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Sagte ich nicht, es wird Regen geben?!

Geschrieben von Sven
Sagte ich nicht, es wird Regen geben?!

Mit meinen über 31 Jahren gibt es leider nur noch wenige Spiele, auf die ich mich wirklich, ernsthaft und mit einer Intensität freue. Zu oft wurde mir der immer gleiche Mist in anderer Hülle vorgesetzt, zu häufig habe ich Spiele erlebt, die ich – obwohl sie neu waren – längst kannte. Shooter, Rollenspiele,Jump&Runs – quasi jedes Genre wurde millionenfach ausgeschlachtet, einzig die technischen Möglichkeiten ändern sich mit den Jahren.

Aber bei „Heavy Rain“ war so einiges anders. Ein interaktives Schauspiel versprachen mir Sony und Entwickler Quantic Dream. Eine fantastische Geschichte voller Dramatik sollte mich erwarten. Eben etwas ganz Einzigartiges, etwas Außergewöhnliches. Das weckte meine Neugier ganz gewaltig! Und tatsächlich sollte meine Freude nicht zerstört werden, obwohl für „Heavy Rain“ letztendlich dank des indirekten Vorgängers „Fahrenheit“ nichts neu erfunden werden musste…

Für das neue Werk der Franzosen bereitete ich mich ausgiebig vor: Ich spielte nochmals das 2005 vielfach gelobte „Fahrenheit“ und schrieb ein Special über die kurze Historie der Schmiede. Auf das Angucken der bereits bei Youtube in Massen veröffentlichten Videos verzichtete ich gänzlich, ich wollte mich schließlich nicht „spoilern“ lassen. Und das war eine gute Entscheidung, denn „Heavy Rain“ ist so Story-lastig, dass der Spielspaß zerstört worden wäre, hätte ich im Vorfeld bereits zu viel gewusst. So gesehen kann ich niemanden das Ausprobieren der Demo empfehlen, denn die dort präsentierten Abschnitte stammen aus dem zweiten Kapitel und ergeben nur dann einen richtigen Sinn, wenn ihr sie im Kontext der Handlung betrachtet. Dies ist in meinen Augen elementar wichtig, denn nicht das Gameplay von „Heavy Rain“ strahlt eine unglaubliche Stärke aus, sondern die Schicksale der vier Protagonisten.

Ethan Mars, der shizophrene(?) Architekt.
Ethan Mars, der schizophrene(?) Architekt.

„Heavy Rain“ bringt euch die Erlebnisse der Figuren nach und nach näher. Abwechselnd schlüpft ihr in die Rollen der Charaktere, im Grunde genauso wie schon bei „Fahrenheit“. Doch während damals das mysteriöse Orakel das Bindeglied zwischen den Hauptdarstellern war, ist es dieses Mal der unheimliche Origami-Killer. Dieser entführt Kinder, die in der Regel nach vier Tagen tot aufgefunden werden – mit Schlamm im Gesicht, einer Orchidee auf dem Körper und einem gebastelten Vogel in der Hand. Mehr oder weniger besitzen alle vier klare Motive, wieso sie den Psychopathen suchen. Allerdings wird dies erst im Verlauf der rund achtstündigen Geschichte klar. Dass der drogenabhängige FBI-Agent  Norman Jaydon den Mörder aufspüren will, ist sofort ersichtlich. Denn es ist schließlich sein Job, den er gemeinsam mit einem unsympathischen Polizisten zu erledigen hat. Erneut wählt Quantic Dream also Gesetzeshüter, jedoch ist das Verhältnis zwischen Jaydon und seinem Kollegen nicht ganz so gut wie das zwischen Carla Valenti und Tyler Miles („Fahrenheit“). Aber auch hier besucht man einen Tatort oder die Polizeidirektion – was ich nicht sonderlich einfallsreich finde, da Ähnliches schon beim „Vorgänger“ aufgegriffen wurde. Besser ist bei „Heavy Rain“, dass das Setting in der nahen Zukunft angesiedelt ist (wie übrigens bei „Fahrenheit“ damals!) und Jaydon über eine praktische High-Tech-Brille verfügt, mit der er Spuren lokalisieren, DNA-Proben nehmen und sogar Akten analysieren kann. Ein cleverer Trick, um zum einen die typische Polizeiarbeit zu vermitteln und zum anderen eine womöglich langweilige Inventar-Klickerei zu umgehen. Ferner wurde das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Bullen-Duo und….[das kann ich nicht sagen]..um LÄNGEN besser inszeniert, so wird man es aus besten Thrillern kennt.

Ein FBI-Agent auf Abwegen
Ein FBI-Agent auf Abwegen

Die ersten Stunden werdet ihr nicht verstehen, was der Privatdetektiv Scott Shelby in „Heavy Rain“ zu suchen hat. Der toll inszenierte sowie charismatische Mann sucht die Angehörigen der letzten Opfer auf, um ihnen Informationen zu entlocken. Kurioserweise haben sie tatsächlich Fakten parat, aber erst nachdem Shelby ihnen aus schwierigen Situationen geholfen hat. Da will sich eine in der Badewanne ermorden, ein anderer wird von einem Dieb überfallen.  Als Spieler stellt sich recht schnell die Frage: „Wieso besucht er die Eltern der getöteten Kinder und sagt ihnen, dass er die Hinterbliebenen der Opfer vertritt?“ Eine Antwort darauf – die findet ihr hoffentlich selbst heraus!

Die Beweggründe von Ethan Mars werden viel schneller klar. Der Architekt verlor seinen ersten Sohn durch einen tragischen Unfall, den ihr in „Heavy Rain“ im Tutorial zu überstehen habt. Sein zweiter Sohn wird zwei Jahre später (in der Gegenwart sozusagen) vom Origami-Killer entführt. Der fiese Clou ist allerdings, dass er noch lebt und Ethan die Chance hat, ihn zu retten. Dazu muss er sich aber auf ein wirklich krankes wie perfides Spiel einlassen und die Zeit nicht verstreichen lassen. Welche Bedeutung der namensgebende Regen hier hat? Das sei an dieser Stelle sicher nicht verraten.

27 Jahre jung - die attraktive Madison!
27 Jahre jung – die attraktive Madison!

Und da ist noch die attraktive Madison Paige. Sie leidet unter Alpträumen und Ängsten in ihrer eigenen Wohnung, was sie zwangsläufig zur Flucht in x-beliebige Motels treibt. Denn dort kann sie beruhigt schlafen. Wie der Zufall es so will: In einer grässlichen Absteige trifft sie auf Ethan Mars, um ihn zu verarzten….

Die Rahmenhandlung soll genügen, um euch die Figuren zu skizzieren, zu groß ist die Gefahr, euch womöglich die Spannung zu nehmen. Denn das ist das Herzstück von „Heavy Rain“. Ihr durchlebt tragische Schicksale auf eine zumindest mir neue Art und Weise. Eigentlich versprühen die „Helden“ gar nicht mal so viel Charisma aus und so manches ihnen mitgespieltes Unglück tangiert euch weniger. Aber die Darstellung der Ereignisse, das Agieren der Leute, das Reagieren auf Vorfälle – das ist unglaublich faszinierend, tiefgründig und dann doch emotional. Emotional deshalb, weil Ethan, Madison und Co. absolut glaubwürdig auftreten – so wie man es von ihnen in einer solchen Situation erwarten würde. Es ist unbestreitbar, dass jeder vernünftige Familienvater alles für das Leben seines Sohnes tun würde. Oder, dass ein Polizist einfach nur versucht, seinen Job gut zu machen. Alle vier Protagonisten besitzen ihre klar definierten Rollen, ganz genauso wie in gut gemachten Kinofilmen. Bei der Ausgestaltung und Auswahl der „Schauspieler“ hat man sich fraglos an Celluloid-Vorlagen orientiert.

Wenn ihr „Heavy Rain“ aus typischer Spieler-Sicht betrachtet, da ihr zum Beispiel mit „Call of Duty“ und „God of War“ aufgewachsen seid, dann kann nur die Enttäuschung dominieren. Reduziert ihr den Titel auf das Gameplay, erhaltet ihr nichts, was wirklich noch nie dagewesen ist. Denn „Heavy Rain“ ist ein simpel gestricktes Adventure, bei welchem ihr eure Protagonisten mittels einer gewöhnungsbedürftigen Steuerung durch ihren abenteuerlichen Alltag geleitet und ständig mit den an sich wenig geliebten „Quick-Time-Events“ konfrontiert werdet. Ja, im Großen und Ganzen hat sich gegenüber „Fahrenheit“ nicht viel getan, sogar die grandiosen Kamera-Einstellungen im Stil der TV-Serie „24“ sind wieder mit dabei. Und ja: Wer den „Vorgänger“ schon nicht mochte, wird den kleinen Hype um „Heavy Rain“ nicht verstehen. Zumal das Spiel sicher nicht das Potential der PS3-Leistungsfähigkeit ausnutzt, schließlich ruckelt es stellenweise, es kommt zu Tonaussetzern und einige Objekte bzw. manche Gebiete hätten ein paar zusätzliche Texturen vertragen können. Dafür punktet der geniale und immer passende Soundtrack durch seine bedrückenden Klänge, die sich regelrecht ins Hirn brennen.

FBI-Agent und sein unfreundlicher Kollege!
FBI-Agent und sein unfreundlicher Kollege!

Wo ist also der Kick? Für mich ist dieser ganz klar die Erzählweise bzw. das allgemeine Vermitteln der Geschichte samt ihrer durchaus überraschenden Wendungen. Dass „Heavy Rain“ in der Vergangenheit häufiger als „Interactive Drama“ bezeichnet wurde, ist natürlich kein Zufall. Und Quantic Dream zeigt, dass man heutzutage ohne weiteres in der Lage ist, trotz einer einfachen Spielmechanik einen Anspruch zu formen, den man sonst aus Filmen kennt. Diese permanente Kühle, die die Charaktere umgibt – kombiniert mit dem leicht deprimierenden Grundtenor der Schauplätze – das erzeugt ein einzigartiges Bild. Wie bei Jason Bourne erlebt ihr ein Wechselbad der Gefühle, das von fast langatmiger Tristesse bis hin zu Nonstop-Action reicht. Adrenalinpegel nach oben, Adrenalinpegel nach unten. Bedrückende Ruhe, Sorge um den Charakter. Schaffe ich den QTE? Er könnte ja sterben oder einen Fehler begehen! Will ich das ausprobieren? Selbstverständlich wird einem die Entscheidungsfreiheit nur vorgegaukelt, aber in diesem locker sitzenden Korsett funktioniert „Heavy Rain“ tadellos. Und wenn ich in einem Spiel unbedingt wissen möchte, wie es weiter geht, dann haben die Entwickler verstanden, wie sie eine Story zu erzählen haben. Suboptimal ist es übrigens, dass Spielstände bei „Heavy Rain“ nicht beliebig gespeichert werden können, obwohl ihr zum Beispiel jemanden töten könnt und dadurch die Story ändert. Wenn ihr also einen solchen Weg wählt, könnt ihr dies nicht direkt rückgängig machen.

Trotz des fast schon emotionslosen Ambientes sind es die Charaktere, welche nie zu nah an die Gefühle des Spielers herantreten, die ihre Gedanken durch ihre Handlungen zur Schau tragen und damit die eigenen Sinne stimulieren. Ich will nicht behaupten, dass mich Scott oder Ethan zum Weinen bringen könnten, es sind ja doch nur virtuelle Akteure in einem tragischen Theaterstück. Aber sie bewegen mich, sie überwältigen meine nüchterne Betrachtungsweise auf das Spiel. Hier offenbart sich, dass Quantic Dream nach „Fahrenheit“ einen evolutionären Sprung geschafft hat, der – so floskelhaft das klingen mag – den interaktiven Spielfilm in eine neue Dimension katapultiert.

Vom Komödie kann bei Heavy Rain wirklich nicht die Rede sein!
Von Komödie kann bei Heavy Rain wirklich nicht die Rede sein!

Ich denke, dass es noch eine Steigerung in diesem Sub-Genre geben kann, denn ganz ehrlich: Mich haben Szenen in eins, zwei anderen Spielen ein wenig mehr bewegt. Beispielsweise den Tod meiner Freundin in „The Darkness“ oder sogar die Ermordung meines Kumpels in „The Saboteur“. Jedoch ist mir kein Spiel, auch nicht „Fahrenheit“, bisher unter die Finger gekommen, das das Storytelling auf einem solch konsequent hohen Niveau hält wie „Heavy Rain“. Es sei betont, dass euch einige wirklich große Momente geboten werden, die Gänsehaut garantieren. Sensationell und erstklassig! Definitiv! Und wenn das allein nicht schon Grund genug ist, sich den Titel zu kaufen, tja..dann weiß ich wirklich nicht, was ihr von Spielen erwartet. Oder anders ausgedrückt: Wer nicht im Ansatz die Qualitäten zu schätzen weiß, der braucht sich nicht zu wundern, dass Spiele nicht als Kulturgut angesehen werden – kleine Logiklücken hin oder her. Die kommen auch in den besten Filmen vor.

Abschließend eine kleine Beruhigung: Während „Fahrenheit“ in der zweiten Spielhälfte durch nervige QTEs und eine ins Banale abdriftende Geschichte massiv abbaute, hält sich „Heavy Rain“ wacker bis zum Schluss. Ob ich das Spiel nochmals neu beginne? Wahrscheinlich, ich will doch erfahren, ob manche Handlungen womöglich doch größere Auswirkungen haben können. Bei meinen ersten Versuchen (zum Glück gibt es ja die Kapital-Auswahl) konnten nur zwei der Charaktere sterben und manche Situationen sind immer fest vorbestimmt, also unveränderbar. Aber: Manche Filme werden ja auch beim zweiten oder dritten Mal gucken besser. Wobei…kann „Heavy Rain“ seinen Anspruch noch steigern? Es ist ja „nur“ ein Spiel?

Achja, fast hätte ich es vergessen: Die deutsche Synchro, über die ich euch schon vor einige Zeit aufklärte, ist in Ordnung. Nicht weltbewegend, nicht lippensynchron, aber akzeptabel. Glücklicherweise könnt ihr jederzeit die Sprache wechseln, neben der englischen Tonfassung findet ihr beispielsweise die französische (das Original), die spanische oder die niederländische auf der Blauscheibe. Qualitativ sind die englischen und die deutschen Sprecher gleichwertig, glücklicherweise zerstören sie zu keiner Zeit die Atmosphäre – wie bei „Fahrenheit“.

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 14. Februar 2010

5 Kommentare zu “Sagte ich nicht, es wird Regen geben?!

  1. Waffeln schrieb am :

    Wow, das hört sich alles sehr gut an. Der Bericht hat dann doch meine erwartungen etwas runtergeschraubt, was die grafik anbelangt. Aber das stoytelling muss ja so überagend sein, ein pflichtkauf

  2. Naja, Heavy Rain ist grafisch selbstverständlich NICHT schlecht und stellenweise auch toll. Aber es ist für mich wie Fahrenheit: Hinkt seiner Zeit ein wenig hinterher. Speziell wenn man z.B. die Charakterdarstellungen in Mass Effect 2 sieht, ist es bei Heavy Rain doch einen Touch schwächer – aber immer noch sehr gut und für das Spielkonzept mehr als ausreichend. Wiederum gibt es einige Szenen, die wirken mächtig veraltet..manche Fahrzeuge, einige Schauplätze…

  3. Robin schrieb am :

    Nu muss ich dich aber doch mal fragen, wie du darauf kommst, dass Fahrenheit 1995 erschienen ist? Ich glaube, dass hattest du ja auch bei einem andren Heavy Rain-Artikel schon geschrieben. Dabei kam der Titel doch erst 10 Jahre später.

    Ich habe den Artikel hier aber nur ganz grob überflogen, da ich so wenig wie möglich über das Spiel erfahren will, bevor ich es selbst ausprobieren kann (:

  4. Ups..ja, Du hast Recht. 10 Jahre daneben..keine Ahnung, wie ich auf 1995 komme. Ist natürlich totaler Quatsch, Quantic Dream gibts ja erst seit 1997 :)

    Und zum Überfliegen: Ich habe den Artikel absichtlich so gestaltet, dass er im Grunde Spoiler-frei ist. Das, was ich an Story verrate, das ist zum einen zu 80% bekannt, zum anderen gibts davon schon einige Videos (auch offizielle). War natürlich pure Absicht, eben weil man bei einem Spiel wie Heavy Rain nicht spoilern sollte. Die ersten Tests, die ich so gesehen habe, finde ich deshalb auch ziemlich daneben, weil sie viel zu viel verraten.

  5. DAS IST WIRKLICH DAS BESTE SPIEL WAS ICH JE GESPIELT HABE! EIN ABSOLUTER MUSS! FAHRENHEIT WAR SCHON DER HAMMER! UND JETZT DAS! DER WAHNSINN ÜBERHAUPT! EINE GANZ NEUE ERA! ICH KAM MIR VOR WIE: WILKOMMEN IN EINER NEUEN WELT! MACHT UNHEIMLICH SPAß! SOGAR DIE KOMPLETTE STORY KANN WEICHEN JE NACH HANDLUNG!

    EIN ABSOLUTER MUSS FÜR SPIELEFREUNDE! LEIDER NUR AUF DER PS3 ERHÄLTLICH!

    ICH SAGE NUR:

    2010 – HEAVY RAIN

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