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Geschmacksverfehlung

Geschrieben von Sven
Geschmacksverfehlung

Was ist nur los mit mir? Die edlen Trüffel aus Frankreich oder das Haifischflossen-Sushi aus Japan wollen mir nicht munden. Doch ein 1-Euro-Burger von McDonalds bereitet meinem Gaumen große Freude. Davon will ich mehr, aber zu schwer im Magen sollte so ein fettiges Ding nicht liegen – das könnte schließlich Sodbrennen verursachen. Stimmt etwas mit meinem Geschmack nicht? Mein Arzt sagte, ich werde sterben – irgendwann. Aber meine Frage konnte er nicht beantworten. Eine kleine Selbst-Analyse soll das Problem finden. Ich vermute: Ich habe die Casual-Grippe!

saboteur ac2

Denn anders kann ich mir nicht erklären, wieso mich ein Assassin´s Creed 2 sowas von kalt lässt. Nicht einmal die Szene, in der „mein“ kleiner Brunder erhängt wird, konnte mich zu einem Hauch von Emotion verleiten. Anders bei dem von der Fachpresse zerrissenen Saboteur. Die Sequenz, in der „mein“ Kumpel von einem stereotypen Nazi einfach so erschossen wird, hebt mich dann doch an. Auch spielerisch geht mir Assassin´s Creed 2 so ziemlich auf den Keks: ein billig inszenierter Beginn, ein kontinuierlicher Pseudo-Anspruch, ein irgendwie unsympathisches Szenario und sooo viel Langatmigkeit. Saboteur spricht mich deutlich mehr an, und das nicht nur, weil mir hier manchmal nackte Brüste serviert werden. Klar, die Missionen sind teils simpel und bieten nur selten etwas grundlegend Frisches, und die Klischee-beladene Geschichte ist auch nicht das Maß aller Dinge, aber das letzte Spiel von Pandemic zeigt, dass ich das Weltkriegs-Szenario nach wie vor ertragen kann, wenn es in einem anderen und sympathischen Kontext präsentiert wird. Bei Assassin´s Creed 2 wiederum: Das Renaissance – Setting reizt mich überhaupt nicht, und wieso wird das Mysterium Leonardo Da Vinci so dämlich dargestellt? Das geht ja mal gar nicht!

In anderen Genres sieht es ähnlich komisch aus: Bayonetta zum Beispiel. Das neue Hack´n´Slay von Platinum Games widert mich an. Sicher, die Protagonistin und das einzigartige Szenario sind außergewöhnliche Alleinstellungsmerkmale, aber das stupide Rumgekloppe in einem verrückten Tempo hat mir schon bei der Demo keine Freude bereitet. Höchstwertungen von der Fachpresse? Mir egal, denn ich habe keine Lust auf epileptische Anfälle nach einer Zockstunde. Die Probierversion von Dante´s Inferno gefällt mir hier schon besser, nicht nur weil es das neue Metzel-Epos von den Dead Space – Machern schafft, ein an sich literarisch anspruchsvolles Universum glaubhaft in Szene zu setzen. Spielerisch ist alles etwas gemächlicher, lästig sind nur die respawnenden Gegner und die qualitativ sehr wechselhaften Schauplätze. Während mich die Story-relevanten Sequenzen beeindrucken, sind manche Kämpfe visuell mehr als ernüchternd. Aber Dante´s Inferno wird was Großes, da zweifle ich nicht daran. Für uns Westeuropäer wird das EA-Spiel sicher besser geeignet sein als der kunterbunte Bayonetta-Mumpitz.

bayo dante

Und noch ein krasser Vergleich: Modern Warfare 2 vs. SpongeBobs: Eiskalt Entwischt. Infinity Wards Shooter hab ich nach knapp zwei Stunden ausgemacht, weil ich die Stupido-Ballerei nicht mehr erleben wollte. Laut PC Games – Motivationskurve hab ich die Höhepunkte nach der umstrittenen Flughafen-Sequenz nicht mehr gesehen, aber wozu auch? Mich haben schon die ersten Minuten nicht interessiert, angeblich provokative Story hin oder her. Ich war so naiv zu glauben, dass die Entwickler ausnahmsweise mal etwas mehr Tiefgang in die Serie bringen könnten, aber was mir hier vor Augen geführt wird, kotzt mich an. Ein Mainstream-Billig-Shooter für Kiddis? Dumm nur, dass der Gewaltgehalt so hoch gehalten ist, dass nur Volljährige loslegen können. Genau das Gegenteil ist Eiskalt Entwischt. Ein farbenfrohes Jump&Run mit dem gelben Schwamm. Eigentlich kann man beide Titel nicht miteinander in Verbindung bringen, höchstens beim Spielspaß. Und kurioserweise hat mir das Hüpfen durch knuffige Gebiete mehr Freude bereitet, trotz vieler konzeptioneller Makel, einer wenig guten Synchronisation und eines zu hoch angesetzten Schwierigkeitsgrades. Seltsam, oder?

mw2 eiskalt

Es bleibt aber festzuhalten: Ein Spiel ist in einigen Bereichen wie ein Film. Können mich die ersten zehn Minuten nicht in den Bann ziehen, macht mir das Produkt im Gesamten viel weniger Spaß, egal ob später noch irgendwas Sensationelles geschieht. Und ein Spiel sollte sich  entscheiden, was es will:  Wenn Anspruch, dann bitte richtig! Wenn Unterhaltung, dann ohne vermeintlichen Tiefgang. Wenn simpler Spaß, dann gefälligst konsequent durchdacht! Die hier genannten TOP-Titel können mich nicht überzeugen, denn: Modern Warfare 2 ist auf dem furchtbar oberflächlichen Niveau eines Jumper oder noch besser Shoot´em´Up, obwohl es mehr suggerieren möchte. Bayonetta erinnert an irgendwelche asiatische Martial-Arts-Filme: Unverständliche Story, viel Metzelei und massig dargestellte Opulenz – aber ohne Sinn und Verstand. Und Assassin´s Creed 2 will mir einen nicht vorhandenen Anspruch vorgaukeln. Dumm nur, dass die Geschichte die Komplexität eines Wanted besitzt und die Entwickler nichts von dem Vermitteln von Gefühlen verstehen.

Also dann doch lieber ein konsequent auf Entertainment getrimmtes Action-Feuerwerk wie Saboteur, dem ich sogar Fehler in allen Kategorien eingestehe. Oder ein „billiges“ Hüpfspiel mit dem TV-Schwamm, das einfach nur sagen möchte: Hab Spaß mit den Nick-Charakteren. Oder Dante´s Inferno, das immerhin eine gute Balance zwischen angedeuteter Philosophie und Gewalt hinbekommt.

Da könnte ich jetzt zum Schluss kommen: Nicht ich besitze die Geschmacksverfehlung, sondern die Käufer der ganzen Hype-Spiele! Genau! So muss es sein. Und ich bin jetzt selbst beruhigt: Mit der gefährlich tödlichen Casual-Grippe hat das nichts zu tun! Puh, Glück gehabt!

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Über Sven

Sven Wernicke ist Gründer von Polygamia.de. Geboren Ende der 1970er Jahre in Halle/Saale (damalige DDR), begann der erste Kontakt mit Computer- und Videospielen kurz nach der Wende....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 12. Dezember 2009

Ein Kommentar zu “Geschmacksverfehlung

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