0

Doppelmoral

Geschrieben von Andreas

Drollig: Deutschen Spielejournalisten war es egal, dass „Resident Evil 5“ rassistische Tendenzen hat oder das Schlagringe als Spielegadgets verschickt werden, aber bei einer Flughafenszene in „Call of Duty: Modern Warfare 2“ (Activison Blizzard) erahnen sie den Untergang des Abendlandes. Noch besser: Einerseits gibt es „flammende“ Plädoyers gegen diese Sequenz, aber im Test gibt es trotzdem hohe Wertungen. Diese widerliche Doppelmoral hat natürlich einen Grund, denn deutsche Spiele“jounalisten“ sind in ihrem Beruf wahrscheinlich nur selten über eine Review oder den Abdruck einer Pressemittteilung hinausgekommen.

Darum geht es: Im Spiel „Modern Warfare 2“ nimmt der Spieler als Doppelagent an einem Massaker auf einem Flughafen teil. In der Original-Version kann er auch wehrlose Zivilisten töten, in der deutschen Version (USK: 18) ist stattdessen sofort Gameover. Natürlich ist dies ein kalkulierter und aufsehenerregender Tabubruch seitens Publisher und Entwickler Infinity Ward. Da hilft es auch nichts, wenn der Autor Jesse Stern es verteidigt. An sich ist die Idee gut – Kunst muss Tabus brechen – aber Infinty Ward versagt danach auf ganzer Linie. Was nämlich zum Nachdenken hätte anregen können wird durch die dumpfe Moral des Spiels vollkommen überspielt. „MW2“ ist ein C-Picture, inszeniert von Michael Bay.

Get the Flash Player to see the wordTube Media Player.
Die umstrittene Szene aus Modern Warfare 2

Der deutsche Spielejournalismus reagiert darauf mit einer bis dahin nicht gekannten Kritik: Gamestar und Gamepro sehen in einer Kolumne neue Argumente für alle Killerspielegegner, geben aber trotzdem 89 % bzw. 93 % – eine unverständliche Doppelmoral. Jörg Luibl, Chefredakteur von 4Players kritisiert die Szene zwar auch, aber trotzdem vergibt sein Magazin fast 90 %.  Schade, denn Luibl zählt zu den wenigen Querdenkern in der Szene. Lediglich Gameone widmet sich neben der obligatorischen Killerspieldiskussion auch künstlerischen Aspekten: Die Entwickler haben erzählerisch viel zu viele Defizite, als das sie es wagen sollten, die Grenzen des Mediums auszutesten. Dadurch wird die Flughafenszene als pupertärer Ulk entlarvt.

Jeder Spieler muss sich aber fragen, ob das Vorgehen von Infinty Ward überraschend ist. „Call of Duty“ war schon immer Propaganda-Software. Reaktionär und dumm.

Spektakulär und kalkuliert - ein sicherer Millionhit

Um das Verhalten der deutschen Spielejournalisten zu verstehen, muss man wissen, wer denn dahinter steckt. Die meisten „Tester“ sind Schüler oder Studenten, die für ihre Arbeit erbärmlich bezahlt werden und manchmal dürfen sie als einzigen Lohn nur das Testmuster behalten. Mit anderen Worten: Es ist eine besonders günstige Art an ein Spiel heranzukommen. Diese Form von „Bürgerjournalismus“ mangelt es an Mut, Erfahrung und Stilbewusstsein. Das ist fatal, denn diese „Journalisten“ haben einen wesentlichen Anteil daran, wie das Medium nach außen hin wahrgenommen wird. Als kritischer Spielejournalismus gilt heute eine Wertung unter 80%, aber dass jedes Spiel eine Botschaft hat (moralisch, ethisch, gesellschaftlich), die man immer kritisch hinterfragen sollte, rückt in den Hintergrund. Stattdessen zeigt man per Screenshot urinierende Söldner („Crysis“), um den hohen Detailgrad der Grafik zu verdeutlichen. Lächerlich.

Die Kollegen wollen es sich nicht mit dem „Papi“ Publisher verderben. Wenn sie es mit ihren Kolumnen ernst gemeint hätten, wäre das Spiel zwar besprochen, aber nicht bewertet worden – dann wäre eine Diskussion über Gewalt oder Moral in Computerspielen möglich gewesen. Nun dürfte es dem Publisher aber ziemlich egal sein, ob das Spiel moralisch verwerflich ist – die PR-Kampagne hat funktioniert und gekauft hat es jeder.

Die traurige Moral ist nämlich die: Die Spieler wollen es nicht anders. Wir sind halt nur Killerspieler.

Hat Dir dieser Beitrag gefallen? Magst du ihn teilen?
Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someoneShare on Google+Share on LinkedIn

Über Andreas

Andreas Müller wurde 1968 in Mainz geboren. Schon früh faszinierten ihn die visuellen Medien des 20. Jahrhunderts, nichtsahnend, dass er später einen Film wie Seven zu seinem Lieblingsfilm erheben würde....[weiterlesen]

Veröffentlicht am 30. November 2009

Kommentar schreiben