende zu fordern. Zum einen ist es fraglich, ob ein neues Ende wirklich besser wäre und zum anderen glaube ich nicht, dass der Massenmarkt mit seinem Gezicke das Recht zu dieser Forderung hat. Vielleicht bin ich etwas altmodisch, aber für mich wird eine künstlerische Botschaft durch die Vision einzelner Menschen geprägt und nicht durch Schwarmintelligenz. Dabei ist es hinfällig zu diskutieren, ob „ME“ wirklich Kunst ist – es geht ums Prinzip. Mein Rat: Lebt damit! Kurioserweise ist ja die Diskussion, um künstlerische Entscheidungen – also genau das, was gerade hier passiert – wesentlich für das Erwachsenwerden eines Kunstmediums.

Sind wir nicht alle ein bißchen Borg?

Das war jetzt ein ganz schöner Rundumschlag: vom kleinen finnischen SF-Trash bis zum Triple A-Spieleblockbuster. Es sind aber alles Symptome für ein Phänomen: „Wir“ wollen dabei sein! Wie in einem Borg-Kollektiv will die Masse über Inhalte entscheiden. Die Grenzen zwischen Macher und Nutzer verwischen und das klingt natürlich sehr demokratisch, aber es kann auch im Chaos enden (kennt einer noch „Forbidden Planet“?), denn: Jede Meinung ist keine Meinung. Kunst ist in meinen Augen nun mal ein sehr persönlicher Prozess. Gerade dieser Ausschnitt aus der Masse macht seinen Reiz aus, denn sie zeigt eine andere Perspektive gesellschaftlicher Eigenarten oder Probleme und ist das Gegenteil von Massengeschmack. Durch das Werk des Künstlers und seiner Rezeption kommt es erst zur Botschaft, die „Kunst“ wertvoll macht.

Wenn ihr also etwas bewegen wollt, hört auf zu labern und euer Geld zum Fenster herauszuwerfen. Bezieht Stellung, lernt programmieren, das Schreiben von Drehbüchern oder wie man eine Kamera bedient. Kurz, macht es selber.

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Magst du ihn teilen?
Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Share on LinkedIn

Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 16. April 2012

6 Kommentare zu “Iron Sky: Das habt ihr nun davon

  1. „Crowdfunding ist im Moment der heißeste Shit seit Erfindung von Flattr“ [Zitat aus Artikel auf http://www.polygamia.de/iron-sky; Andreas Müller]

    Flattr finde ich persönlich als besten Weg Autoren, Künstler und weiteren Internetpräsenzen ein kleines Dankeschön zu hinterlassen. Aber dieses Crowdfunding….. Okay, wenn sich eine Gruppe an etwas beteiligen will und dementsprechend mitwirken möchte, finde ich die Grundidee gut: Jedoch steht und fällt das wohl mit der Anzahl der Teilnehmenden sowie das Ganze noch halbwegs unter einen Hut zu bekommen.
    Was ich aber viel verrückter finde: Vor einigen Tagen habe ich einen Bericht im Fernsehen gesehen in dem sich Personen ihre komplette Reise ge-crowdfunded haben. Eine junge Dame hat berichtet, dass der halbjährige Island-Urlaub sie nicht einen Pfennig (ups… Cent) gekostet hat. Als Gegenleistung gab es eine Postkarte oder persönliche Videobotschaft.
    Finde ich sehr erschreckend, dass wir in unserer Gesellschaft große Missstände haben, jedoch fremden Menschen den Urlaub zu finanzieren, dafür haben die Menschen noch genügend Geld.

    • Du musst dir dass halt mal vorstellen: Fans stecken wildfremden „Profis“ das Geld in den Mund nur weil sie mit ein paar Zeilen das Blaue vom Himmel versprechen. Ich glaube, dass es für einen Produzenten selten einfacher war, an Geld zu kommen – ohne lästige Formulare oder Auflagen. Wenn’s schief geht? Wen juckt’s.

  2. Ich bin eigentlich auch gegen Crowdfunding. Gerade „große“ Namen sollte man meinen, sollten keine Probleme haben so „lächerliche“ Summen wie 1 Million oder ähnlich von einem Publisher oder einer Bank finanziert zu bekommen. Der schale Geschmack bleibt, als sollten damit finanziell wirklich untaugliche Projekte, auf die der Macher und eine Handvoll Fans scharf sind, irgendwie – und wenn auch nur mit ach und krach – auf die Beine gestellt werden.

    Selbst ein Chris Hülsbeck ist sich nicht zu blöde, auf den Zug aufzuspringen: http://www.kickstarter.com/projects/chris-huelsbeck/turrican-soundtrack-anthology-by-chris-huelsbeck

    Wobei ich gar nicht sagen will, dass die Projekte immer schlecht sind. Viele derzeit durch die Spielepresse geisternde gefallen mir sehr gut. Und mir ist klar, dass die Macher, auch wenn es oben negativ klang, diese Projekte machen wollen, weil sie ihnen persönlich am Herzen liegen. Aber, wenn das Projekt erfolgreich ist, dann verdienen sie sich dumm und dämlich. Solange crowdfunding also nicht wie eine Aktie funktioniert, also dass die Spender anteilig ihrer Spendenhöhe am Gewinn beteiligt werden, solange sollen die mal machen. Ich werde da sicher nicht mein sauer verdientes drinnen versenken.

    Chris Hülsbecks Projekt sehe ich z.B. persönlich sehr kritisch. Soll er doch ein Internetportal machen, und seine Songs dort hochladen … nein, es muss eine teure CD Produktion für 75.000 Dollar sein.

    Ein Projekt, über das ich mich persönlich freue ist Shadowrun Returns:
    http://www.kickstarter.com/projects/1613260297/shadowrun-returns

    Warte ich doch seit der SNES-Fassung auf einen würdigen Nachfolger. Und ich verstehe auch nicht, wie solche Perlen wie Vampire The Masquerade, Shadowrun oder Legacy of Kain immer noch keine Nachfolger gespendet bekommen haben.

  3. Grundsätzlich finde ich nicht alles schlecht an Crowdfunding! Dabei gehe ich genau in die gleich Richtung, die schon „Spiritogre“ beschreibt, nämlich das „Herzensprojekt“. Das beste Beispiel war wohl der Kick-off dieser neuen Bewegung, die Aktvitität von Double Fine auf Kickstarter. Irgendwie nimmt man dem Adventure-Opa Tim Schafer doch irgendwie ab, dass er mit dem nun zur Verfügung stehenden Geld ein Spiel abliefern wird, dass nicht nur uns gefällt, sondern ihm schon immer am Herzen lag. Das funktioniert aber auch nur dann, wenn jemand wie Schafer sich in der Vergangenheit auch schon einen gewissen Ruf erkämpft hat. Wären „Psychonauts“ und „Stacking“ nicht gewesen, möchte ich bezweifeln, dass er solche Unsummen in den Rachen geschoben bekommen hätte, nur weil er nett angefragt hat.

    Natürlich springt jetzt die halbe Welt auf und fordert alles mögliche – und das reicht von belächelten Dingen wie eine „Larry“-Neuauflage zu wirklichem Blödsinn wie dem neuen Ende von „Mass Effect 3“ (und ohne das Spiel bereits gespielt zu haben, danke ich Andreas für diese klaren Worte der Vernunft an die rebellierende Gamer-Gemeinde). Auch das wird sich wieder beruhigen, nämlich genau dann, wenn die Grenzen des Ganzen erkannt wurden und die meist wohl vorherrschende Verarsche als solche entlarvt werden konnte.

    Die Idee, das durch Crowdfunding entstandene Projekt als Aktie zu behandeln, finde ich allerdings durchaus interessant und könnte einen Weg darstellen, diese ganze Masche doch mehr zu einem ernsthaften Business-Projekt anstatt zu einem kurzlebigen Phänomen zu machen.

  4. Binding schrieb am :

    Ich habe „Iron Sky“ mit einem relativ großen Betrag mitfinanziert, weil ich die Grundidee und das Konzept von Anfang an genial fand. Der fertige Film hätte zwar in der Tat besser – und vor allem auch satirisch schärfer – sein können, aber ich bin trotzdem stolz darauf, das Projekt unterstützt zu haben. Ich freue mich natürlich, falls ich jetzt auch noch was an den Einnahmen verdiene, aber selbst wenn nichts mehr von meinem Geld zurückkommt, hatte ich ein sehr gutes Gefühl bei der Sache. Wieso soll ich nicht etwas unterstützen, das ich für unterstützenswert halte?

    • Natürlich kannst du unterstützen, was du willst. Nur werden in erster Linie die Macher davon profitieren, egal ob durch die Einnahmen oder neue Jobmöglichkeiten. Bei der ganzen Crowdfunding-Idee mangelt es mir an Absicherung für die Unterstützer. Ich persönlich habe kein Geld zu verschenken.

Kommentar schreiben